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Kunst

Krisen-Fotografin Heidi Levine ausgezeichnet

Heidi Levine ist mit dem ersten Anja-Niedringhaus-Preis geehrt worden. Seit 30 Jahren dokumentiert sie den Nahostkonflikt. Mit der DW spricht sie über Krieg, ihre Rolle als Mutter und den Tod ihrer Freundin Anja.

Anja Niedringhaus-Preis – Pressebilder (Foto: Heidi Levine)

Heidi Levine bei der Arbeit

DW: Sie haben Ihre Karriere als Kriegsreporterin in Israel 1983 begonnen und wollten ursprünglich nur ein Jahr bleiben. Mehr als 30 Jahre später leben Sie immer noch in Jerusalem. Ist die Berichterstattung über den Nahost-Konflikt zur Lebensaufgabe geworden?

Heidi Levine: Ja, das sehe ich so, obwohl ich auch aus anderen Regionen berichtet habe und das nach wie vor tue. Aber der Nahost-Konflikt hat mein Berufsleben bestimmt. Seit mehr als drei Jahrzehnten bin ich auf beiden Seiten der Auseinandersetzung unterwegs. Der Anfang war ein Job bei der Presseagentur AP in Israel. Das Ganze sollte nur ein Jahr dauern, doch im gleichen Zeitraum bekam ich mein erstes Kind. Ich stand gerade erst am Anfang meiner Karriere, trotzdem war ich in der Lage, Kriegsereignisse zu dokumentieren und abends pünktlich zum Abendessen wieder zuhause zu sein. Es ist nicht einfach, diesen Job zu machen und gleichzeitig eine Familie zu haben.

Eine Frau in Gaza steht in den Ruinen eines Hauses. (Foto: Heidi Levine)

Heidi Levine hat mehrfach aus dem Gaza-Streifen, aber auch aus Syrien und Libyen berichtet

Ihre Arbeit als Kriegsfotografin ist sehr gefährlich. Warum sind Sie diesem Job treu geblieben?

Ich glaube, dass ich gut bin in dem, was ich tue. Deshalb bin ich am Ball geblieben. Krieg ist zwar nicht mein einziges Thema, aber auf irgendeine Weise stehen meine Motive doch immer mit Krieg oder Konflikt im Zusammenhang. Die Fotos sind nicht immer unmittelbar von der Front. Ich versuche auch, die Bilder hinter dem Konflikt zu finden und die Menschen zu zeigen, die von diesem Konflikt betroffen sind.

Wie sehen Sie sich selbst als Kriegsfotografin? Warum machen Sie diesen Job?

Ich möchte zeigen, welchen Preis die Menschen für diesen Konflikt zahlen. Früher konnte man immer sagen, man hätte von nichts gewusst. Das geht heute nicht mehr. Ich möchte, dass meine Bilder eine Reaktion hervorrufen und dass sich etwas durch sie verändert. Sie sollen zu dem Druck beitragen, der schließlich eine Veränderung herbeiführt.

Trauernde Frauen im Hafen von Gaza (Foto: Heidi Levine)

Trauernde Frauen im Hafen von Gaza

Sie werden oft mit Gewalt, schweren Verletzungen und Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

An diese Dinge kann man sich nicht gewöhnen. Viele Leute fragen mich: 'Bist du abgestumpft? Gewöhnt man sich irgendwann an den Tod und das Leid?' Und meine Antwort ist ein klares 'Nein'. Im Gegenteil: Ich glaube, ich bin durch meine Erlebnisse noch sensibler geworden, was diese Themen angeht. Denn am Ende sind wir alle Menschen. Ich scheue mich auch nicht davor, offen meine Gefühle zu zeigen. Ich setzte auch schon einmal meine Kamera ab und tröste jemanden, der gerade einen Angehörigen verloren hat. Oder ein Kind, das ins Krankenhaus gebracht wird und von seiner Familie getrennt ist. Ich bin ja auch Mutter.

Wie wählen Sie die Menschen aus, die Sie fotografieren?

Oft hat man in diesen Situationen gar keine Wahl. Es geht alles so schnell. Mir geht es wie gesagt in erster Linie darum, zu zeigen, wie der Konflikt Leben zerstört und Familien auseinander reißt. Ich will die Emotionen zeigen, die Angst und das Leid. Ich suche in meinen Bildern nach etwas, dass es Menschen auf der ganzen Welt ermöglicht, sich in die Lage dieser Leute hineinzuversetzen. Ich suche das verbindende Element. Wir alle wollen schließlich das Gleiche: in Frieden leben, Bildung für unsere Kinder, freie Meinungsäußerung, sich frei bewegen können.

Glauben Sie an eine friedliche Koexistenz von Palästinensern und Israelis?

Ich hoffe, dass es dazu kommt. Die Leute fragen mich oft: 'Hast du nicht Angst mit drei Kindern?' Die Wahrheit ist, dass ich meine Kinder oft mitnehme bei der Arbeit, denn sie glauben fest an das, was ich tue. Ich wünsche mir sehr, dass ihre Generation in Frieden leben wird.

Trauernde Menschen in Gaza (Foto: Heidi Levine)

Heidi Levine tröstet ihren Fahrer, Ashraf Al Masri, der weinend vor dem zerstörten Haus seiner Familie in Gaza-Stadt steht


Wie haben Sie es geschafft, die Mutterrolle mit den enormen Belastungen Ihres Berufs zu vereinbaren?

Es ist definitiv nicht einfach und man muss lernen, viele Dinge gleichzeitig zu tun. Wenn ich vom Nahost-Konflikt berichte, kann ich innerhalb einer Stunde beide Seiten erreichen und abends trotzdem noch zuhause sein, um den Haushalt zu machen. Aber das ist nicht immer unbedingt eine gute Sache. Ich weiß, dass meine Kinder oft dachten, dass der Konflikt ihnen ihre Mutter gestohlen habe und vielleicht haben sie damit sogar recht. Manchmal war ich sicherlich nicht die beste Mutter auf der Welt. Und manchmal habe ich sicherlich auch nicht meinen Idealvorstellungen als Fotografin entsprochen. Man muss eben Kompromisse machen. Auch meine männlichen Kollegen müssen das. Ich kenne sehr viele Väter, die vor denselben Herausforderungen stehen.

Sie sind die erste Gewinnerin des Anja-Niedringhaus-Preises für mutigen Fotojournalismus. Der Preis erinnert an die 2014 in Afghanistan getötete deutsche AP-Fotografin. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

[Mit stockender Stimme - Anm. d. Red.] Das ist sehr emotional für mich. Was kann ich Ihnen sagen? Anja war mehr als nur eine Kollegin, sie war eine Freundin. Sie war nicht nur eine großartige Fotografin, sondern auch einfach eine großartige Frau. Sie hat anderen immer geholfen, auch mir, viele haben sie als eine Art Schwester im Dienst empfunden. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Anja ist, dass ich meine Karriere auch bei AP begonnen habe. Und wussten Sie, dass ihre Mutter auch Heidi heißt? Anja hat mir einmal gesagt, dass ich einen besonderen Platz in ihrem Herzen habe, weil ihre Mutter den selben Namen trägt. Der Preis ist eine große Ehre, aber ich wünschte, ich könnte ihn eintauschen und dafür Anja wieder bei uns haben.

Männer suchen während des Gaza-Konflikts 2014 Unterschlupf (Foto: Heidi Levine)

Männer suchen während des Gaza-Konflikts 2014 Unterschlupf

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Wo wollen oder müssen Sie demnächst berichten?

Seit dem Krieg arbeite ich an einem persönlichen Projekt, von dem ich eigentlich gar nicht wusste, dass es ein Projekt ist. Vermutlich ist das auch Teil meines Verarbeitungsprozesses. Ich versuche, den Heilungsprozess und die Folgen des Krieges zu dokumentieren - und die Kraft der Menschen, ihre Widerstandsfähigkeit, die mich nach 30 Jahren immer noch überrascht. Ich will weiter fotografieren, aber ich habe auch begonnen, zu unterrichten. Es ist mir wichtig, meine Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die den gleichen Weg gehen wollen wie ich.

Die US-amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine ist erste Gewinnerin des Anja Niedringhaus-Preises für mutigen Fotojournalismus. Der mit 20.000 US-Dollar dotierte Preis soll den Mut und die Arbeit der 2014 in Afghanistan ums Leben gekommenen Pulitzer-Preisträgerin und deutschen AP-Fotografin Anja Niedringhaus würdigen. Ins Leben gerufen wurde die Auszeichnung von der International Women's Media Foundation (IWMF) mit Sitz in Washington. Heidi Levine berichtete unter anderem über die Revolutionen in Ägypten, Syrien und Libyen sowie, eingebettet in das amerikanische Militär, über im Irak stationierte US-Soldatinnen.

Das Interview führte Silke Bartlick.

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