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Asien

Krise im chinesischen Zockerparadies

Seit Peking die Korruption in der Volksrepublik China bekämpft, wird in den Kasinos von Macau immer weniger Geld verspielt. Die Superreichen haben Angst vor den Ermittlungsbehörden und wollen bloß nicht auffallen.

Von wegen Las Vegas! Wirklich gezockt wird im chinesischen Macau, auch wenn das außerhalb Asiens kaum bekannt ist: 35 Kasinos, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet sind, rund 30 Millionen Besucher im Jahr, umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro Kasino-Einnahmen - das sind Superlative, die die US-amerikanische Glücksspielstadt wie ein Wüstendorf darstehen lassen. Schade nur, dass die Gewinne Macaus gerade dramatisch einbrechen. Denn die chinesische Regierung hat der Korruption den Kampf angesagt: "Seit die Volksrepublik ihre Anti-Korruptionskampagne fährt, haben die Kasinos große Probleme", erklärt Soziologe Larry So von der Fachhochschule Macau. "Das Geschäft geht zurück, denn die hohen Beamten und die Reichen wagen es nicht mehr, zum Spielen hierher zu kommen."

Bild vom Grand Lisboa Casino in Macau (Foto: Faget/DW)

Das "Grand Lisboa Casino" in Macau

Macau ist der einzige Ort in China, an dem Glückspiel offiziell erlaubt ist. Bis Ende 1999 war die Halbinsel eine portugiesische Kolonie. Seit der Rückgabe an China ist die 600.000-Einwohner-Stadt an der Perlflussmündung mit einer Gesamtfläche von gerade einmal 28 Quadratkilometern eine weitgehend autonome Sonderverwaltungszone der Volksrepublik.

Nebenwirkungen des Anti-Korruptionskampfes

Mit dem Aufschwung der chinesischen Wirtschaft kamen immer mehr Reiche zum Spielen nach Macau. Bis der neue Staatspräsident Xi Jinping kurz nach seiner Wahl vor fast zwei Jahren zur Jagd auf korrupte Parteifunktionäre und Unternehmer blies. Wohl auch, um unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, ergänzt Soziologe So mit einem ironischen Lächeln. Nachdem die Kampagne bereits hohen und höchsten Parteikadern Todesurteile und lange Haftstrafen eingebracht hatte, seien schlechte Zeiten für Macau angebrochen. Festlandchinesen, die in den Kasinos mit hohen Einsätzen spielen, fürchteten immer mehr, gefragt zu werden, woher sie ihren Reichtum haben.

Ironie des Schicksals: In den vergangenen Jahren hat Macau viel getan, um aus der Schmuddelecke von Glücksspiel und Verbrechen herauszukommen. Aus einst verrufenen Zockerhöllen sind mittlerweile Erlebnis-Resorts geworden, in denen es von der Luxussuite über Edelmarkenboutiquen bis hin zu internationalen Sternerestaurants so ziemlich alles gibt.

Von Prostitution bis Schwarzgeld

Gondoliere im Kasino Venetian (Foto: Faget/DW)

Ein original italienischer Gondoliere im Kasino "Venetian"

Das 'Venetian' zum Beispiel: Sogar der Glockenturm wurde neben dem Zuckerbäckervenedig für Chinesen nachgebaut. Es gibt hier einen Shopping-Markusplatz, eine Rialto-Brücke und auf dem Canale Grande singen original italienische Gondolieri. Alles natürlich überdacht und vollklimatisiert, betont Venetian-Direktor Ciaran Carruthers stolz: "Der Himmel ist immer blau, die Sonne scheint ununterbrochen. In unserem Venedig regnet es nie. Wir bieten hier Chinesen, die nicht nach Europa fahren können, einen Hauch der Schönheit des alten Europas und Venedigs." Weil die Geschäfte bis vor kurzem so gut liefen, wird am Schwester-Resort bereits gebaut. Es heißt 'Parisian' und soll - wie schon der Name sagt - ab Ende des Jahres Pariser Charme und Eleganz in Macau versprühen.

Doch auch wenn die Kasino-Manager es nicht gern sagen: Geld verdient wird mit dem Zocken. 'Junket' heißt das Geschäft mit Sonderflügen, Sonderbehandlung der Kunden und Sonderkonditionen, in dem Millionen umgesetzt und verdient werden. In sogenannten VIP-Räumen, luxuriös eingerichteten privaten Spielräumen in den Kasinos, die gewöhnliche Spieler nicht betreten dürfen. Ein Grau- bis Schwarzbereich, über den natürlich niemand reden will. Hinter vorgehaltener Hand ist von Prostitution ebenso die Rede wie von Schwarzgeldwäsche, zweifelhaft erworbenen und dort verspielten Vermögen, sowie von hohen Parteifunktionären, die am liebsten unerkannt bleiben. Doch genau in diesem wichtigen Bereich sind die Kasinoumsätze stark zurückgegangen, seit Peking auf Korruptionsabbau setzt und mehr Transparenz beim Luxuszocken in Macau fordert. Das bestätigt auch Soziologe Larry So: "Die VIP-Räume, die für hohe Würdenträger, Reiche und korrupte Beamte eingerichtet wurden, stehen immer öfter leer, oder sie haben viel weniger Besucher."

Blick auf die Altstadt von Macau (Foto: Faget/DW)

Touristen bewundern die alten portugiesischen Häuser in der Altstadt von Macau

Erholt sich Macau von der Krise?

Mit katastrophalen Folgen: Zum Jahresende 2014 sind die Glücksspieleinnahmen um ein Drittel zurückgegangen, der Börsenwert der Kasinos ist um rund 90 Milliarden Euro gesunken. Da werde die Regierung der Sonderverwaltungszone zwar einerseits zu Recht nervös, betont Soziologe So, andererseits trage sie jedoch auch einen Großteil der Verantwortung, da sie seit der Rückgabe vor 15 Jahren wirtschaftlich nur auf das Glückspiel gesetzt habe.

Peking habe die Regierungschefs Macaus immer wieder aufgefordert, die wirtschaftliche Basis der Sonderverwaltungszone auszubauen, bestätigt auch Gary Ngai, der früher Kulturchef war. Er leitet heute einen Think Tank, der Macau wegen seiner historischen Beziehungen zu einer Drehscheibe zwischen China und rohstoffreichen portugiesischsprachigen Ländern wie Angola und Brasilien machen will – mit bis jetzt eher mäßigem Erfolg.

Macau sei immer den leichtesten Weg gegangen, analysiert Soziologe Larry So. Darum treffe die Anti-Korruptionskampagne die Stadt jetzt besonders hart. Deren Ende sei obendrein nicht absehbar: "Diese Kampagne dürfte noch einige Zeit dauern. Bis die Sympathisanten der vorherigen chinesischen Regierung aus allen Machtpositionen entfernt sind." Erst dann würden sich die Superreichen wieder zum Zocken nach Macau wagen, prophezeit der Soziologieprofessor.

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