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Nahost

Krieg gegen Hamas nicht ausgeschlossen

Tausende Israelis sind zur Beerdigung der drei ermordeten Jugendlichen gekommen. Die Regierung sucht nun nach einer Antwort auf die Bluttat. Premier Netanjahu kündigt an, weiter gegen die Hamas vorzugehen.

Immer wieder spielen israelische Radiosender den letzten Anruf von Gilad Shaer ab, einem der getöteten israelischen jungen Männer. Der Notruf ging spätabends am 12. Juni bei einer Polizeiwache ein. "Sie haben mich entführt", sagt eine kaum hörbare Stimme. Der Polizist am anderen Ende scheint ihn nicht zu verstehen, ruft mehrmals Hallo. "Runter mit dem Kopf, runter mit dem Kopf" ruft eine männliche Stimme auf Hebräisch. Das sei einer der Entführer, erklärt der Radiomoderator den Zuhörern. Dann seien Schüsse zu hören.

Für nicht wenige Zuhörer ist das Abspielen der Aufnahmen am Tag der Beerdigung der jungen Männer hochemotional. Es sei unverständlich, wie so etwas passieren konnte, sagt eine Anruferin mit aufgelöster Stimme. Die Regierung müsse jetzt handeln, mit harter Hand. Eine Forderung, die derzeit oft zu hören ist in Israel. Vor allem aus dem rechten Lager. Die Stimmung im Land schwankt zwischen Trauer um die drei toten Teenager und Entsetzen über die Tat. Zwischen denen, die lautstark nach Vergeltung rufen, und denen, die etwas leiser, Zurückhaltung anmahnen.

Trauer und Wut bei der Beerdigung

Seit mehr als zwei Wochen hält das Drama die Nation in Atem. Die drei Religionsschüler waren in der Nähe des Siedlungsblocks Gush Etzion im besetzten Westjordanland per Anhalter nach Hause unterwegs. Die Polizei nahm den Notruf zunächst nicht ernst und verfolgte ihn auch nicht weiter. Doch als Eyal Yfrach , Gilad Shaar und Naftali Frenkel dann verschwunden waren, wurde mit einer großangelegten Militäroffensive im Westjordanland nach ihnen gesucht. Am Montagabend dann die traurige Gewissheit: Die Leichen der drei wurden in der Nähe der palästinensischen Stadt Halhul bei Hebron gefunden.

Nur einen Tag später, nach jüdischer Tradition, folgte die Beisetzung der drei jungen Männer. Die Familien hatten sich entschieden, alle drei nebeneinander zu begraben, im Friedhof von Modiin, einer Kleinstadt zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Zur Beerdigung kamen Tausende angereist, eine Mehrheit der Trauergäste war aus den Siedlungsgebieten. Auch hier erwarteten viele eine harte Antwort auf die Tat.

Hartes Vorgehen gefordert

Nicht nur militärisch: Am frühen Mittwochmorgen (02.07.2014) wurde die Leiche eines palästinensischen Jugendlichen in einem Wald bei Jerusalem gefunden. Medienberichten zufolge bestehe der Verdacht, dass er zuvor von rechtsgerichteten Israelis entführt worden sei.

Bereits Montagnacht hatte die israelische Luftwaffe 34 Ziele im Gazastreifen bombardiert. Und die Suche im Westjordanland nach den beiden Tatverdächtigen läuft weiter. Netanjahu macht die Hamas für die Tat verantwortlich, diese jedoch bestreitet die Vorwürfe. Zwei Tatverdächtige aus Hebron sind noch immer flüchtig. Sie seien wenige Tage vor der Entführung der Teenager untergetaucht, sagen israelische Sicherheitsbehörden. Ob sie auf eigene Faust gehandelt haben oder doch im Auftrag, ist unklar. Familienmitglieder wurden verhaftet, und die Wohnungen der mutmaßlichen Täter zum Teil zerstört - als Strafmaßnahme.

Auf politischer Ebene ringt das israelische Sicherheitskabinett unterdessen seit zwei Tagen damit, eine Antwort auf die Taten zu formulieren. Premierminister Netanjahu erklärte am Dienstagabend die großen Ziele: die Mörder finden und jeden, der bei der Entführung mitgeholfen hat; die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland weiter schwächen und auch weiterhin gegen die Hamas im Gazastreifen vorgehen. Falls nötig, würde man die Militäraktion je nach Bedarf ausweiten, sagte Netanjahu. Ob er damit die ultra-rechten Hardliner im Kabinett überzeugen kann, bleibt abzuwarten. Nicht nur Wirtschaftsminister Naftali Bennett, Chef der nationalreligiösen Siedlerpartei Jüdisches Heim, wolle eine massive Offensive gegen die Hamas im Gazastreifen - ein Krieg sei nicht ausgeschlossen, berichtete die israelische Zeitung Haaretz.

Seit Beginn der Militäroffensive im Westjordanland wurden dort 422 Palästinenser verhaftet, darunter 335 Sympathisanten und Mitglieder der Hamas, so die israelische Armee. Sechs junge Palästinenser starben bei Auseinandersetzungen. "Theoretisch hält sich die israelische Regierung jetzt alle Optionen offen, von einer 'angemessenen' Antwort bis zu einer groß angelegten Offensive", sagt Shaul Shay, Politikwissenschaftler am IDC in Herzliya. "Einerseits muss es eine harte Antwort sein, um Abschreckung gegen neue Entführungen zu schaffen, andererseits muss man vermeiden, die Sache weiter zu eskalieren." Auf palästinensischer Seite herrscht jetzt große Unsicherheit, wie die nächsten Tage aussehen werden.