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Deutschland

Die Handschrift im digitalen Zeitalter

SMS, Facebook und Co. lösen handschriftliche Notizen und Briefe zunehmend ab. Doch im Alltag spielt die Handschrift auch weiterhin eine große Rolle. Für Experten ist sie sogar die Grundlage logischen Denkens.

In der geisteswissenschaftlichen Hochburg Tübingen machen sich Wissenschaftler intensiv Gedanken über das geschriebene Wort. Im Oktober findet dort eine Tagung statt, die fragt: "Welche Rolle spielt die Handschrift im digitalen Zeitalter?" Die Literatur- und Kulturwissenschaftler fragen: "Was passiert mit Medien (wie den handgeschriebenen Worten), wenn sie nicht mehr Leitmedien sind?"

Vermutungen werden gleich mitgeliefert: Die Handschrift erfahre außerhalb der alltäglichen Nutzanwendung eine mehrdimensionale Aufwertung. Indem sie sich der Einförmigkeit maschinenschriftlicher Worte widersetze: "Während etwa Computerschrift den Schreibakt unsichtbar macht, ist es das Versprechen der Handschrift, nicht bloß das Resultat darzubieten, sondern den Schreibakt mit zu repräsentieren". In Handgeschriebenem kommen auch Gefühle oder die allgemeine Gemütslage des Autors zum Ausdruck.

Handgeschriebenes ist wertvoller als Getipptes

Schauspieler Johnny Depp gibt Autogramme Foto: DW

Autogrammjäger bei der Arbeit

Doch die Grabrede auf die Handschrift erscheint verfrüht. Das zeigen nicht nur die zahlreichen Vereine, in denen Menschen leidenschaftlich Unterschriften sammeln von Prominenten und historischen Persönlichkeiten. Autogrammkarten werden seit je und bis heute von Hand unterschrieben. Stammt die Signatur von berühmten Menschen, werden diese Karten und oft auch Bücher oder andere Gegenstände teuer gehandelt. In den USA hat das Literaturmagazin "The Rumpus" namhafte Schriftsteller für ein Projekt gewonnen, das sich "Letters in the Mail" nennt. Drei bis vier Mal pro Monat schreibt ein Schriftsteller einen Brief. Der wird fotokopiert und an Abonnenten in aller Welt verschickt.

Handschrift als Spiegel der Seele

Professor Dr. Miriam Meckel, Kommunikationswissenschaftlerin

Kommunikationsspezialistin Miriam Meckel: Sprache muss man schreiben, um sie zu begreifen.

Außerdem gibt es viele, kompetente Fachleute und Prominente, die nicht aufhören, leidenschaftlich den kulturellen Wert der Handschrift zu betonen. Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und Kommunikationsberaterin, vertrat im Mai in der Wochenzeitung Die Zeit: "Nur als Alphabeten sind wir in der Lage, an allem im Leben teilzunehmen." Dem Schreiben mit der Hand komme hier eine besondere Bedeutung zu, so Meckel. Der körperliche Akt des Schreibens sei essentiell für ein tieferes Verständnis der Dinge: "Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann, ist auch in der Lage, es zu er-fassen."

Gründe liegen in der Schule selbst

Im Grunde sind sich die Spezialisten einig. Es ist außerordentlich wichtig, die Handschrift als Kulturtechnik zu erhalten. Doch der gegenteilige Trend ist derzeit zu sehen. Liegt das nur an der Entwicklung neuer Techniken wie Smartphone und Laptop? Denn mit der Hand schreiben immer weniger Menschen. Insbesondere in der Schule wird die Schere zwischen Kindern, die gut schreiben können und denen, die nur mühsam Sätze zu Papier bringen, immer größer. Das konstatiert die Pädagogik-Professorin Angela Enders von der Uni Regensburg.

Ein wichtiger Grund dafür liege in der Schule selber. Seit den 1970er Jahren habe dort die Bedeutung des Schreibens mit der Hand immer mehr abgenommen. Es gibt sogar Konzepte, die explizit das individuelle Schreiben verhindern: Die sogenannte Grundschrift, die 2010 vom Grundschulverband vorgestellt wurde und seit 2011 in Hamburger Schulen praktiziert wird, bringt den Kindern bei, in Druckbuchstaben zu schreiben statt in der schnörkelhaften Schreibschrift. Der Gedanke dahinter sei, dass Kinder von der Schreibschrift überfordert seien, argumentieren die Vertreter der Grundschrift.

Schreiben hilft Denken

Ein Schüler schreibt in ein Heft Foto: BilderBox

Die Bedeutung des Schreibens hat in der Schule abgenommen.

Pädagogin Enders beklagt diese Entwicklung und betont, das Verdrängen der Handschrift führe dahin, dass Schüler andere Wahrnehmungs- und Denkformen entwickelten, "weil Texte, die mit der Hand geschrieben werden, besser durchdacht werden müssen als Texte, die am Computer getippt werden. Das nennt man Zerflatterungsprozesse." Am Computer könne man etwas einfügen und nachschieben, zum Schluss noch ein Rechtschreibprogramm durchlaufen lassen. Mit der Hand müssten die Kinder von Anfang an planen und überlegen, was will ich überhaupt schreiben: "Das führt dazu, dass Kinder auch anders denken lernen, nämlich stärker logisch und schlussfolgernd".

Trotz des allgemeinen Trends: In deutschen Schulen wird immer noch fast ausschließlich mit der Hand geschrieben. Das könnte zum Beispiel in Schweden bald anders sein. Dort lernen bereits ganze Schulklassen das Schreiben nur noch auf Computertastaturen.