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Kultur

"Kultur ist kein Diener der Politik"

"Literatur aus Israel im Auswärtigen Amt" ist eine Lesungsreihe mit israelischen Autoren - angeregt zum 60. Jahrestag Israels von Außenminister Steinmeier. Im Interview erzählt er, was Kultur für die Politik tun kann.

(AP Photo/Markus Schreiber)

"Kultur wird nicht da ohne weiteres einspringen können, wo Politik versagt"

Deutsche Welle: Herr Steinmeier, Literatur im Auswärtigen Amt, auch noch israelische Literatur - veranlasst das den viel beschäftigen Bundesaußenminister, gelegentlich mal zu einem belletristischen Buch zu greifen?

Frank-Walter Steinmeier: Ich habe da nie aufgegeben. Weder während meiner Zeit als Außenminister, noch in den Jahren zuvor im Kanzleramt, wo auch keine Langeweile herrschte. Lesen gehört für mich zum Leben. Insofern bin ich ganz froh und glücklich, dass das immer noch geht - auf langen Flügen oder an Wochenenden, auch israelische Literatur, ja.

Haben Sie Lieblingsbücher oder -autoren?

Ich habe nicht ein Lieblingsbuch, bei mir wechselt das. Ich beschäftige mich manchmal mit bestimmten Regionen. Das ist in diesem Jahr vielleicht sogar nachvollziehbar, einem Jahr, in dem der Staat Israel seinen 60. Geburtstag feiert, in dem wir vielfältige Begegnungen haben, natürlich in erster Linie politischer Natur. Aber ich versuche gerade auch mit Blick auf die jüngeren Generationen hier in Deutschland Formen der Erinnerung und auch des Kennens und Erkennens zu fördern, weil wir uns nicht mehr sicher sein können, dass der Rückgriff auf das Geschichtsbuch den jungen Menschen die besonderen Bedingungen Israels und die besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland ausreichend begreiflich macht. Deshalb, glaube ich, ist gerade für die jüngeren Generationen hier der Blick in die vielfältige israelische Literatur ein wichtiger.

Und sie ist eine Literatur, die ja keineswegs von Pessimismus oder Depression gekennzeichnet ist. Viele Autoren schreiben in ausgesprochen witziger Sprache, die manchmal das Leid dieses Landes und die Spannungen im eigenen Land verdeckt. Aber wenn man einen Zugang dazu findet, entwickelt man ein Gespür für die Vielfältigkeit des Lebens in diesem Land. Und deshalb glaube ich, wird diese Literatur auch ihre Leser in Deutschland finden, vielleicht sogar gerade in dieser Zeit, weil mindestens für mich eine etwas neue Generation von israelischer Literatur erkennbar wird. Eine Literatur, die sich weniger auf den Holocaust bezieht, sondern sich mit der Geschichte des Wachsens und Werdens des Staates Israel und der nicht spannungsfreien Einwanderung nach Israel beschäftigt. Eine Einwanderung, die auch immer die Geschichte der Herkunftsländer mitbringt. Eine Geschichte, die - und das kann ja vielleicht sogar ein Beispiel sein - nie nur als Ballast, sondern auch als Bereicherung empfunden wird. Und das alles finden wir in der israelischen, zeitgenössischer Literatur.

Kann Kultur die politische Kultur beeinflussen?

Nein, ich würde das nie so instrumentell sehen. Kultur ist kein Diener der Politik. Und Kultur wird nicht dort einspringen können, wo Politik oder politische Instrumente versagen. Aber ich glaube, um sich gegenseitig zu verstehen, gehört neben den politischen Beziehungen des politischen Establishments auf beiden Seiten auch tatsächlich Interesse und Neugier an dem jeweils anderen Volk dazu. Und diese Neugier kann besser befriedigt werden durch Kultur, Literatur insbesondere, besser jedenfalls als politische Statements es tun können.

Wird es nach der Reihe mit israelischer Literatur im Auswärtigen Amt eine Fortsetzung mit anderem Schwerpunkt geben?

Ich kann mir das gut vorstellen. Aber das ist ein Experiment in diesem Jahr. Ich freue mich darüber, dass viele Besucher kommen. Wenn das Interesse anhält, kann ich mir vorstellen, dass wir das im nächsten Jahr mit einem anderen Schwerpunkt weitermachen.