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Nahost

Leben und Schreiben unter dem Damokles-Schwert

Vor 20 Jahren verhängte Khomeini die Fatwa über Salman Rushdie. Der Autor der 'Satanischen Verse' ist nach wie vor religionskritisch eingestellt, aber er protestiert auch lautstark gegen die Diskriminierung von Muslimen.

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Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie

Ayatollah Khomeini 1985

Ayatollah Khomeini zwang Salman Rushdie mit seiner Fatwa in den Untergrund

Als Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989 seine Fatwa über Salman Rushdie verhängte, setzte er in England Ereignisse in Bewegung, die das iranische Todesurteil an Dramatik noch übertrafen. Die Einwanderer vom indischen Subkontinent, für die sich Rushdie mit seinem literarischen und gesellschaftlichen Engagement eingesetzt hatte, verbrannten jetzt in den Straßen von London und Birmingham seine Bücher und forderten wutentbrannt seinen Kopf. Die Frau aber, die Rushdie in seinen Artikeln und Essays über Jahre auf das schärfste kritisiert hatte, hielt nun schützend ihre Hand über ihn. Der in Bombay geborene Rushdie hatte seit 1964 einen britischen Pass, und Margaret Thatcher, die britische Premierministerin erklärte, dass der britische Staat gewaltsame Übergriffe auf seine Bürger nicht dulden würde. Wie sehr die "Eiserne Lady" damals von linken Künstlern und Intellektuellen gehasst wurde, mag man sich heute kaum mehr vorstellen. Doch in diesem Testfall verteidigte sie die Prinzipien der Kunstfreiheit und der freien Rede.

Verlust der Freiheit und der politischen Heimat

Margaret Thatcher porträtfoto

Großbritanniens damalige Premierministerin Margaret Thatcher verteidigte den Schriftsteller.

Rushdie, der sich bis dahin als linkskritischer Intellektueller verstanden hatte, als Antagonist gegenüber Staat und Regierung, verlor durch die Fatwa also nicht nur sein Leben in Freiheit, sondern auch seine politische Heimat. Begleitet von der Häme ehemaliger Weggefährten und mit dem Schutz des alten Gegners, verkörpert durch den britischen Geheimdienst, ging also Rushdie für zehn Jahre in den Untergrund. Er schlief in Wohnungen ohne Fenster und wechselte mehrmals in der Woche das Domizil. Oft wachte er auf und wusste nicht einmal, in welcher Stadt er sich befand. Mittlerweile lebt Rushdie in New York. Ganz ohne Personenschutz kommt er zwar nicht aus, aber die Drohungen, die regelmäßig zum Jahrestag der Fatwa bei ihm eingehen, seien nicht mehr als "eine Art islamistischer Valentins-Gruß", so Rushdie.

Die Macht der Literatur

Buchcover: Die satanischen Verse von Salman Rushdie

Damals aber, vor zwanzig Jahren, löste Rushdies vierter Roman eine globale Krise aus und demonstrierte so auf dramatische Art und Weise die Macht der Literatur. Bei gewaltsamen Protesten kam es zu hunderten von Toten, auf mehrere Buchhandlungen, die den Roman im Sortiment führten, wurden Bombenanschläge verübt. Der türkische Übersetzer des Buches wurde Opfer eines Anschlags, den er überlebte. Dass es sich bei den "Satanischen Versen" um einen der großen Romane des 20. Jahrhunderts handelt, wurde von den tragischen Ereignissen überschattet. Rushdies vierter Roman war bereits mit dem Whitbread Award für Best Novel of the Year ausgezeichnet worden, darüber hinaus war er Finalist für den bedeutenden Booker Prize. Jede weitere literarische Würdigung hätte für alle beteiligten Personen jedoch die Bedrohung von Leib und Leben bedeutet. Nicht zuletzt aus diesem Grund geriet die literarische Bedeutung dieses komplexen Kunstwerks zu Unrecht in Vergessenheit.

Khomeinis persönliche Rache?

Studenden demonstrieren in Teheran, Iran, Juni 2007

Demonstrierende Studenten in Teheran

Dass Khomeini die Fatwa nicht allein aus religiösen oder machtpolitischen Gründen erlassen hat, sondern möglicherweise auch aus dem Motiv persönlicher Rache, ist ein nach wie vor hartnäckiges Gerücht. Schließlich war das wenig schmeichelhafte Porträt des im Westen exilierten Imams im Roman unmissverständlich dem iranischen Revolutionsführer gewidmet. Rushdie hatte Khomeinis Abhandlung über "Die Natur des Wassers" gelesen und den darin enthaltenen Begriff von der 'Reinheit' als Gegenentwurf zu seiner eigenen Vorstellung einer pluralen, offenen Gesellschaft ausgemacht. Anstatt nun aber ein grotesk überzeichnetes Abbild eines religiösen Fanatikers zu zeichnen, entschloss sich Rushdie, mit einem psychologisch nüchternen Porträt die erbarmungslose Brutalität von Khomeinis Weltbild zu demaskieren – glaubwürdiger und nachhaltiger, als je eine Karikatur dazu imstande gewesen wäre. Im September 1998 hat die iranischen Führung zwar offiziell erklärt, dass die Fatwa kein Thema mehr sei – doch immer wieder erklären konservative geistliche Führer, dass das Todesurteil noch Gültigkeit habe, darunter auch der politische und religiöse Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei. Auch gibt es immer wieder ein paar radikale Studentenorganisationen, die Spendenaktionen starten, mit denen dann wieder ein neues Kopfgeld auf Rushdie ausgesetzt wird.

Rushdies unbestechliches Engagement

Indien Kaschmir Massenproteste in Srinagar Polizei

Indische Soldaten gehen gegen muslimische Demonstranten in Kaschmir vor

Dieser schwierigen Umstände zum Trotz lässt sich Salman Rushdie aber nicht zu Pauschalurteilen über den Islam hinreißen. Im Gegenteil: Immer wieder warnt er vor der Gleichsetzung von gläubigen Muslimen und radikalen Islamisten. Auf die Frage, ob die Gewaltbereitschaft im Islam nicht im Wesen der Religion selbst begründet ist, erklärt Rushdie, der Koran enthalte nicht mehr und nicht weniger Aufrufe zur religiös begründeten Gewalt als die Heiligen Schriften anderer Religionen. Regelmäßig kritisiert der in Bombay geborene Brite die Gewalt, mit der das indische Militär das muslimische Kaschmir drangsaliert. Und wenn V.S. Naipaul öffentlich erklärt, dass die muslimische Invasion im 11. Jahrhundert die indische Kultur zerstört habe, meldet sich Rushdie zu Wort und erteilt dem Nobelpreisträger eine Lektion. Das ist eigentlich das Erstaunlichste an der ganzen Rushdie-Affäre: Dass sich der Autor der "Satanischen Verse" den traumatischen Ereignissen zum Trotz seinen Intellekt nicht von niederen Motiven hat lenken lassen und sich die Unabhängigkeit seines Urteils bewahrt hat. Aus dem Grund ist Salman Rushdie das geblieben, was er vor der Fatwa war: ein freier Mann.

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