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Wirtschaft

Kreditinstitute in der Krise?

Die Konjunkturflaute, eine dramatische Pleitewelle und die Krise auf den Aktienmärkten haben die deutschen Großbanken schwer erschüttert. Die Geschäftszahlen von Deutscher Bank, Allianz und HypoVereinsbank beweisen es.

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Bankenviertel in Frankfurt am Main

"Wir bewegen uns im schwersten Bankenjahr seit Kriegsende", trommelte HypoVereinsbank-Chef Albrecht Schmidt vor Wochenfrist Alarm. Anlass war die Halbjahresbilanz von Deutschlands zweitgrößtem Kreditinstitut. Darin wies das Management erstmals einen Quartalsverlust auf operativer Basis aus. So etwas gab es zuvor weder in der kurzen Geschichte der aus einer Fusion hervorgegangenen Bank, noch zu Zeiten ihrer Vorgänger, der Bayerischen Vereinsbank und der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank.

Ebenso schlecht liefen in den vergangenen Monaten die Geschäfte der Dresdner Bank, die mittlerweile zum Allfinanz-Konzern Allianz gehört. Das in München beheimatete Mutter-Unternehmen schockte am Mittwochabend (31. Juli 2002) kurz vor Börsenschluss die Investorengemeinde mit der Warnung, dass die Allianz-Gruppe ihre Ergebnisprognose für das Jahr 2002 gesenkt hat. Der Grund: Die "schwierige Ergebnisentwicklung im Kapitalanlage- und Bankgeschäft".

Trostlose Lage

Wie trostlos die Lage bei der Dresdner Bank ist, teilte der Konzern im Einzelnen nicht mit. Der Vorstand kündigte aber als Reaktion auf die schwachen Geschäfte eine "massive Verschlankung" einzelner Abteilungen der Bank an. Dies dürfte zu einem weiteren Stellenabbau in der Bank führen, in der bisher 8000 Stellen auf der Streichliste standen. Um die Probleme der Bank zu meistern, scheint dies nach Auffassung des Vorstands nicht mehr ausreichend zu sein.

Die Deutsche Bank legte am Donnerstag zwar keinen Verlust vor, aber im Vergleich zum Vorjahr eine völlig unbefriedigende Bilanz. Das Ergebnis je Aktie brach um etwa drei Viertel ein. Vor allem das Handelsergebnis fiel schwach aus, wie Jörn Kissenkötter, Banken-Experte der Hamburger Privatbank M. M. Warburg & Co., im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte.

Stecken die Banken in einer Krise?

"Die Banken befinden sich in einem schwierigen Jahr", sagte Kissenkötter, "das Wort 'Krise' würde ich aber nicht in den Mund nehmen." Diese Einschätzung vertritt auch der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BAFin), Jochen Sanio. Das BAFin ist seit kurzem als Aufsichtsbehörde für die Kontrolle der deutschen Bankenbranche verantwortlich. Das Wort "Krise" habe den Beigeschmack einer Katastrophe, sagte Sanio diese Woche in einem Zeitungsinterview. Eine Krise, also eine Entwicklung, die auf einen gefährlichen Punkt zutreibe und nicht mehr zu kontrollieren sei, gäbe es derzeit nicht.

Selbst die zuständige Gewerkschaft verd.di schließt sich dieser Meinung an, obwohl die angekündigten und zum Teil bereits umgesetzten Listen mit Stellenstreichungen mittlerweile rund 30.000 Arbeitsplätze betreffen. "Noch sind die Schwankungen in den Bilanzen im Rahmen des Normalen", erklärte der ver.di-Sprecher Uwe Foulong auf Anfrage von DW-WORLD. Die Differenzen zu früheren Jahren machten lediglich den Anschein einer Extrem-Situation, weil die Jahre 1999 und 2000 so ungewöhnlich erfolgreich für die Banken verliefen.

Hintergrund der aktuellen Schieflage der Branche ist unter anderem die Last der vielen Firmenpleiten, die bei den Banken zu Kreditausfällen führen. Experten rechnen in diesem Jahr mit 40.000 Insolvenzen. Darunter sind solche Schwergewichte wie die Kirch-Gruppe und Fairchild Dornier. Auch an den Aktienbörsen ist angesichts drastischer Kursverfälle – der DAX büßte seit Jahresbeginn knapp 30 Prozent an Wert ein – weniger Geld zu verdienen als in den Vorjahren. Hinzu kommen Umsatzausfälle, weil es weniger Börsengänge von Unternehmen gab und die Zahl von Übernahmen und Fusionen sank. In den 1990er Jahren hatten die Banken auf diesen Feldern kräftig verdient. Nun spiegelt sich in dem Leid der Banken die ganze Misere der schleppenden Konjunktur.

US-Banken in der Kritik

Die deutschen Banken stehen international freilich nicht allein mit ihren Problemen. Einige Fachleute meinen sogar im Vergleich zu den beiden großen US-amerikanischen Banken Citigroup und J. P. Morgan Chase hätten sich die deutschen Geldhäuser noch gut gehalten. Ihre Konkurrenten jenseits des Atlantiks büßten vorige Woche mehr als 30 Milliarden US-Dollar an Börsenwert ein, nachdem Kongress-Abgeordnete nachgewiesen hatten, wie die beiden Banken dem zusammengebrochenen Energie-Händler Enron bei der Frisierung seiner Bilanzen behilflich war.

Wegen der Verwicklung der Institute in diesen Fall haben geschädigte Aktionäre bereits Sammelklagen gegen diese und andere US-Banken eingereicht. Falls die gebeutelten Anleger damit vor Gericht auf offene Ohren stoßen, werden die Bilanzen der großen amerikanischen Finanzinstitute aller Voraussicht nach weitere Schrammen abbekommen.

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