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Kultur

Latein zur besten Radio-Sendezeit aus Finnland

Der Status quo hat sich seit 1989 nicht geändert: Der finnische Radiosender YLE strahlt Nachrichten auf Latein aus. Für die Moderatoren ist die Herausforderung groß, einer toten Sprache neues Leben einzuhauchen.

In einem lebhaften Café im Zentrum von Helsinki durchblättert Student Antti Ijas ein lateinisches Wörterbuch auf seinem iPhone. Er schlägt gerade nach, was "Deutsche Welle" auf Latein heißt.

"Vielleicht 'Unda teotonica', aber ich bin mir nicht sicher, ob das korrekt ist", sagt er. "Oh je, würde man hier 'teotonica' benutzen? Ich habe eigentlich noch nie über irgendetwas 'Deutsches' geschrieben, aber das kann ich schnell rausfinden."

Dass er nicht prompt die richtige Antwort parat hat, ist sicherlich zu verzeihen. In der Sprache Ciceros wird der Ausdruck "Deutsche Welle" wahrscheinlich nicht allzu häufig vorgekommen sein. "Unda germanica - das hört sich eigentlich ganz gut an", sagt Ijas, nachdem er nun für dieses knifflige Problem eine Lösung gefunden hat.

Es dürfte klar sein, warum diese Übersetzung so schwierig ist: Wie die meisten Radiostationen strahlt die Deutsche Welle kein Programm auf Latein aus. Falls sich das mal ändern sollte, wäre Antti Ijas ein geeigneter Ansprechpartner - wie auch die anderen Mitglieder eines kleinen Teams, die an 'Nuntii Latini' arbeiten, einem Nachrichtenprogramm, das es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die internationale Radiowelt mit einem Hauch der antiken Welt anzureichern.

Zungenbrecher

Bei Nuntii Latini liest Laura Nissinen, ebenfalls Mitarbeiterin des Radioteams, die Nachrichten.

"Margaret Thatcher, pristina princeps ministra Britanniae octoginta septem annos nata, die Lunae mane diem supremum obiit. Causa mortis nuntiatur fuisse infarctus cerebri."

Radiogerät © Serggod - #32877444 - Fotolia.com

Beste Sendezeit für lateinisches Radio in Finnland

Dieser Text über den Tod der britischen Premierministerin Margaret Thatcher im April beleuchtet einige der Schwierigkeiten, mit denen sich dieses außergewöhnliche Radioprogramm herumschlägt.

"Wenn hier Eigennamen vorkommen, egal in welcher Sprache - finnisch oder englisch - fällt es einem immer schwer, plötzlich die lateinische Aussprache abzusetzen, um diese englischen oder finnischen Namen auszusprechen, und dann mit dem Latein weiter zu machen", sagt sie. "Dadurch wird es schwierig, den ganzen Satz flüssig auszusprechen, auch wenn der Name an sich eigentlich gar nicht so schwierig ist."

Lateinische iPhones

Eine weitere Herausforderung besteht darin, technologische Konzepte, die für Caesar und seine Untertanen schwer begreiflich gewesen wären, auf verständlichem Latein zu beschreiben.

Im Lauf der letzten Jahre hat das Programm alles mögliche abgehandelt, von "Investigatio genorum" - Genforschung - bis hin zu "arma perniciosa", oder Massenvernichtungswaffen. Einige der übersetzten Begriffe klingen auf Latein recht holprig, aber es gibt auch andere Begriffe, die sich auf Latein wunderbar präzise und elegant anhören, wie beispielsweise der Ausdruck für Tierrechtsaktivist - "zoophilus" - oder für eine Raumfahrtstation - "astropolis." Während der Begriff "Internet" unproblematisch ist, sind andere technische Begriffe nur sehr schwer zu übersetzen.

"Offensichtlich ist 'Inter' ja sowieso ein lateinisches Wort, und 'net' wird mit 'rete' wiedergegeben", erklärt Nissinen. "Also haben wir bereits die perfekte lateinische Übersetzung dieses Wortes. Ich denke, wir sollten 'iPod' nicht mit 'ee-poose' oder sowas übersetzen. Das wäre einfach zu blöd. Ein Lateiner würde sich darüber bestimmt totlachen."

Finnische Lateinfans

Das Nuntii Latini Team sucht jede Woche fünf oder sechs Themen aus. Das Programm beginnt mit den wichtigsten internationalen Nachrichten, worauf ein kulturelles Thema folgt. Lokale finnische Themen kommen auch nicht zu kurz.

Obwohl es in der finnischen Sprache kaum lateinischen Einfluß gibt, war das erste im Land komponierte Musikstück eine Untermalung des lateinischen Liedes 'Ramus Virens Olivarum.' Lateinische Inschriften schmücken das im 19. Jahrhundert erbaute Universitätsgebäude von Helsinki. Seit dem 20. Jahrhundert werden in Finnland Lateinkenntnisse besonders hoch eingeschätzt.

Ijas ist besonders stolz darauf, dass das lateinische Radioprogramm mittlerweile zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird. "Ich nehme an, dass Nuntii Latini in Finnland sehr bekannt ist, weil es genau vor den Hauptnachrichten ausgestrahlt wird", sagt Ijas.

'Keinesfalls eine tote Sprache'

Schüler im Unterricht Foto: Ingo Wagner +++(c) dpa - Report+++

Latein ist wieder beliebt - vor allem an deutschen Schulen

Vor einigen Jahren hat Nuntii Latini internationale Konkurrenz bekommen. Seit 2001 produziert Radio Bremen ebenfalls ein Nachrichtenprogramm auf Latein. Antti Ijas, Laura Nissenen und ihre Hörer deuten dies als Zeichen dafür, dass diese Sprache, die einst in der halben - damals bekannten - Welt gesprochen wurde, so lebendig ist wie eh und je.

"Wenn wir Latein als eine tote Sprache bezeichnen, was genau ist damit eigentlich gemeint?", fragt Ijas. "Normalerweise bedeutet dies, dass diese Sprache von keinem Volk mehr als Muttersprache gesprochen wird. Englisch wird jedoch als eine besonders lebendige Sprache angesehen, weil es von so vielen Menschen als zweite oder dritte Sprache gesprochen wird. Also wird diese Verwendung einer Sprache durchaus als ein Zeichen ihrer Lebendigkeit gesehen."

Nuntii Latini ist mittlerweile auch außerhalb von Finnland bekannt. Antii Ijas ist für die Korrespondenz zuständig, er beantwortet Emails von internationalen Hörern, von denen viele auf Latein verfaßt sind.

Er hat schon mit Hörern in den Vereinigten Staaten, Spanien und Japan korrespondiert - auch aus Deutschland kommen viele Zuschriften, zumeist mit Korrektur-Hinweisen bezüglich der Aussprache und Grammatik.

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