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Landwirtschaft zwischen Kuhmist und Kosmos

Spirituelle Landwirtschaft? Ja, das gibt es in Deutschland - und zwar seit 90 Jahren. Die "biologisch-dynamische Landwirtschaft" ist radikal, umstritten und rätselhaft. Aber laut Forschern gut für die Umwelt.

Keine chemischen Substanzen, keine großen Geräte: Wenn Johannes Rodewyk düngt, füllt er im Herbst nach genauen Regeln eine Handvoll Kuhmist in ein Kuhhorn und vergräbt es bis Ostern in der Erde. Dann versprüht er den mit Wasser verrührten Mist in kleinsten Dosen über seinem Acker, 50 Gramm pro Hektar.

Zwei Pferde, ein Esel, fünf Schweine, ein Teich, daneben freilaufende Hennen und Kühe: Mit industrialisierter Massenproduktion oder Monokulturen will Landwirt Rodewyk nichts zu tun haben. Sein Gutshof ist seit Anfang des Jahres Hof als "biologisch-dynamisch" bei Demeter zertifiziert, dem Landwirtschaftsverband mit den strengsten Richtlinien weltweit.

Auf die Dynamik kommt es an

Biologisch-dynamische Landwirtschaft will noch einen Schritt weiter gehen als der gewöhnliche Öko-Landbau. Es geht nicht nur darum, schädliche Mittel wegzulassen, erklärt Renée Herrnkind vom Demeter-Verband: "Demeter unterscheidet sich von 'normaler' ökologischer Landwirtschaft durch den dynamischen Aspekt. Wir wollen nicht nur etwas weglassen, sondern etwas dazu geben."

Bauernhof Gut Kappeln EINSCHRÄNKUNG

Gut Kappeln: Einer der 1500 biologisch-dynamischen Höfe in Deutschland.

Nicht der Ertrag, sondern der ganzheitliche Nutzen für Mensch und Umwelt steht im Vordergrund. Demeter-Höfe sind deshalb anders aufgebaut als viele gewöhnliche Öko-Betriebe: Während ein Öko-Betrieb auch auf wenige Produkte spezialisiert sein kann, setzen biologisch-dynamische Höfe auf Diversität. Hecken werden gepflanzt, Ackerrandstreifen angelegt, die Fruchtfolge auf den Feldern schließt mehr Sorten ein - kurz, die Artenvielfalt wird erhöht. "Wesentlich ist, dass Bauernhöfe als Organismus verstanden werden, bei denen ein Organ das andere nährt," sagt Herrnkind. Das bedeutet in der Konsequenz zum Beispiel, dass Demeter-Bauernhöfe fast immer Tiere halten, denn diese Tiere liefern den Dung für die Felder.

Die Idee des biologisch-dynamischen Landbau ist inzwischen 90 Jahre alt. 5000 Bauern sind weltweit Demeter-zertifiziert, 1500 davon in Deutschland. Hier wächst der Markt, so auch im vergangenen Jahr, meint Herrnkind: "In Deutschland waren es im Demeter-Bereich 15 Prozent Umsatzwachstum. Das zeigt, dass die Produkte wertgeschätzt werden."

Verglichen mit gewöhnlichem Öko-Landbau ist die biologisch-dynamische Landwirtschaft nicht nur radikaler in ihrem Umweltschutzanspruch - sie ist auch philosophischer. Und umstrittener.

Die Grundidee steht im Geist der Anthroposophie, einer spirituellen Sicht der Welt und des Menschen, die der Philosoph Rudolf Steiner vor gut 100 Jahren entwickelte. Er propagierte die mystische Einheit von Mensch und Welt und entwickelte damit alternative Denkansätze für Medizin, Pädagogik, Kunst - und eben auch die Landwirtschaft.

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Johannes und Martina Rodewyk mit ihren Legehennen.

Kosmische Kräfte?

Letztendlich geht es um die Wirkung dessen, was Anthroposophen als "kosmische Kräfte" bezeichnen. Diese sollen durch besondere Präparate angeregt werden. Die Mixturen enthalten Pflanzen wie Scharfgarben, Kamille oder Löwenzahn, aber auch Stallmist und Gülle, und werden in geringsten Dosen auf die Felder gespritzt. Das Hornmistpräparat, das Rodewyk auf dem Feld verteilt, soll nach anthroposphischem Glauben "harmonisierende Lebensprozesse" und Wurzelwachstum anregen.

"Da geht es nicht um eine stoffliche Dimension. Man kann nicht messen, dass da noch so und so viel Mikrogramm Scharfgarbenblüte vorhanden ist," so Herrnweg. Es sei wie bei der Homöopathie in der Medizin: "Der wird ja auch oft vorgeworfen: 'Ist nichts drin, wirkt aber trotzdem'".

Rodewyk sagt von sich, dass er kein Anhänger Rudolf Steiners sei, er probiere das Präparat einfach aus. "Wir haben uns wirklich gewundert nach dem ersten Jahr, wie sich unsere Wiesen entwickelt haben. Das Futter stand viel besser da, es war viel grüner, obwohl wir mit Dünger nicht viel anderes gemacht haben," meint Rodewyk.

Skepsis in der Wissenschaft

Doch was ist wirklich dran an der biodynamischen Landwirtschaft? Gibt es naturwissenschaftlich nachweisbare Gründe, auf biologisch-dynamische Landwirtschaft zu setzen oder handelt es sich um rein esoterischen Aberglauben?

Am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz läuft seit 1978 ein Langzeitversuch, der genau das untersucht. Auf nebeneinanderliegenden Feldern wird konventioneller Landbau mit ökologischem und biologisch-dynamischem Landbau verglichen.

"In den ersten zehn bis 15 Jahren ist überhaupt nichts passiert, aber ab dem 15. Jahr haben sich langsam Unterschiede herausgeschält," so Professor Urs Niggli, Leiter des FiBL. Die Forschungsergebnisse zeigten, dass die Bodenfruchtbarkeit im biologisch-dynamisch Landbau besser sei als im Öko-Landbau und sogar sehr viel besser als in der konventionellen Landwirtschaft, so Niggli.

Der biodynamische Landbau tut dem Boden also gut und macht ihn fruchtbarer. Aber liegt es tatsächlich an den Präparaten? Aus wissenschaftlicher Sicht seien es eigentlich viel zu kleine Mengen, meint der Forscher.

Doch die meisten anderen Faktoren im Versuch, wie zum Beispiel Standort, Klima oder Boden waren beim Versuch stabil. "Wir können also schon sagen, dass ein gewisser Effekt von der Präparaten ausgeht, wir können es uns aber nicht erklären," so Niggli. "Das ist nur im anthroposophischen Weltbild verständlich. Als Wissenschaftler ist man da erst mal völlig perplex und viele Wissenschaftler lehnen es ja auch ab."

Niggli vermutet: Neben den Präparaten könnte jedoch auch die Art, wie in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft der Mist kompostiert wird, eine Rolle spielen.

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Stall, Wintergarten und Auslauf: Die Hennen haben die Wahl.

Positiver Effekt auf Umwelt

Selbst wenn man die Mechanismen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft noch Rätsel aufgeben - unterm Strich kommen sie trotzdem der Umwelt zugute. "Für mich ist wichtig: Wenn ich mir die Praktiker anschaue, sehe ich, dass sie einen sehr sorgsamen Umgang mit dem Boden pflegen. Ihre Techniken wie Kompostierung oder flache Bodenbearbeitung machen es zu einem sehr schonenden System," so Niggli.

Zudem wird laut aktuellen Forschungen in biologisch-dynamisch bewirtschafteten Böden mehr organischer Kohlenstoff gespeichert. Das bedeutet, dass weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt und der Klimawandel eingedämmt wird.

Die Lösung auf die großen Fragen?

Doch nützt die biologisch-dynamische Landwirtschaft, um auf globaler Ebene die Umwelt zu schützen? Herrnkind meint zwar, dass insgesamt mehr Bauern dazu kommen. Trotzdem sei die biologische-dynamische Landwirtschaft nicht auf Massenproduktion ausgelegt.

Niggli stimmt zu: "Um globale Probleme rund um Biodiversität, Klimawandel und Welternährung zu lösen, ist die Fläche, auf der bisher biologisch-dynamisch angebaut wird, einfach zu klein."

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