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Nahost

Langsame Erholung in Israels Norden

Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah wütete vor allem im Südlibanon. Aber auch Nordisrael mit seiner wichtigen Tourismusindustrie blieb nicht verschont. Rainer Sollich berichtet aus Israel.

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Die Häuser werden wiederaufgebaut, die Gäste bleiben noch aus.

Der Swimmingpool des Plaza-Hotels in Nazareth ist seit einigen Tagen wieder gut gefüllt. Besonders die Kinder haben ihren Spaß. Kaum vorstellbar, dass hier bis Mitte August noch Krieg geherrscht hat, dass Raketen auf den Ort niedergingen und Menschen starben - hier in Nazareth auch zwei Kinder.

Es sind allerdings besondere Gäste, die jetzt in Nazareth ein paar entspannte Tage verbringen: Mitarbeiter von Krankenhäusern, die während des Krieges in permanentem Einsatz waren. Der israelische Staat finanziert ihnen einen wohlverdienten Urlaub. Und sorgt gleichzeitig dafür, dass in dem Hotel, das während des Krieges geschlossen war, allmählich wieder die Kassen klingeln.

"Niemand will seinen Urlaub im Krieg verbringen."

Anderswo in Nordisrael sieht die Situation noch anders aus: Weiter nordwestlich in Richtung libanesischer Grenze, im Küstenort Nahariya, reparieren Arbeiter die Lobby eines großen Strandhotels. Die Katjuscha-Rakete war direkt nebenan eingeschlagen und hatte zum Glück nur geringen Schaden angerichtet. Hotel-Manager Levi Eli ist immer noch froh, dass er mit dem Leben davon gekommen ist, denn die Alarmsirene hatte an diesem Tag nicht funktioniert. Gäste und Hotelpersonal gab es nicht, das Hotel war geschlossen, nur er und einer seiner Mitarbeiter waren vor Ort geblieben. Alle anderen hatten frei, unfreiwillig und verbunden mit oftmals erheblichen Lohneinbußen. Viele waren zudem in den sicheren Süden des Landes geflohen, wie nach Schätzungen bis zu zwei Drittel der Einwohner Nordisraels. Nahariya ist normalerweise ein lebendiger Badeort, doch im Krieg sah es hier aus wie in einer Geisterstadt, sagt Hotelmanager Eli. "Die Reservierungen für Juli und August waren natürlich alle storniert worden. Das ist ja auch normal. Niemand will seinen Urlaub im Krieg verbringen."

Anhaltende Umsatzeinbußen

Nur langsam läuft der Badebetrieb wieder an. Immerhin fast 100 von 350 Betten in dem Hotel sind wieder belegt - auch weil Hotelchef Eli seinen Gästen großzügige Rabatte gewährt. Ausländische Touristen allerdings trauen sich bisher kaum hierher, obwohl die Kriegsschäden im Vergleich zum Südlibanon gering und oft auch nur nach langem Suchen zu finden sind.

Auch viele Straßenhändler und Gastronomen klagen über anhaltende Umsatzeinbußen - wie Idan Nahun, Barkeeper in Nahariya: "Früher hatten wir hier immer sehr viele Gäste, von morgens bis spätnachts. Aber heute Morgen zum Beispiel war überhaupt keiner da, nur mittags kamen ein paar Gäste hierher. Heute Abend werden es sicherlich schon ein paar mehr sein. Aber es ist immer noch nicht so, wie es vorher war. Die Menschen hier in Nordisrael haben kein Geld mehr. Sie haben ja während des Krieges nicht gearbeitet und nur von ihren finanziellen Reserven gelebt."

Tücken staatlicher Entschädigungszahlungen

Einige Hotelbesitzer und Gastronomen befürchten sogar den finanziellen Ruin. Andere sind optimistischer und sagen, sie werden sich schon irgendwie durchschlagen oder sie setzen auf Entschädigungszahlungen des Staates. Allerdings weiß hier kaum einer, wer genau davon profitieren wird und in welcher Höhe. Es herrscht Unklarheit. Viele kleine Ladenbesitzer befürchten, dass sie komplett leer ausgehen werden, weil sie keine ordentliche Buchführung vorweisen können. Angestellte plagt die Sorge, dass einzig ihre Chefs vom Staatsgeld profitieren werden, während diese oft genau das Gegenteil befürchten - wie ein Restaurantbesitzer in Tiberias am See Genezareth:

"Die Regierung wird uns doch nur insoweit helfen, dass sie uns für einen Monat Krieg die Angestelltengehälter bezahlt. Aber ich als Geschäftsinhaber werde selbst bestimmt keine Entschädigung bekommen. Also, wenn Du zehn Mitarbeiter hast, dann geben sie Dir eben Geld für zehn Gehälter. Das war's."

Warten auf den nächsten Krieg

Seine Mitarbeiter sind inzwischen alle wieder zurückgekehrt - so wie die meisten Flüchtlinge aus Nordisrael. Viele dieser Menschen haben jetzt aber nicht nur finanzielle Probleme, sie sind oftmals auch wütend auf ihre Regierung. Sie sagen, zu viele Menschen seien gestorben in einem Krieg, der letztlich umsonst geführt worden sei. Die Hisbollah sei nicht vernichtend geschlagen worden und werde trotz internationalem Truppeneinsatz eine ständige Gefahr bleiben. Wie ein Kellner aus Nahariya glauben viele, dass die jetzige Ruhe trügerisch und der nächste Krieg in Nordisrael nur eine Frage der Zeit sei. "Ich wünsche mir durchaus Frieden und gute Beziehungen zu den arabischen Nachbarn. Aber in naher Zukunft sehe ich das nicht."

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