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Wirtschaft

"Globaler Finanzmarkt braucht globale Regeln"

Zwei Jahre nach dem Crash der Lehman-Bank: Wie weit ist die Reform der Finanzmärkte gekommen? Es bleibt noch viel zu tun, meint der Bankenexperte Udo Steffens im Gespräch mit DW-WORLD.DE

Prof. Udo Steffens (Foto: DW-TV)

Prof. Udo Steffens

DW-WORLD.DE: Professor Steffens, ungefähr ein Drittel des weltweiten Bruttosozialproduktes musste aufgewendet werden, um die Banken dieser Welt zu retten und um die große Depression zu vermeiden. Dennoch versank die Wirtschaft in einer tiefen Krise. Es war ein hoher Preis, den die Welt bezahlt hat. Zwei Jahre nach der Lehman Pleite: Haben die Banken ihre Lektion gelernt?

Udo Steffens: Die Banken haben sicherlich ihre Lektionen gelernt. Gleichwohl sind es bisher Lektionen, die sich im Wesentlichen im inneren Management der jeweiligen Banken wiederfinden, in ihren Strategien oder im Produktdesign. Die Regulierung, also der rechtliche Rahmen, in dem die Finanzwirtschaft in Deutschland und global agiert, wird gerade reformiert. So sind bisher erst wenige Tatbestände gesetzlich umgesetzt worden.

Da hat es auch Alleingänge gegeben: die Deutschen beispielweise mit dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe. Bringt das etwas oder ist es nicht besser, sich wirklich international abzustimmen? Ist das nicht sogar die einzige Möglichkeit?

Ich glaube, diese globale Finanzkrise hat einen Widerspruch deutlich gemacht, der uns wahrscheinlich noch in den nächsten Dekaden beschäftigen wird: Die Früchte der Globalisierung haben wir alle sehr genossen: Billige Produkte, internationale Mobilität ― wir durften viele neue Dinge kennenlernen. Gleichwohl sehen wir gerade in der Finanzindustrie, dass unsere Regelungsrahmen immer noch national sind. Doch sie haben sich auf Grund der schnellen Transferierbarkeit von Waren und der weltweiten Kommunikationsgeschwindigkeit als obsolet erwiesen. Von daher ist ein Verbot spezieller ungedeckter Leerverkäufe eher ein Symbol. Denn jede international agierende Bank kann an jeden anderen Finanzplatz ausweichen, der ungedeckte Leerverkäufe erlaubt.

Nun sollen Banken mehr Eigenkapital vorhalten. Das werden die G20-Staaten auf ihrem Gipfel im November wohl so beschließen. Natürlich kommen sofort die Gegenargumente: Allein die zehn größten deutschen Banken bräuchten allein 100 Milliarden Euro zusätzliches Kapital. Das wird dann sofort in Arbeitsplätze umgerechnet und als Bedrohung für die Wirtschaft dargestellt. Ist das eine faire Diskussion?

Natürlich brauchen wir höhere Eigenkapitalanforderungen in gewissen Maßen. Denn in der Krise hat sich gezeigt, dass es am Ende des Tages auf das Eigenkapital ankommt. Oder anders: Kann die Bank bezahlen oder kann sie es nicht? Ich bin auch überzeugt, dass eine höhere Eigenkapitalquote zu einer gewissen Entschleunigung beitragen würde und zu weniger komplexen Fragestellungen und Produkten in der Bank- und Finanzindustrie führen wird. Das ist etwas, was alle wollen.

Was ja auch immer angeführt wird von den Banken, dass sie womöglich Wettbewerbsnachteile bekämen hier in Europa, wenn die Regulierung zu streng würde verglichen mit der in Amerika. Nun sind die Amerikaner aber schon viel weiter: Sie haben schon ein Finanzmarktreformgesetz in Kraft gesetzt. Auch wenn sicher noch Jahre vergehen, bis es wirklich greift. Aber sehen Sie diese Wettbewerbsnachteile auch?

Ich glaube nicht, dass es unmittelbare Wettbewerbsnachteile sind. Vielmehr sollten wir in der Europäischen Union versuchen, einen mehr oder weniger einheitlichen europäischen Finanzraum - gekrönt mit der gemeinsamen Währung - zu schaffen. Wir sollten Vor- und Nachteile abwägen, innere Widerstände überwinden und an einer europäischen Banken- und Finanzarchitektur arbeiten. Natürlich wissen wir, dass insbesondere der Finanzplatz London sehr stark positioniert ist. Aber auch Frankfurt, Paris, Zürich oder Amsterdam wollen ein Stück vom Kuchen haben. Was allerdings auffällig ist, und was uns zu denken geben sollte, ist die Rigorosität, mit der die politische Klasse in den USA diese Dinge wirklich kontrovers bis auf Messers Schneide diskutiert, um dann eine Lösung, wenn auch durch kräftige Lobbyarbeit abgespeckt, zu präsentieren. Überraschend ist die Vitalität, mit der jetzt die geretteten Banken ihre Schulden beim Staat zurückzahlen ― und das, wie ich finde, in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit. Die Amerikaner haben 130 Banken Pleite gehen lassen. Wir hingegen haben bis heute keine einzige Bank wirklich Pleite gehen lassen, sondern haben das alles quasi den Steuerzahlern aufgebürdet.

Sie haben ja das Ohr auch an der Masse. Die Frankfurt School of Finance & Management sitzt dort, wo das deutsche Finanzherz schlägt, nämlich in Frankfurt am Main. Was hören Sie aus Bankerkreisen, wie sehen die ihre Situation, wie sehen die ihren Ruf, wie sehen die ihr Image im Moment?

Die verantwortlichen Entscheidungsträger stehen enorm unter Druck. Doch der Ruf des Bankers war ohnehin nie gut. Das liegt auch an der gewissen Distanz zwischen der Bevölkerung und den Banken. Insbesondere in der Krise spürte man sie deutlich. Mein Eindruck ist, dass dies mit der Abhängigkeitsstruktur und der individuellen oder institutionellen Verschuldung zu tun hat. Hinzu kommt, dass die Politik und die Bankenwelt nicht nur kaum miteinander verbunden sind ― mehr noch, als Außenstehender spürt man ein tiefes gegenseitiges Misstrauen – was für die Lösung von Krisenphänomenen alles andere als hilfreich ist.

Vor zwei Jahren ist Lehman zusammengebrochen. Damals wurde sehr schnell der Ruf nach einer neuen Weltfinanzarchitektur laut. Wenn Sie das mal mit einem Haus vergleichen: Wo sind wir heute angelangt, zwei Jahre danach?

Es wird bei einer Architekturskizze bleiben. Ich glaube nicht, dass es in den nächsten zehn Jahren ein solches gemeinsames Haus geben wird. Der Markt wird als ein solches gemeinsame Haus fungieren, doch man wird ihn nicht in Beton und Steine gießen können, denn es wird immer wieder Innovationen geben.

Die Kernfrage lautet: Darf man dem Markt und den Marktakteuren erlauben, systemische Krisen in dem Ausmaß herbeizuführen, wie wir sie jüngst erlebt haben. Dieses Ausmaß gilt es zu begrenzen. Von daher wird man gewisse Grundpfeiler einbauen – etwa über Eigenkapitalanforderungen, über neue Vergütungssysteme für Topmanager, über Anreizsysteme für Mitarbeiter. Das wird es geben, aber nicht im Sinne von Gesetzen. Denn die Gesetze werden im Wesentlichen national bleiben, die wir dann über die Europäische Kommission EU-weit harmonisieren. Und die G20-Staaten müssen dann die Dinge weltweit abstimmen.

Professor Dr. Udo Steffens ist Präsident und Vorsitzender der Geschäftsführung der Frankfurt School of Finance & Management. Dort ist er auch Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre.

Das Gespräch führte Henrik Böhme.

Redaktion: Rolf Wenkel

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