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Flüchtlinge in Deutschland

Leben nach der Flucht: Bildung und Schule (Teil 3)

Mehrere hunderttausend Kinder und Jugendliche sind seit 2015 nach Deutschland geflüchtet, sie haben Anspruch auf Bildung. Doch können die deutschen Schulen, Universitäten und Ausbildungsbetriebe die Nachfrage bewältigen?

Schulleiterin Sibylle Clement ist optimistisch: "Manche Kinder können sich schon nach wenigen Monaten ganz gut verständigen, obwohl sie anfangs gar kein Deutsch konnten", sagt sie. An ihrer Grundschule im Bonner Norden werden zurzeit 25 geflüchtete Kinder unterrichtet, Unterstützung erhält sie von Studenten des Faches "Deutsch als Fremdsprache" an der Uni Bonn. Auch untereinander helfen sich die Schüler. Ehrenamtliche packen mit an, zusätzliche Lehrerstellen hat Clement jedoch nicht bekommen. Dennoch sagt sie: "Ich will mich nicht beklagen."

Wie viele Kinder und Jugendliche in den vergangenen drei Jahren nach Deutschland geflohen sind, lässt sich nur schätzen. Das Registrierungssystem für Flüchtlinge, EASY, hält das Alter grundsätzlich nicht fest. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden in der Zeit von Januar 2015 bis Dezember 2016 etwa 300.000 Asylanträge von Minderjährigen gezählt. Die tatsächliche Zahl der Kinder und Jugendlichen dürfte Mitte 2017 noch deutlich höher liegen.


Für die Schulen bedeutet die Flüchtlingswelle von 2015/2016 vor allem sehr viel Arbeit. Denn die Schulpflicht gilt auch für geflüchtete Kinder: mit einem Schlag sind tausende neue Kinder hinzugekommen. Die Bundesländer haben deshalb etliche Stellen neu geschaffen. Laut einer DW-Anfrage wurden in Nordrhein-Westfalen - dem Bundesland mit den meisten aufgenommenen Flüchtlingen  - 2015 und 2016 rund 5.800 Extra-Stellen eingerichtet, davon 1200 Lehrerstellen für "Deutsch als Fremdsprache".  Zusätzlich stehen seit 2016 rund  3,5 Millionen Euro zur Verfügung - für Weiterbildungen, Lernmittel oder Aushilfen. Das Schulministerium für NRW schätzt, dass rund 42.000 Schüler seit dem Schuljahr 2015/16 eingewandert sind.


Auch in Baden-Württemberg wurde investiert  - das Land schuf etwa 1000 zusätzliche Lehrerstellen für rund 40.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche. In Bayern wurden etwa 1.100 neue Planstellen geschaffen. Zur Orientierung:  Im Jahr 2016 wurden in Baden-Württemberg insgesamt 87.000 Asylanträge gestellt, in Bayern 84.000 und in NRW 203.000.

Wartezeiten und fehlende Standards

Trotz  dieser Anstrengungen: Nicht immer können die Kinder sofort in die Schule gehen. In einigen Bundesländern setzt die Schulpflicht schon beim Asylantrag ein, in anderen Bundesländern erst nach einer mehrmonatigen Wartefrist. Das heißt: Kinder und Jugendliche, die in Erstaufnahmeeinrichtungen leben, müssen teilweise lange warten, bis sie in die Schule gehen können – so verstreicht wertvolle Zeit, um Deutsch zu lernen


Auch die Lage an den Schulen selbst ist verbesserungswürdig, kritisiert Wolfgang Bos, Bildungsexperte beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Denn die jetzigen Lehrer sind in der Regel nicht ausreichend ausgebildet, um geflüchtete Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen zu unterrichten. „Es ist ja nicht damit getan, dass man die gleiche Erklärung nochmal abgibt - nur doppelt so laut.“ Außerdem sei nicht geregelt, wie lange die Kinder in den Vorbereitungsklassen bleiben sollen. Auch landesweite Einstufungs-Tests gebe es nicht.


Junge Erwachsene über 18 fallen aus der Schulpflicht heraus und müssen zunächst mit ihrem mitgebrachten Bildungsabschluss punkten. Die gute Nachricht: Laut einer Befragung des BAMF unter rund 25.000 Asylantragstellern haben die meisten eine weiterführende Schule besucht - nämlich über 65 Prozent. 17 Prozent haben sogar einen Hochschulabschluss vorzuweisen. Die schlechte Nachricht: Ein Fünftel der Befragten hat lediglich eine Grundschule besucht  - und 10 Prozent war auf gar keiner Schule. Für sie dürfte es besonders schwer werden, Anschluss auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zu finden.  

An den Hochschulen erwartet die Bundesregierung einen kleinen Ansturm: etwa 70.000 Bewerbungen von Flüchtlingen sollen laut Bundesregierung in den kommenden Jahren eintrudeln. Doch Wohnsitzauflagen schränken die Auswahl an Universitäten für die Abiturienten deutlich ein.
 


Beliebt ist das deutsche Ausbildungsmodell – eine praktische Lehre setzt weniger perfekte Deutschkenntnisse voraus als ein Studium. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft beschäftigen mittlerweile zehn Prozent der Unternehmen Geflüchtete. In großen Firmen ab 250 Mitarbeitern ist es sogar ein Drittel. Doch auch kleine Betriebe bieten Ausbildungs- oder Praktikumsplätze an. Wie etwa Nariman Hamchoro. Die Friseurin bildet in ihrem Salon in Bonn-Bad Godesberg aus. An die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche kann sie sich selbst noch erinnern - 2004 kam sie selbst von Syrien nach Deutschland. "Gute Sprachkenntnisse sind der Schlüssel", sagt sie.
 

Lesen Sie hier Teil 1: Angekommen
Lesen Sie hier Teil 2: Deutsche Sprache
Lesen Sie hier Teil 4: Arbeit und Beruf
Lesen Sie hier Teil 5: Wer darf bleiben?

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