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Bildung

Schulfach Latein: Es lebe die tote Sprache!

Jahrelang wurde dem Unterrichtsfach Latein ein baldiger Tod vorhergesagt. Statt dessen ist die alte Sprache in Deutschland lebendiger denn je. An Gymnasien lernt jeder dritte Schüler Latein. Das ist weltweit einzigartig.

Lateinunterricht vor einer mit lateinischen Sprichwörtern beschriebenen Tafel (Foto: dpa)

Latein-Unterricht in Bremen

Das Johanneum ist die älteste und traditionsreichste Schule der Hansestadt Hamburg. Hinter den dicken Mauern des alten Rotklinker-Baus aus dem 19. Jahrhundert wird seit jeher viel Wert auf alte Sprachen gelegt. Auf dem humanistischen Gymnasium lernen die Schüler bereits ab der 5. Klasse Latein.

Die Statue von Johannes Bugenhagen vor dem Eingang zum Johanneum in Hamburg (Foto: DW/Janine Albrecht)

Das Hamburger Johanneum ist die älteste Schule der Hansestadt

"Viele Eltern wählen das Johanneum aus, weil sie für ihre Kinder eine besondere Schulbildung wünschen", sagt Anna Schünemann, die hier seit vier Jahren Latein und Deutsch unterrichtet. Sie sieht diesen elitären Touch kritisch. Latein sei mehr als ein außergewöhnliches  Fach, mit dem sich Eltern einen Vorteil für ihre Kinder versprechen, betont Anna Schünemann. Sie ist Lateinlehrerin aus Leidenschaft, und diese Freude an der alten Sprache versucht sie auch ihren Schülern zu vermitteln.

Ovid ist auch nach 2000 Jahren noch aktuell

Um die römische Zeit lebendig werden zu lassen, bespricht  Anna Schünemann mit ihren Schülern ein Bild, das sie mittels Overhead-Projektor auf die Leinwand projektiert. Darauf sind Römer zu sehen, die auf einer Tribüne sitzen. "Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae", liest Carla aus ihrem Lateinheft vor. Die Übersetzung liefert eine Mitschülerin: "Sie kommen um zu sehen und selbst gesehen zu werden." Eifrig diskutieren die Schüler darüber, was diese Worte des berühmten römischen Dichters Ovid, der vor mehr als 2000 Jahren lebte, mit dem heutigen Leben zu tun haben.

Lateinunterricht am Johanneum, Klasse 9d, Lehrerin Anna Schünemann steht vorne am Pult (Foto: DW/Janine Albrecht)

Lehrerin Anna Schünemann will den Schülern Freude an der alten Sprache vermitteln

Anna Schünemann versucht immer wieder, ihren Unterricht so anschaulich zu gestalten, dass die Schüler Spaß daran haben und sich auch für die römische Kultur interessieren. "In meiner Schulzeit ging es nur um die Sprachvermittlung", erinnert sich die 33-jährige Lehrerin. Kein Wunder, dass sie ihre Liebe zu dieser alten Sprache erst im Studium fand. Anna Schünemann gibt offen zu, dass sie Latein eigentlich nur gewählt  hat, weil sie wusste, dass Lateinlehrer gesucht werden, und sie wollte unbedingt Lehrerin werden.

Immer mehr Lateinstudenten

Ein Grund, den offenbar auch andere Schulabgänger entdeckt haben. Denn auch an den Unis steigt seit etwa sieben Jahren die Zahl der Latein-Studierenden. "Dieser Schulboom scheint sich auch auf die Unis übertragen zu haben", beobachtet Claudia Schindler. Sie leitet das Institut für Griechische und Lateinische Philologie an der Universität Hamburg. "Die Unis, die die klassische Latinistik in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgefahren und viele Stellen gestrichen haben, sehen sich plötzlich mit großen Massen von Studierenden konfrontiert."

Schüler der Klasse 9d im Lateinunterricht (Foto: DW/Janine Albrecht)

Nicht alle Schüler am Johanneum lernen freiwillig Latein

Ob nun Vernunft oder Leidenschaft zum Lateinstudium führt, eines haben die Studenten gemeinsam: Sie entscheiden sich freiwillig für das Fach. Bei den Schülern sieht das meist anders aus. "Meine Mutter wollte, dass ich Latein lerne", gibt Ruben zu. Dabei lacht er, und auch seine Mitschüler grinsen zustimmend. Ruben hätte lieber Italienisch gelernt. Auch Carla gesteht, dass ihr Englisch mehr Spaß als Latein macht. Ihr Tischnachbar Markus lenkt ein, dass zwar die wenigsten in der Klasse Latein später nutzen würden, aber die alte Sprache das Lernen schult. "Latein ist eine sehr logische Sprache, und sie hilft, klar zu denken."

Latein ist keine Eintrittskarte mehr fürs Studium

So wie dieser 14-Jährige argumentieren auch viele erwachsene Latein-Befürworter. In Deutschland scheinen Wert und Nutzen von Latein wieder höher angesehen zu sein. Ganz anders bei den europäischen Nachbarn. Außer in Österreich ist das Fach dort nahezu aus den Stundenplänen verschwunden, selbst italienische und französische Schüler müssen sich kaum noch mit den Wurzeln ihrer romanischen Muttersprache auseinandersetzen. An den Unis scheint man sich über die Grenzen hinweg zunehmend einig zu sein. Das Latinum wird kaum noch gebraucht - weder in Deutschland noch im Ausland.

Prof. Claudia Schindler, Leiterin des Institus für Griechische und Lateinische Philologie an der Universität Hamburg (Foto: DW/Janine Albrecht)

Für Claudia Schindler ist Latein mehr als nur eine "tote" Sprache

Claudia Schindler von der Uni Hamburg glaubt allerdings, dass durch Lateinunterricht auch Schüler aus Migrantenfamilien einen Lernvorteil bekommen. Sie verweist auf eine aktuelle Studie der Berliner Humboldt-Universität, die dem Unterrichtsfach Latein eine starke integrative Kraft bescheinigt. "Wenn man türkische Schüler Latein lernen lässt, gibt man ihnen auch diesen analytischen Zugang zur Sprache, und ein analytischer Zugang zur Sprache hilft dann wieder beim Erlernen weiterer Sprachen", betont Schindler.

Doch für sie und wohl auch viele andere Latein-Liebhaber ist die alte Sprache mehr als nur Grundlage für weitere Fremdsprachen, logisches  Denken oder diszipliniertes Lernen. "Es ist ein Teil unserer Kultur, man kommt zu den Wurzeln."

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