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Deutschland

KZ Dachau: Gedenkfeier am Ort des Grauens

70 Jahre ist es her, dass Amerikaner das KZ in Dachau befreiten. Am Sonntag war Kanzlerin Merkel dort. Bei der Gedenkfeier traf sie Überlebende und Befreier. Von Friedel Taube, Dachau.

Still ist es, als der Marsch der Überlebenden sich in Bewegung setzt. 500 Meter über helle Kieselsteine, von den ehemaligen Krematorien zum damaligen Appellplatz des Lagers. Sie alle trotzen dem prasselnden Regen, um ihre Botschaft an die Welt zu senden: "Nie wieder!"

Aus 34 Ländern sind sie nach Dachau in Bayern gekommen, an den Ort, an dem sie Unmenschliches erleben mussten und der sie ihr ganzes Leben lang begleitet. Vom Regen getränkt sind ihre Flaggen, aus Israel, aus Polen, aus der Ukraine. 70 Jahre und vier Tage nach der Befreiung des Lagers sind sie wieder hier: 260 Überlebende und sechs Befreier. Und mit ihnen die Politprominenz, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

"Ihr kommt hier nur über den Schornstein raus!"

Auch Jerzy Wojciewski nimmt an der Gedenkfeier teil. Der alte Herr mit Brille hat seine vergilbte Armbinde von damals um. Sie sei ein Teil von ihm, sagt er im Gespräch mit der DW. Im September 1944 wurde der polnische Untergrundkämpfer nach Dachau deportiert - von Warschau aus. Dort hatte der damals 17-jährige Pole im Warschauer Aufstand gekämpft, bis er von den Deutschen festgenommen wurde. Jetzt sitzt er auf einem Stuhl in dem großen Zelt, in dem die Feier stattfindet, und erzählt seine Geschichte.

Jerzy Wojciewski bei der Gedenkfeier in Dachau - Foto: Friedel Taube (DW)

Ex-Häftling Wojciewski: "Dachau war die Hölle"

"Dachau war die Hölle. Schon vom Moment der Ankunft an war jeder nur noch eine Nummer. Ich war Nummer 105908", erzählt er. "Man sagte uns sofort: Ihr seid ab jetzt keine Menschen mehr. Ihr kommt hier nur über den Schornstein wieder raus."

Wann immer er zu einem SS-Mann sprach, musste er seine Mütze abnehmen. Regelmäßig wurde er mit dem Knüppel geschlagen. "Selbst die Hunde behandelten sie besser", erinnert sich Wojciewski.

Merkel dankt den Zeitzeugen

Dachau war das einzige Konzentrationslager, das die ganzen zwölf Jahre der NS-Herrschaft durchgehend bestand. Mehr als 200.000 Häftlinge litten hier, darunter nicht nur Juden, sondern auch viele politische Gefangene, Sinti und Roma, Homosexuelle. 41.500 Menschen ließen in Dachau ihr Leben. Ihrer gedenkt Angela Merkel bei der zentralen Gedenkfeier am Sonntag. Sie legt Kränze nieder, und sichtlich ergriffen dankt die Kanzlerin den Überlebenden: "Es ist ein großes Glück, dass Menschen wie Sie bereit sind, uns ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Sie sprechen über das unendliche Leid, das Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus über sie gebracht hat."

Der Appellplatz im KZ in Dachau - Foto: Friedel Taube (DW)

Der Appellplatz im KZ in Dachau: Einst ein Ort des Grauens

Der Appellplatz, der damalige Sammelplatz inmitten des KZ - er war ein Ort des Grauens. Auch hier wurden die Inhaftierten gedemütigt, gequält, erschossen. Und genau hier findet die Feier statt. "Ihre Erzählungen", wendet sich Merkel an die Überlebenden, "lassen die nackten Zahlen lebendig werden."

Es sind Geschichten wie die des Israelis Abba Naor. Eindringlich erzählt er auf der Bühne von einem Erlebnis in Auschwitz. "Im tiefsten Winter musste sich eine Reihe inhaftierter Kinder hier aufstellen. Die Deutschen überschütteten die Kinder mit eiskaltem Wasser und ließen sie fünf Stunden stehen. Wer das überlebt hatte, wurde danach mit dem Knüppel zurück in die Baracke geprügelt." Dass er heute zur Bundeskanzlerin sprechen dürfe, sei ein großes Glück. Hierher zu kommen, sei ihm wichtig. So wichtig, dass er auch heute wieder zwei seiner acht Urenkel mitgebracht hat. Denn auf die junge Generation komme es an, sagt Abba Naor und legt den Arm um seine Urenkel.

Begegnung mit den Befreiern

Nicht nur für die Überlebenden - auch für diejenigen, die das Lager am 29. April 1945 befreiten, bleibt Dachau auf ewig im Gedächtnis. "30.000 trafen wir hier noch an, es war ein Bild des Grauens", sagt James Pettus mit zittriger Stimme. "Abgemagerte Menschen, viele von ihnen nackt. Wir konnten es nicht glauben", sagt er und lässt dabei seinen Blick über das weite Areal der heutigen Gedenkstätte schweifen. Pettus ist über 90 Jahre alt und doch kommt er immer wieder aus Phoenix/Arizona hierher.

James Pettus - Foto: Friedel Taube (DW)

Befreier Pettus: "Wir konnten es nicht glauben"

"Alle fünf Jahre bin ich hier, ich freue mich, eingeladen zu sein", sagt Pettus. Als Angehöriger der 42. Rainbow-Division hatte er in Frankreich und Österreich gekämpft und kam mit den Kameraden der US-Army im April 1945 in die Nähe von München.

Überlebende und Befreier - bis heute haben sie eine besondere Beziehung. "Es haben sich in den Jahrzehnten Freundschaften ergeben", sagt Pettus und senkt die Stimme, "aber viele leben ja nicht mehr." Auch von seinen Kameraden leben nicht mehr viele - als einer von sechs hat er den Weg über den Atlantik auf sich genommen. Über den Dank der Bundeskanzlerin und auch des US-Botschafters John B. Emerson bei der Feierstunde freut er sich. "Ich war stolz, bei der Rainbow Division zu dienen", sagt er.

"Wir haben Euch verziehen"

Jerzy Wojciewski wurde noch vor der Befreiung durch die US-Army weiter nach Mannheim deportiert, wo er als Zwangsarbeiter für Daimler-Benz eingesetzt war. Dort wurde er schließlich von den Franzosen befreit. Auch er kann Dachau nicht vergessen. Er will so lange wie möglich immer wieder hierher kommen; und das nicht nur zu den Jahrestagen. "Es ist mir wichtig", sagt er mit Nachdruck, "denn ich will euch Deutschen sagen, was Eure Großväter getan haben." Und - noch etwas anderes wolle er sagen, und dabei versagt ihm die Stimme und Tränen rollen über das Gesicht des 88-Jährigen: "Dass wir euch verziehen haben, das will ich sagen. Wir haben euch verziehen!"

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