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Wirtschaft

Kuba 2014 - ein Land zwischen den Welten

In Kuba hat sich das Ideal des reinen Sozialismus überlebt. Die Castro-Regierung experimentiert mit Wirtschaftsreformen, geht zwei Schritte vor und einen zurück.

Die leere Halle hinter dem Eisengitter ist symptomatisch. Im Dezember noch drängten sich hier die Stände von selbständigen Kleinunternehmern. Die meisten haben Kleidung verkauft, auf eigene Rechnung und auf eigene Verantwortung.

Doch seit Januar 2014 greift eine neues Gesetz, mit dem die Castro-Regierung den Missbrauch der neuen Freiheit bekämpfen will. Zum Beispiel dürfen selbständige Schneiderinnen keine importierte Kleidung mehr in Kuba verkaufen, was über die letzten Monate besonders gut lief. Und mit dem Gesetz verloren sie ihre Lizenz - die Markthalle ist seitdem leer.

Straßenansicht. Foto: Michael Stürzenhofecker

Straßenszene in Havannas Altstadt: Händler gibt es, Unternehmer nicht

Selbständig ja, Unternehmer nein

Zwei Schritte vor, einen zurück. So marschiert das sozialistische Kuba in die neue Zeit. Im Jahr 2008 hat Raul Castro, der Bruder des erkrankten Fidel Castro, die Regierungsgeschäfte übernommen. Er gilt als pragmatischer und offener für Veränderungen, lockert die Planwirtschaft, hat 2011 Wirtschaftsreformen durchgesetzt - etwa, dass sich die Kubaner in 200 Berufen selbständig machen können.

Sie verdienen Geld mit eigenen Luxusrestaurants, als Handwerker oder als Auffüller von Feuerzeugen. Im Jahr 2013 gab es schon 450.000 von ihnen. Empresarios - Unternehmer - aber sollen sie sich nicht nennen. Schließlich seien sie zwar Ausdruck einer Transformation, nicht aber Vorboten des Kapitalismus, so die offizielle Linie. Sie sollen das erfüllen, was der Staat nicht leisten kann.

Der Staat mit Mängeln? Es bewegt sich etwas in Havanna. Nur nicht zu radikal: Nach nur zwei Jahren geht es für einige Selbständige wieder in die andere Richtung. Neben den Schneiderinnen haben auch die Betreiber von kleinen privaten 3-D-Kinos wieder ihre Lizenz verloren - und damit das Geld, das sie in die Technik investiert haben.

Zwei Währungen

Am Thema Geld lässt sich gut ablesen, wie sehr Kuba zwischen den Welten liegt. Es gibt zwei Währungen: den Peso cubano CUP und den Peso convertible CUC.

Peso. Foto: Michael Stürzenhofecker

Ein Land, zwei Währungen

Der CUC wurde 1994 als Alternative zur Schwarzmarktwährung US-Dollar eingeführt, ist noch heute an ihn gekoppelt und ist nichts weniger als das goldene Kalb. Denn mit ihm bekommt man fast alles, auch Produkte aus dem Ausland. Verdienen kann man ihn aber nicht mit den staatlichen Jobs.

Die Staatslöhne bekommen die Kubaner in Peso cubano: 470 Pesos monatlicher Durchschnitt, etwa 15 Euro. Damit kann man in den staatlichen Geschäften günstig, aber eingeschränkt einkaufen: etwa Reis, Hühnchen und Zucker. Für Nudeln, Rind oder Schokolade allerdings braucht es den CUC. Der lässt sich am einfachsten mit Touristen verdienen, die den CUC eintauschen, um privat geführte Hotels, Taxis und Restaurants zahlen zu können.

Konsequenz: Ärzte verkaufen lieber Pizzen, als im staatlichen Krankenhaus zu arbeiten, Lehrer kümmern sich lieber um ihre Pensionsgäste als um Schüler. So verdienen sie ein Vielfaches - und zwar in der 'richtigen' Währung. Die wirtschaftlichen Verzerrungen sind auch der Castro-Regierung bekannt. Im Oktober 2013 verkündete sie die Abschaffung des Doppelsystems. Doch dieser Schritt scheint ein besonders schwieriger zu sein.

Ein Auto für 300.000 Euro

Oldtimer. Foto: Michael Stürzenhofecker

Reparaturbedürftig: Oldtimer in Havanna

Der Hochglanz der Oldtimer auf den Straßen von Havanna täuscht über ihr Innenleben hinweg. Viele haben 50, 60 Jahre auf dem Buckel, bleiben immer wieder stehen, müssen irgendwie repariert werden. Ersatz gibt es nicht.

Als im Dezember erlaubt wurde, importierte Autos auch ohne staatliche Genehmigung zu kaufen und zu verkaufen, waren die Hoffnungen im Land groß. Doch kurz darauf die Vollbremsung: Die Regierung veröffentlichte die Preise, die sie für jeden Wagentyp festgesetzt hat. Ein Mittelklassewagen aus Europa kostet umgerechnet 300.000 Euro. Die Kubaner fühlten sich verhöhnt, so sehr, dass sie sich sogar auf öffentlichen Webseiten und Foren im Internet empörten.

Das WorldWideWeb ermöglicht inzwischen auch den Blick nach draußen - zumindest theoretisch. Zugang zum Internet haben die Kubaner seit dem vergangenen Sommer in etwa 120 neuen Internetcafés. Bei einem Preis von fast 5 CUC pro Stunde, ein Viertel des Monatslohns, gehen die Browserfenster für viele Menschen ganz schnell wieder zu. Wenn sie nicht schon vorher aus Frust geschlossen wurden, weil die Verbindung sehr langsam ist und sich Seiten wie Twitter und Facebook gar nicht öffnen lassen.

Warteschlange. Foto: Michael Stürzenhofecker

Warten vor einem Geschäft in Havannas Altstadt

Ganz offiziell hingegen öffnet Kuba seinen Einwohnern die Türen. Seit einem Jahr darf jeder Kubaner mit seinem Pass ins Ausland reisen und dort maximal zwei Jahre bleiben, sogar jene, die die Regierung als Dissidenten versteht. Doch für die meisten fällt die Tür dann wieder direkt vor der Nase zu. Denn ein Pass kostet 100 CUC, ein Vermögen. Und das benötigte Einreisevisum für einen Kubaner wollen nur wenige Gastländer ausstellen. Bislang haben fast 200.000 Kubaner eine Auslandsreise gemacht.

Auf der Suche nach Partnern

Wer Kuba ganz offiziell verlassen darf, sind Ärzte. Sie arbeiten zum Beispiel in Venezuela, bringen Devisen ins Land und fungieren als Aushängeschild des guten kubanischen Ausbildungssystems, in das der Staat viel Geld steckt. Schulen und Universitäten gehören zur Spitze in der Region.

Wer aber Hightech und Forschung voranbringen will, braucht internationalen Austausch und Kooperationen. In der Biotechnologie zum Beispiel. Staatliche Firmen präsentieren ihre Durchbrüche in der Arzneimittelforschung, etwa bei Medikamenten gegen Krebs. Doch es ist für sie schwer, Partner im Ausland zu finden. Ihre Erklärung: Ihr Land steht immer noch unter dem Embargo der USA. Wenn europäische Firmen nun Geschäfte mit Kubanern machten, könnten die Europäer wirtschaftliche Nachteile bei ihrem Engagement in Amerika haben.

Panorama von havanna. Foto: Michael Stürzenhofecker

Sonnenaufgang über Kubas Hauptstadt - die Regierung bleibt bei Reformen zögerlich

Die eigentliche Bremse für das Land ist aber der Widerspruch zwischen dem Ideal einer klassenlosen Gesellschaft und der Wirklichkeit. Kubas Regierung hält an Altem fest und muss zeitgleich Reformen zulassen. Den reinen Sozialismus hat das Land längst hinter sich gelassen. Nur wohin es steuert, scheint niemand wirklich absehen zu können.

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