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Kultur

"Kritik aus dem Zentrum der Macht"

In "Töte zuerst" kritisieren einstige israelische Top-Spione heftig das eigene Land. Nun ist der Dokumentarfilm ein Oscar-Kandidat. Koproduziert wurde er vom deutschen TV, erzählt Patricia Schlesinger der DW.

Noch nie haben hochrangige Ex-Funktionäre des israelischen Innengeheimdienstes "Schin Bet" so offen über ihre Arbeit gesprochen wie in diesem Film. Gemacht hat ihn der ehemalige Soldat einer Spezialeinheit und heutige Regisseur Dror Moreh. Für seine Dokumentation "Töte zuerst" hat der Israeli alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des Geheimdienstes getroffen und interviewt. Dabei greifen sie erstaunlich offen und selbstkritisch die israelische Sicherheitspolitik an, unter anderem die gezielten Tötungen von Palästinenserführern.

Der Dokumentarfilm, der unter dem englischen Titel "The Gatekeepers" bereits zahlreiche Kritikerpreise eingeheimst hat, ist nun neben fünf weiteren Produktionen in der Kategorie "beste Dokumentation" für einen Oscar nominiert. Er ist ein Gemeinschaftswerk, bei dem der deutsche Sender NDR mit dem israelischen Fernsehen IBA und ARTE France zusammenarbeitete. Verliehen werden die Oscars am 24.02.2013 in Los Angeles. Patricia Schlesinger vom NDR hat das Projekt von Beginn an begleitet.

DW: Frau Schlesinger, wie entstand die Idee zu so einer ungewöhnlichen Dokumentation wie "Töte zuerst"?

Patricia Schlesinger: Die Idee kam 2008 vom Autor und Regisseur Dror Moreh. Er kam auf uns zu und brachte schon Tonbänder von zwei Interviews mit ehemaligen Schin Bet-Chefs mit. Dazu muss man wissen, diese Organisation nennt sich auch: "Die unsichtbaren Verteidiger". Diese Leute gehen fast nie vor die Kamera und geben schon gar keine kritischen Statements ab. Er kam also mit diesen Tonbändern und sagte: "Das sind die ersten beiden, ich möchte sie alle und ich möchte sie vor der Kamera haben." Wir haben gesagt: Wenn er das schafft, sind wir dabei.

Patricia Schlesinger, Programmbereichsleiterin Kultur und Dokumentationen beim Norddeutschen Rundfunk NDR (Foto: NDR)

Schlesinger: "Fühlen uns bestärkt"

Was glauben Sie ist die Motivation der ehemaligen Geheimdienst-Chefs, sich so offen und kritisch zu äußern?

Das ist die entscheidende Frage. Die einzige Antwort, die ich drauf geben kann ist, dass diese Männer sorgenvoll in die Zukunft Israels blicken. Sie machen sich Sorgen, ob es so weitergehen kann, ob sich Israel politisch in einer Sackgasse befindet. Muss man irgendwann sagen, dass Israel zwar jede Schlacht gewinnt, aber den Krieg verliert? Die Israelis, so sagen sie selbst, sind grausam geworden: Nicht nur zu den Palästinensern, sondern auch zu sich selbst. Dieser Gedanke ist etwas, das die junge Generation in Israel schon länger beschäftigt. Das Neue und auch Erschütternde an unserem Film ist, dass nun auch Figuren aus dem Zentrum der Macht, die sich in der Sicherheitspolitik besser auskennen als jeder andere, diese Kritik teilen.

Warum haben Sie sich als deutscher öffentlich-rechtlicher Sender entschieden, diesen Dokumentarfilm mit zu produzieren?

Der Nahost-Konflikt wird uns sicher auch noch in den nächsten Generationen begleiten. Ich glaube, dass alles, was dazu beiträgt, diesen Konflikt klarer und öffentlicher zu machen, unter Umständen auch zu einem Umdenken auf beiden Seiten führen kann. Das ist uns wichtig.

Was macht den Film für ein internationales Publikum interessant?

Interessant ist, dass die ehemaligen Schin Bet-Chefs ganz offen über gezielte Tötungen von Palästinenserführern reden, über Bombenabwürfe auf Gaza, aber eben auch über den Terror, den ultraorthodoxe Juden verbreiten. Das Motto bei Schin Bet ist "Wenn einer kommt, um dich zu töten, dann stehe auf und töte ihn zuerst“. So entstand auch der Titel des Films. Darüber zu reden, was den israelischen Sicherheitsapparat im Innersten antreibt, ist sicherlich nicht nur für deutsche Zuschauer interessant. Das sieht man schließlich auch an unseren internationalen Partnern in dieser Koproduktion

Hat "Töte zuerst" zu Reaktionen in der israelischen Öffentlichkeit geführt?

Der Film ist am vergangenen Wochenende in den israelischen Kinos angelaufen. Es gab Schlangen vor den Kinos. Die Menschen in Israel waren wirklich schockiert: es ging durch alle Zeitungen, dass aus dem Zentrum der Macht so harsche Kritik an der eigenen Politik laut wird. Die kommt nämlich sonst eher von der Opposition. Die Kritik der Ex-Geheimdienstler ist schwerer zu ignorieren

Was bedeutet Ihnen die Nominierung für den Oscar, gerade als deutsche Koproduzenten?

Wir sind zum ersten Mal bei den Oscars mit einer deutschen Dokumentation nominiert. Und das mit einem Thema, das eher sperrig und kontrovers ist. Man muss sich auf diesen Film einlassen, er ist nicht leicht zu konsumieren. Seine Botschaft ist zutiefst erschütternd. Durch den Erfolg fühlen wir uns bestärkt, weiter solche Dokumentationen zu machen und die schwierigen Themen nicht zu scheuen.

Patricia Schlesinger ist Leiterin des Programmbereichs "Kultur und Dokumentationen" beim Norddeutschen Rundfunk (NDR).

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