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Kultur

Kultur als Hoffnungsprinzip: Die Salzburger Festpiele

Eine festliche Prozession und ein Open-Air Schauspiel vor prächtiger Naturkulisse: Mit "Jedermann" begannen am 19. Juli die Salzburger Festspiele. Bis zum 31. August folgen weitere Aufführungen der Superlative.

Jedermann 2014 Brigitte Hobmeier (Buhlschaft) Foto: (Salzburger Festspiele/Forster)

Das kulturelle Highlight der Salzburger Festspiele: das Bühnenstück "Jedermann"

Tag 1: Das Große Festspielhaus, schlicht und schnörkellos mit nüchterner Holzvertäfelung, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Von der Bühne erschallen elementare Klänge, die nichts Geringeres als die Erschaffung der Welt darstellen sollen: Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" mit dem Dirigenten Bernhard Haitink, dem Chor und dem Orchester des Bayerischen Rundfunks und Star-Solisten. Ein passender Festivalauftakt, oder genauer, der Beginn eines Festivals im Festival: Die "Ouverture spirituelle" leitet eine Woche geistlicher Musik ein, die dem Hauptprogramm der Salzburger Festspiele vorangestellt wird.

Jedermanns Sache?

Tag 2: Das Salzburger Festspielpublikum liebt das Ritual: die Auffahrt zum Festspielhaus mit zwanzig schwarzen Audis und einer Stretch-Limousine, den Zug mit Musik und Masken durch die engen Gassen hin zum Domplatz, das Schauspiel in einer lauen, klaren Sommernacht vor Dom und Festung. In der Inszenierung des US-Amerikaners Brian Mertes und des Britens Julian Crouch ist Hugo von Hoffmansthals populärstes Stück "Jedermann" bunt, naiv, fast kitschig - und rührend. Geht es bei dem Mysterienspiel doch um Verfehlungen und Seelenheil eines reichen Mannes kurz vor seinem Tod. Er hat Reichtümer angehäuft und dabei die Not seiner Mitmenschen ignoriert. Fühlt sich das Publikum, das sich dreistellige Kartenpreise leisten kann, angesprochen?

Jedermann 2014 Jürgen Tarrach (Mammon)

Bunt und prächtig: "Jedermann" in der aktuellen Inszenierung

"Jedermann" findet jetzt in der "Ouverture spirituelle"-Woche der Salzburger Festspiele statt, die vor drei Jahren vom Intendanten Alexander Pereira ins Leben gerufen wurde. Diesmal werden zentrale Werke westlicher geistlicher Musik islamischen Musiktraditionen wie zum Beispiel der Sufi-Musik gegenübergestellt. Diese Verlängerung der Festspiele im Vorfeld ist das Vermächtnis des scheidenden Intendanten. Er hat ambitionierte Pläne umgesetzt: nur noch Opern-Neuinszenierungen zu zeigen (es sind fünf in diesem Jahr) und das Programm auf 270 Veranstaltungen zu erweitern. Fazit der Ära Pereira: Finanzengpässe trotz größerer Sponsoring-Erträge. Und trotz neuen Besucherrekords ist die Auslastung von 95 auf 90 Prozent gesunken.

2015 sollen sich die Salzburger Festspiele wieder gesundschrumpfen. Ein Hinweis auf die so oft beschworene Krise der Klassik? Nicht in Österreich, wo Musik und Kultur "Big Business" sind: Bund, Länder und Gemeinden geben jährlich rund 2,5 Milliarden Euro für die Kultur aus, pro Kopf etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Weltweit boomen Festivals: Rund 100 Musik- und Theaterevents in allen Genres gibt es in Österreich. In Deutschland sind es mehr als 500, fast viermal so viele wie vor 20 Jahren.

Richard Strauss dirigert das Orchester der Wiener Staatsoper im Großen Saal des Mozarteums. Copyright: Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Ellinger

Richard Strauss dirigert das Orchester der Wiener Staatsoper in einem früheren Festspieljahr

Unvergleichliches Ambiente

Warum fährt man dann nach Salzburg? Gesehen und gesehen werden ist das Motto, denn die gesellschaftliche Crème de la Crème gibt sich hier ein Stelldichein - in der malerischen engen Getreidegasse mit ihren kleinen Lädchen oder auf der "Straße, die die Menschheit bedeutet", neben dem Großem und Kleinen Festspielhaus mit Felsenreitschule vor der senkrechten Felswand der Salzburger Festung.

Dann gibt es die Musik. Salzburg ist Garant für Qualität. Kein Musiker von Weltrang, dessen Biographie nicht der Hinweis "Auftritt bei den Salzburger Festspielen" schmückt. So auch am zweiten Festspieltag, wo am Nachmittag die üppigen Klänge von Claudio Monteverdis Marienvesper den Dom füllten. Unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner wechselten einzelne Musiker des Monteverdi Choirs und der English Baroque Soloists immer wieder den Standort vom Altar zu den Emporen und sorgten für einen betörenden Surround-Sound.

Dirigent Herbert von Karjan in Salzburg

Herbert von Karajan, vor 25 Jahren gestorben, prägte jahrzehntelang die Festspiele

Festspiele als Friedenswerk

1920 wurden die Salzburger Festspiele ins Leben gerufen. Damals sollte Kultur Frieden stiften und den kriegsgeplagten Menschen Hoffnung geben. Dabei hatten die drei Gründer - der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, der Regisseur Max Reinhardt und der Komponist Richard Strauss - sechs Jahre zuvor eine völlig andere Position vertreten. Reinhardt unterzeichnete die nationalistische Proklamation "Aufruf an die Kulturwelt". Hofmannsthal sah im Ersten Weltkrieg die Möglichkeit einer "schöpferische Restauration". Und Strauss schrieb im Jahr 1914: "Man hat das erhebende Bewusstsein, dass dies Land und Volk erst am Anfang einer großen Entwicklung steht und die Hegemonie über Europa unbedingt bekommen muss und wird."

Desillusion, Nachkriegselend und Inflation prägten dann das Ambiente der Festspiele im ersten Jahr. Die Bühne war aus Brettern errichtet, die aus einem abgerissenen Gefangenenlager bei Salzburg stammten. In diesem Kontext dürfte Hofmannsthals "Jedermann" mit seiner Thematik von Endlichkeit und Ewigkeit eine besondere Prägnanz gehabt haben. Keine geringe Bedeutung hatte die Aufführung im Jahr 2014, wo sich die schöne und friedliche Kulisse Europa inmitten einer Welt voller aktuellen Kriege und Krisen befindet. Weitere Veranstaltungen der diesjährigen Salzburger Festspiele erinnern an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, unter anderem das Weltkriegsepos "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, das lange als unspielbar galt.

Stadtansicht Salzburg: Getreidegasse. Foto: Rick Fulker

In der Getreidegasse

Highlights und Jugendprojekte

Festivalgründer Richard Strauss wird im 150. Jahr nach seiner Geburt mit einer Neuinszenierung seiner Oper "Der Rosenkavalier" sowie mit Liederabenden, Kammermusik und Sinfoniekonzerten geehrt. Alle Klaviersonaten von Beethoven und sämtliche Sinfonien von Anton Bruckner schmücken das Programm. Hinzu kommt ein ausführliches Nebenprogramm mit Kinderopern und Operncamps, bei dem Jugendliche selbst bei einer Produktion mitmachen können. Das dürfte ein Stück weit dem Prinzip Hoffnung dienen - zumindest für die Welt der Klassik.

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