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Kultur

Lang lebe die Handschrift!?

Weihnachtszeit ist Kartenzeit: Jedes Jahr werden unzählige Weihnachtsgrüße an Verwandte, Freunde oder Geschäftspartner verschickt. Oft werden sie mit der Hand verfasst, auch wenn SMS und E-Cards zunehmen.

Die Kölner Briefträgerin, die morgens die Post bringt, hat in der Weihnachtszeit viel zu tun. Ihre Tasche ist voller als sonst. Viel voller. Auf die Frage, ob die Anzahl der handgeschriebenen Grußkarten abnehme, schaut sie verwundert und antwortet unwirsch: "Machen Sie Witze? Ich habe dieses Jahr mehr von den Dingern verteilt als je zuvor. Ich komme kaum hinterher damit."

Erstaunlich. Schließlich sieht man allerorten Menschen, die Nachrichten in Handys tippen. Schreibblock und Stift scheinen im Alltag kaum noch eine Rolle zu spielen. Beim Versuch, doch mal wieder von Hand eine Grußkarte zu verfassen, bekommen manche "Digital Natives", also diejenigen, die mit Computer und Smartphones groß werden, Krämpfe in der Hand und wundern sich über ihre ungelenke Handschrift.

Tastatur statt Stift

Schreibende Frau (Foto: dpa)

Die Handschrift ist auch ein persönliches Markenzeichen

Professor Lars Timmermann, Neurologe an der Uniklinik Köln, befürchtet, dass durch das ständige Tippen feinmotorische Fertigkeiten verloren gehen: "Das Schreiben von Hand stellt besondere Anforderungen wie runde, fein abgestimmte Bewegungen", sagt er.

Das bedeute jedoch nicht, dass zentrale Bereiche im Gehirn verkümmerten: "Für das Tippen einer SMS oder das Bewegen des Cursors auf dem Computerbildschirm wird eine ähnlich hohe Auffassung benötigt, wie beim Schreiben mit Stift und Papier", so Timmermann. Dabei würden sogar ganz neue Fähigkeiten erworben, zum Beispiel eine wesentlich verbesserte Auge-Hand-Koordination. Auch lange vernachlässigte Körperteile wie der Daumen würden bei der Nutzung digitaler Medien trainiert.

Wandel der Handschrift

Schon das Erlernen der Handschrift ist dabei, sich von Grund auf zu verändern. An vielen Grundschulen wird statt der verbundenen Schrift nur noch die sogenannte Grundschrift, eine Art Druckschrift, gelehrt. Auch die immer intensivere Nutzung von digitalen Medien wie Computern und iPads statt Heften und Tafeln in den Klassenzimmern deutet auf einen Rückgang des Schreibens von Hand hin.

Unterricht mit dem iPad (. Pressekit. http://ipadkas.wordpress.com/presse/ ***ACHTUNG: Das Bild darf nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung zu diesem Projekt der Kaiserin Augusta Schule verwendet werden.***

Trend: Unterricht mit dem iPad

Anja Stamm, Lehrerin an der Europaschule Bornheim zwischen Bonn und Köln, sieht die Digitalisierung des Klassenzimmers gelassen: "Das Schreibverhalten meiner Schüler hat sich durch das Verschicken von SMS und durch die intensivere Computernutzung nicht verändert. Bei uns werden Klassenarbeiten auch nach wie vor von Hand verfasst." Ihr Kollege Marco Ursin, Lehrer an einem Gymnasium in Bonn, ergänzt: "Erstaunlich viele Schüler kultivieren sogar ihre Schönschrift."

Keine Ende in Sicht

Auf den Industrieverband Schreiben, Zeichnen und Kreatives Gestalten hat diese Entwicklung jedenfalls keinen Einfluss. Laut Geschäftsführer Manfred Meller erfreut sich die Schreibwarenindustrie im Jahre 2012 an sehr guten Umsätzen. In den letzten Jahren gab es keinerlei Einbrüche. "Das Ende der Handschrift wurde doch schon bei der Einführung der Schreibmaschine beschworen, dann als Microsoft Word den Markt eroberte und zuletzt mit dem Erfolg der Tablet-PCs", so Meller.

Doch ein Punkt stimmt auch Meller nachdenklich: "Wenn ich mir das Schreibverhalten meiner Kinder ansehe, gehe ich davon aus, dass meine Generation bestimmt die letzte war, die seitenlange Liebesbriefe verfasst hat." In der Weihnachtszeit werden trotzdem weiter Karten geschrieben. Die einzige Hürde ist, sie rechtzeitig loszuschicken.

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