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Wirtschaft

"Lehman beim Ertrinken zugeschaut"

Eine Bank musste untergehen, um das geplante Bankenrettungsprogramm durch den US-Senat zu bekommen - davon ist der Ex-Lehman-Banker Lawrence McDonald noch heute überzeugt. DW-WORLD.DE hat mit ihm gesprochen.

Das Lehman-Hauptquartier in New York (Foto: apn)

Lehman-Hauptquartier: Lawrence McDonald saß im 3. Stock

Buchcover Dead Bank Walking. Wie Lehman Brothers zusammenbrach. von Lawrence McDonald (Foto: Hoffmann und Campe)

McDonald-Buch: Erinnerung und Abrechnung mit den ehemaligen Chefs

Es ist September 2008 - die Finanzkrise steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die Bank Merrill Lynch wird an die Bank of America verkauft. Die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac müssen vom Staat gestützt werden, als in der Nacht auf Montag die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmeldet. Lawrence McDonald arbeitete im dritten Stock der 158 Jahre alten Institution. Er hat ein Buch geschrieben - in Deutschland beim Hoffmann und Campe Verlag erschienen unter dem Titel: "Dead Bank Walking: Wie Lehman Brothers zusammenbrach".

Es ist September 2010 in New York. In der 53. Straße, nur wenige Häuserblocks vom ehemaligen Lehman Brothers Hauptquartier entfernt, sitzt Lawrence McDonald in einem Café und erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: "Im Sommer 2008 haben wir nichts als gehofft - gehofft, gehofft, gehofft." McDonald war stellvertretender Leiter der Abteilung Handel mit Schuldtiteln und Wandelanleihen bei Lehman Brothers in New York.

"Wir sind die letzte Wall Street Bank, die man einfach so alleine lässt zum sterben, das dachten wir bis zum Schluss", erinnert sich McDonald. Für sein Buch "Dead Bank Walking: Wie Lehman Brothers zusammenbrach" hat der Investmentbanker nicht nur seine eigenen Erinnerungen verarbeitet, sondern auch mit vielen ehemaligen Kollegen gesprochen. "Ich habe Giganten weinen sehen", sagt McDonald. Menschen, mit denen er gearbeitet habe, die 20 oder 30 Jahre bei Lehman waren und selbst viel Geld verloren haben. "Gebrochene Menschen, zerschmetterte Herzen, zerfetzte Leben", sagt McDonald heute.

Arroganz in der Chefetage

Das Lehman-Hauptquartier in New York (Foto: apn)

Lehman-Hauptquartier in New York: Arroganz in der 31. Etage

Die Mitarbeiter bei Lehman Brothers seien keine skrupellosen Banker gewesen, die sich hemmungslos verzockt und damit die ganze Welt in den Abgrund gerissen hätten. Es sei die Chefetage gewesen, die Lehman ruiniert habe. "Stellen Sie sich eine Rakete vor, rund 250 Meter hoch", so der Banker. "Ganz oben ist eine Kapsel mit Astronauten aus den 80er Jahren. Aber die Rakete selbst besteht aus Technologie aus dem 21. Jahrhundert." Die Chefetage habe einfach keine Ahnung gehabt, was unten im Handelsraum eigentlich passierte.

Den Vorstandsvorsitzenden Richard Fuld und seine Kollegen habe man im dritten Stock nie gesehen. "Sie schotteten sich ab: Für jeden Dollar, den wir unten verdient haben, haben sie oben sieben bis acht verloren", meint Lawrence McDonald. Dort sei man beschäftigt gewesen mit Wachstum und Globalisierung. "Es waren mehr Personaler im 31. Stock beschäftigt, die sich um Vielfalt gekümmert haben, als Risiko-Manager", kritisiert der Buchautor. Dabei hätte dort eigentlich das Nervenzentrum eines 750 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds sitzen müssen. Denn das sei Lehman zu diesem Zeitpunkt gewesen.

Persönliche Eitelkeiten

Im Handelsraum im dritten Stock habe man erste Anzeichen, dass etwas schief lief, schon 2006 bemerkt. "Als man versuchte, die Chefetage zu warnen, wurde der Überbringer der Nachricht wenige Wochen später entlassen", sagt Mc Donald. Richard Fuld wollte sich von niemandem reinreden lassen.

Lehman-Chef Richard Fuld (Foto: apn)

Lehman-Chef Richard Fuld: Die Gabel auf den Tisch geknallt

Auch der damalige Finanzminister Henry Paulson - viele Jahre Fulds Konkurrent bei der Investmentbank Goldman Sachs - habe ihn bei einem Abendessen im Sommer 2008 warnen wollen. "Ihr müsst eure Risken loswerden. Da kommt was auf uns zu, hat Paulson zu unserem Vorstandsvorsitzenden gesagt", erzählt McDonald. Richard Fuld habe seine Gabel auf den Teller geknallt und Paulson darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Job sehr viel länger mache, als Paulson den gleichen vorher bei Goldman Sachs. "In diesem Moment war Lehmans Schicksal wahrscheinlich entschieden", meint McDonald rückblickend.

Eine Bank musste untergehen

Henry Paulson

Ex-Finanzminister Henry Paulson: Lehman vergeblich gewarnt

Ob AIG, Bear Stearns oder Merill Lynch - alle großen Investmentbanken hatten in die gleichen Produkte investiert und die gleichen Fehler gemacht. Die Regierung habe die Chaoswelle heranrollen sehen, und McDonald meint, eine Bank habe untergehen müssen, um das geplante Bankenrettungsprogramm durch den Senat zu bekommen. "Sie haben Lehmans Kopf unter Wasser gedrückt und beim Ertrinken zugeschaut", sagt McDonald.

Heute seien die Banken weltweit in viel besserer Verfassung. Sie hätten ihre Bilanzen gesäubert und Risiken minimiert. "Aber nicht wegen der neuen Finanzreformen, sondern aus Angst", meint McDonald . Zwei Jahre nach dem Losbrechen der Krise finden vor dem US-Kongress immer noch Anhörungen und Untersuchungen statt, die Licht ins Dunkel bringen sollen und eigentlich auch Schuldige suchen sollten.

McDonald gehen die Bemühungen in den USA, die Schuldigen zu bestrafen, nicht weit genug. Man sehe, dass beispielsweise in Deutschland der Vorstandschef der IKB Bank im Zusammenhang mit der Krise wegen einer geschönten Telefonkonferenz aus dem Jahr 2007 vor Gericht stehe und vielleicht ins Gefängnis müsse. "Solche Dinge sind hier auch passiert, auch unsere Vorstände haben das gemacht, aber keiner schickt sie ins Gefängnis. Das ist falsch."

Autorin: Miriam Braun
Redaktion: Rolf Wenkel

Lawrence McDonald ist Autor des Buches: Dead Bank Walking. Wie Lehman Brothers zusammenbrach. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010. 416 Seiten, 22 Euro.

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