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Welt

Kommentar: Kollektive "Bestrafung" darf es nicht geben

Israel hat Vergeltung für den Mord an drei Jugendlichen nahe Hebron angekündigt. Empörung und Wut sind verständlich, doch ein Krieg muss unbedingt vermieden werden, meint Rainer Sollich.

Leichen der vermissten israelischen Jugendlichen gefunden

Israel trauert um die ermordeten drei Jugendlichen

Verbal ist bereits massiv aufgerüstet worden: Die Mörder der drei israelischen Jugendlichen und ihre Unterstützer seien "Bestien" und "Tiere in Menschengestalt", erklärte Regierungschef Benjamin Netanjahu und drohte sichtbar entschlossen mit "Vergeltung". Die radikal-islamische Hamas drohte ihrerseits, für Netanjahu werde sich "die Hölle öffnen", sollte er es wagen, großflächig den Gazastreifen anzugreifen.

Tatsächlich scheint die Tür zur "Hölle" bereits aufgestoßen und eine Eskalation nur noch schwer abwendbar. Kaum jemand glaubt, dass es bei der gezielten Tötung eines Hamas-Mitglieds und bei etwa 30 Luftangriffen auf Gaza bleiben wird, die Israel bereits in der Nacht zum Dienstag (30.06./01.07.) nach Auffinden der drei Leichen unternommen hat. Zu groß ist der Ruf nach Rache - insbesondere in Netanjahus klassischem Wählermilieu, der Siedlerbewegung - als dass er sich hier mit symbolischen Reaktionen begnügen könnte. Selbst wenn er wollte - der innenpolitische Druck wäre viel zu hoch.

Keine Rechtfertigung für Mord

Druck und Empörung auf israelischer Seite sind nachvollziehbar: Die Ermordung von drei unschuldigen Menschen - Teenagern und Zivilisten - ist ein abscheuliches Verbrechen, für das es keinerlei Rechtfertigung geben kann. Weder Israels offensive Siedlungspolitik, noch israelische Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern können hierfür "moralisch" als Begründung herangezogen werden. Es ist und bleibt ein abscheulicher Mord, verübt mutmaßlich von palästinensischen Hardlinern, deren vorrangiges Ziel sein dürfte, den jahrzehntelangen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern möglichst lange am Leben zu erhalten. Wobei zur Kenntnis genommen werden muss, dass die Hamas trotz ihrer hasserfüllten Rhetorik bestreitet, mit der Tat in Verbindung zu stehen und Israel bisher auch keine Beweise dafür geliefert hat.

Deutsche Welle Rainer Sollich Arabische Redaktion

Rainer Sollich, Arabische Redaktion der Deutschen Welle

Wer hinter den Morden steckt, werden wir vielleicht niemals mit letzter Sicherheit erfahren. Es wird auch niemand mehr danach fragen, sobald israelische Militärschläge in Gaza immer mehr zivile Opfer fordern und umgekehrt wieder Raketen auf israelischen Wohngebieten niedergehen.Die Eskalationsspirale in Nahost nährt sich erfahrungsgemäß aus Hass, erlittenem Leid und Unrecht, auch auf palästinensischer Seite, wo die Lebensbedingungen der Menschen weitaus schlechter sind. Israel trägt daran zwar nicht alleinige Schuld, aber schon ein beträchtliches Maß Mitverantwortung.

Gefahr eines Flächenbrands

Eine kollektive "Bestrafung" der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza darf es nicht geben. Doch genau diese Gefahr besteht, wenn es Europäern und insbesondere den USA nicht gelingt, mäßigend auf Netanjahus Vergeltungspläne einzuwirken. Netanjahu hat nämlich neben Vergeltung noch ein weiteres Motiv: Er will der Weltgemeinschaft demonstrieren, dass Israel niemals mit einer palästinensischen Einheitsregierung kooperieren könnte, in der neben Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und seiner Fatah-Bewegung auch die Islamisten von der Hamas vertreten sind.

Die internationale Gemeinschaft muss jedoch andere, übergeordnete Interessen im Blick haben: So schwer es sich vermutlich gestalten würde, so wünschenswert wäre es, wenn Israel und die Palästinenserbehörde sich dazu durchringen könnten, bei der Aufklärung der Morde zusammenzuarbeiteten, wie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon dies vorgeschlagen hat. Ein neuer Krieg muss vermieden werden. Denn dies würde nicht nur bedeuten, sich ein weiteres Mal der Agenda von Friedensgegnern zu beugen. Angesichts der katastrophalen Lage im Irak, in Syrien und weiteren Ländern könnte ein neuer "heißer" Krieg zwischen Israelis und Palästinensern auch das immer gefährlichere Chaos in der gesamten Region noch einmal dramatisch vergrößern.