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Kultur

Kunst im kleinen Kreis

Nichts ist so frei wie die Mitte eines Kreisverkehrs. Eine Statue, ein Schild, ein Stein, hier kann alles stehen - oder einfach nichts. Der Fotograf Andreas Züst hat in der Welt die Runde gemacht und Autokreisel gesucht.

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Kreisverkehre sehen überall anders aus

Der Durchschnitts-Autofahrer schaut einen Kreisverkehr nicht an, er benutzt ihn und biegt rechtzeitig ab. Hunderte von PS drehen sich täglich im Kreis - wie ein Tanz um eine Mitte, in der bemalt ein Kübel Blumen steht. In Deutschland werden Dörfer zu Weltstädten, wenn sie bloß einen "Kreisel" errichten. Dann frohlocken alle über den Verkehrsfluss - und fortan kreisen die Autofahrer, ohne zu sehen, um was. Andreas Züst, Schweizer, Fotograf und Meteorologe, ist mit mehr Muße in die Kurve gegangen und hat Mitten fotografiert. Sein Bildband heißt "Roundabouts" und erkundet die unbekannte Vielfalt der Kreisverkehrs-Inseln.

Als erstes rotierten die Briten

Kreisverkehr - Buchcover

"Roundabouts" von Andreas Züst (Cover)

Es gibt sie schon seit Jahrzehnten, ohne dass sie jemand näher zur Kenntnis genommen hätte. Die Briten gelten als Erfinder des Kreisverkehrs. Und behaupten ihre Stellung mit dem Bau von Mehrfach-Kreiseln, die mit dem kontinentaleuropäischen Nervenkostüm nicht kompatibel sind. Der erste Kreisverkehr diesseits des Kanals dürfte der Platz um den Arc de Triomphe in Paris sein, wo die Autos seit 1907 rotieren.

In Deutschland entdeckte man die Kreise erst später, baute dafür aber umso mehr davon. Der Bochumer Verkehrsforscher Werner Brilon hat den Kreis-Kult schon mal als "Landplage" bezeichnet. Jedenfalls hat die Bundesregierung erst zum 1. Februar 2000 das Verkehrszeichen "Kreisverkehr" wieder eingeführt - es war 1971 abgeschafft worden.

Der Flächeninhalt des Kreises

Und mit dem Kreis kam die Freiheit. Denn in der Mitte muss irgendwas sein - aber was, ist nicht vorgeschrieben. Also dürfen Gartengestalter, Künstler und Ingenieure ihre Gedanken kreisen lassen. Und Züst hat die Ergebnisse festgehalten. Ob die Gestaltung schrill oder schön ist, skurril oder hässlich - die Bilder enthalten sich der Meinung. Züst beschreibt einfach und fotografiert meist aus Augenhöhe.

Kreisverkehr - Turm

Ein Kreisverkehr in Indien, wie Fotograf Andreas Züst ihn sah

Wo welches Straßenrund aufgenommen wurde, hat Züst nicht dazugeschrieben. Es ist aber auch nicht so wichtig. Der Fotograf hat das Mutterland des Kreisverkehrs befahren, auch Spanien, Belgien, Frankreich, Indien (wo auch Kühe mitkreisen) - und vor allem sein Heimatland, die Schweiz. Er hat bei Nacht fotografiert und bei Tag, bei Regen, Schnee und Sonne. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 (da war er 53) bestellte Züst bei seiner Tochter das letzte Foto: vom Verkehr am Arc de Triomphe in Paris.

Zweck: Bremsen und Repräsentieren

Man mag die Idee des Fotografen für abgefahren halten. Aber Züst hatte Recht. Denn der Kreisverkehr hat eine genauere Betrachtung verdient, als Fortsetzung des Zwecks mit künstlerischen Mitteln. Das Zeug in der Mitte ist nicht nur eine Sichtbarriere, die Autofahrer zum Bremsen verleiten soll. An Einfallstraßen und großen Plätzen demonstriert der Kreisverkehr egal ob in Berlin oder Bottrop: Wir sind urban. Wir können gärtnern. Wir haben Sinn für Kunst ... In allen anderen Fällen kann man vor dem blauen Verkehrsschild mit den weißen Pfeilen immer noch darüber meditieren, worum es sich im Leben dreht.

Erstaunlicherweise funktioniert das Konzept Kreisverkehr auch noch - obwohl es verwundbar ist, weil es keine Vorschrift gibt, dass man das Rondell auch wieder verlassen muss. Der Autor Plinio Bachmann hat im Nachwort zu "Roundabouts" ausgerechnet: Wenn nur fünf Autos mit etwa Tempo 30 einfach immer rundherum fahren, dann wäre der Kreisel dicht. Macht aber niemand. Stattdessen wird der Kreisverkehr als Teil des Lebens akzeptiert. Zumindest von der britischen "Roundabout Society", gegründet 1997 - deren Mitglieder nutzen die Mittelfläche, um zu picknicken.

Andreas Züst, "Roundabouts". Edition Patrick Frey, ISBN 3-905509-47-4

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