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Krise in Euroland - wen wundert's?

Rolf Wenkel hat den langen Weg zur Euro-Einführung begleitet.

DW-Redakteur Rolf Wenkel - Copyright: Dirk-Ulrich Kaufmann / DW 05.03.2013

Rolf Wenkel

Natürlich habe ich im Dezember 2001 das erste Euro-Starterkit gekauft. Natürlich habe ich mich danach über den "Teuro" gewundert. Natürlich fällt es mir schwer, den Statistikern zu glauben, die uns sagen, der Euro sei in den ersten zehn Jahren stabiler gewesen als die D-Mark. Insofern unterscheide ich mich wohl kaum von anderen Bürgern in Euroland.

Große "Europhorie"

Bundeskanzler Gerhard Schröder präsentiert am 12.12.2001 ein so genanntes Euro-Starterkit, das er zuvor im Rahmen einer Werbeaktion für 20 D-Mark erstanden hatte. Foto: picture-alliance/dpa

Kaufte eines der ersten Euro-Starterkits: Bundeskanzler Gerhard Schröder

Trotzdem war und ist mein Verhältnis zum Euro sehr speziell. Denn ich habe mich als Wirtschaftsredakteur sozusagen von Berufs wegen schon viel früher mit dem Euro beschäftigt. Eigentlich schon seit 1979, als mit der Einführung des Europäischen Währungssystems die nationalen Notenbanken angehalten waren, ihre Währungen nur noch in engen Bandbreiten gegeneinander schwanken zu lassen - eine notwendige Vorstufe zu einer gemeinsamen Währung.

Schon damals, aber auch in den folgenden Jahren, wunderten mich einige Dinge und warfen Fragen auf, auf die ich aber nie eine befriedigende Antwort bekam. Dass die Wirtschaft seinerzeit Reklame für den künftigen Euro machte, war klar. Denn allein die deutschen Exporteure hatten sich ausgerechnet, dass sie jedes Jahr rund 35 Milliarden D-Mark sparen würden, weil sie sich nicht mehr gegen schwankende Währungen der europäischen Nachbarländer würden absichern müssen.

Ja der Gewerkschaften

Das Hauptquartier der Europäischen Zentralbank in Frankfurt - Foto: AFP PHOTO / JOHANNES EISELE

"Hüter des Euro": die Europäische Zentralbank in Frankfurt

Aber dass die Gewerkschaften keinerlei Bedenken gegen die Gemeinschaftswährung hatten, kam mir komisch vor. "Wir sagen Ja zum Euro", tönten damals unisono der Deutsche Gewerkschaftsbund und die mächtige IG Metall. Und auch von den Gewerkschaften in Südeuropa waren keine Bedenken zu hören. Hatten die etwa keine Volkswirte in ihren Reihen?

Denn jedem Volkswirt war klar, dass mit dem Wegfall der nationalen Währungen auch ein Ausgleichsventil verloren ging, mit dem man früher wirtschaftliche Fehlentwicklungen korrigieren konnte. Ließ die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes nach, wurde die Währung abgewertet. Das machte die Produkte des Landes auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig, lockte neue Investitionen an, schuf neue Arbeitsplätze.

Fragen Sie mal Italiener, Spanier, Griechen, Portugiesen, wie gut dieser Ausgleichsmechanismus funktioniert hat! Die hatten nie Probleme damit, an ihre Geldscheine noch eine Null dranzuhängen. Doch mit dem Euro geht das nicht mehr. Was nicht heißt, dass es keinen Ausgleichsmechanismus mehr gibt. Der funktioniert nur anders - auf dem Rücken der Arbeitnehmer nämlich.

Sparen, sparen, sparen

Zyprer protestieren gegen die Sparvorgaben aus Brüssel - REUTERS/Andreas Manolis (CYPRUS - Tags: BUSINESS CIVIL UNREST)

Später Protest: Zyprer demonstrieren gegen die Sparvorgaben aus Brüssel

Auch in einem gemeinsamen Währungsraum kann eine Region oder eine Branche abwerten. Die Deutschen haben es vorgemacht. Zehn Jahre lang haben die Gewerkschaften hierzulande eher über den Erhalt von Arbeitsplätzen verhandelt, und nicht über Lohnprozente. Zehn Jahre lang haben die deutschen Arbeitnehmer Reallohnverluste hinnehmen müssen, zehn Jahre lang hat Deutschland abgewertet.

Das Ergebnis ist in der so genannten Eurokrise zu besichtigen: Noch nie waren die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Euroland so groß wie heutzutage. Und noch nie war der Druck auf die Arbeitnehmer in Südeuropa so groß, es den Deutschen nachzumachen: Sparen, sparen, sparen, verzichten, verzichten, verzichten. Aber bitteschön nicht in zehn Jahren, sondern möglichst sofort. Wundert sich da jemand, dass es Proteste gibt? Ich nicht.