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Terrorverdächtige in Duisburg

Kosovo - Brutstätte des Islamismus?

Kosovo ist seit Längerem alarmiert wegen der wachsenden Radikalisierung unter Muslimen, verhältnismäßig viele haben sich der IS angeschlossen. Staat und Zivilgesellschaft versuchen gegenzusteuern - mit mäßigen Erfolg.

Knapp zwei Millionen Einwohner zählt der Kosovo. Seit 2012 sind 316 von ihnen ausgereist, um sich dem Kampf der Terrororganisation "Islamischer Staat" anzuschließen, darunter auch Frauen und Kinder. 58 von ihnen sollen inzwischen getötet worden sein. 117 seien in den Kosovo zurückgekehrt, sagt Baki Kelani, Pressesprecher des kosovarischen Innenministeriums, auf Anfrage der Deutschen Welle. Laut Kelani laufen Untersuchungen gegen 237 Personen unter dem Vorwurf der Organisation und Teilnahme an terroristischen Taten, Teilnahme an terroristischen Akten außerhalb Kosovos sowie Rekrutierung, Unterstützung, Finanzierung von Terrorismus. Seit 2013 wurden 127 der Beschuldigten verhaftet, darunter auch mutmaßliche Anführer. 

Identitätsverschiebung

Kein Zweifel, der radikale Islam ist auch im mehrheitlich muslimischen Kosovo ein wachsendes Problem, zumal die kosovarischen Behörden, trotz massiver internationaler Unterstützung, der Lage kaum Herr werden können. Denn hinter den Zahlen stecken gesellschaftliche Phänomene größeren Ausmaßes: verbreitete Armut, 40 Prozent Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Die daraus erwachsende Frustration vieler Menschen, gepaart mit einer wachsenden Hinwendung zu strengeren Auslegungen des Islam, wie sie im Kosovo früher nicht zu finden waren.

Kosovo Festnahmen IS Kämpfer 12.08.2014 (Reuters)

Festnahme eines IS-Kämpfers nach seiner Rückkehr 2014

Nach Angabe von Sicherheitsexperten sollen bis zu 50.000 Kosovaren heute einem konservativen Islam anhängen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch: Albaner, Roma, Türken, Bosniaken. Heute sieht man, in der Hauptstadt Prishtina wie in der Provinz, immer mehr Mädchen und Frauen mit Kopftuch - vor 15 Jahren noch absolute Ausnahmeerscheinung. Selbst vollverschleierte Frauen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Schon hieran ist sichtbar, dass der tradierte, liberale Islam aus der osmanischen Zeit, der stark von der Mystik des Sufismus geprägt ist, verdrängt wird. Überlagert wird er mehr und mehr von strengeren Formen, die durch saudischen Einfluss auf den Balkan gelangt sind.

Im Sommer 2016 veröffentlichte das Institut für Politische Studien (KIPRED) eine Studie über den Einfluss der Religion für die kosovarische Identität. Laut Lulzim Peci, Autor der Studie, fühlen sich 57 Prozent der muslimischen Albaner im Kosovo vor allem als Albaner, 32 Prozent definieren sich zunächst als Moslems und erst danach als Albaner. "Wir sehen bei diesen Menschen eine große Identitätsverschiebung von der linguistischen ethnischen Zugehörigkeit, der sogenannten Sprachnation, hin zu einer religiös-ethnischen Gesellschaft", sagt Peci gegenüber der DW. Wenn sich dieser Prozess fortsetze, so der Politikwissenschaftler, bestehe die Gefahr, dass dies das Ende des "Albanertums", wie wir es kennen, bedeute. Und das Ende des säkularen und pro-westlichen Kosovos.

Einfluss islamischer Länder

Die Islamisierung der Albaner begann nach dem Ende des Kosovokrieges zunächst schleichend. Saudi-Arabien, Kuweit und andere islamische Länder investierten massiv in den Wiederaufbau und Neubau von Moscheen, entsandten Prediger und unterstützen

Bedürftige. Heute stehen im Kosovo 742 Moscheen, dazu kommen andere muslimische Bauten wie Koranschulen. Doch mit dem Geld und den Predigern kam auch ein anderer Islam ins Land. Der Politikwissenschaftler Agon Demjaha, der an der Untersuchung zur Identitätsbildung der Kosovaren mitgearbeitet hat, sagt, dass Politiker und Parteien gegenüber diesem Phänomen zu lange indifferent und unentschlossen waren. Und der Soziologe Smajl Hasani sieht ein Verschulden auch im schlechten Bildungssystem Kosovos. Es sei zu wenig Wert darauf gelegt worden, die kosovarische Identität mit einer religiös toleranten, multireligiösen Identität zu belegen. 

Vertreter der islamischen Gemeinschaft weisen eine Mitschuld an der Radikalisierung zurück. Im Gegenteil: Die Theologin Besa Ismaili sagt, keiner der Kosovaren, die sich den terroristischen Netzwerken angeschlossen haben, sei aus ihrer Gemeinschaft hervorgegangen. Der Kampf im Namen der Religion sei falsch. Und diese Ideologie sei bei den Albanern nie verbreitet gewesen. Der Terror habe nichts mit Glauben zu tun. "Unter den wahrhaft Gläubigen gibt es keinen Extremismus, im Glauben gibt es nicht Gewalt, sondern nur Liebe", sagt Ismaili.

Wichtige Rolle Deutschlands

Schülerinnen der Medrese in Prizren (DW/R. Alija)

Immer mehr Frauen im Kosovo tragen Kopftuch

Doch allen Aufklärungsbemühungen zum Trotz bleiben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Kosovo schwierig. Florian Qehaja, Direktor des Zentrums für Sicherheitsstudien im Kosovo, hat sie untersucht und nennt als Gründe vor allem die katastrophale Wirtschaftslage und die schwachen staatlichen Strukturen geprägt durch Unschlüssigkeit, Korruption und Unfähigkeit. Junge Menschen, so Qehaja, litten unter fehlenden Perspektiven und fühlten sich in Europa zunehmend isoliert und suchten folglich andere Wege. Um dem Islamismus Einhalt zu gebieten, sagt Qehaja, sei eine ganzheitliche Strategie nötig: bei der Ausbildung der Jugend, bei der Imam-Auswahl, bei den Medien wie bei der Sicherheitsarchitektur im Lande. Außerdem brauche das Land regionale Zusammenarbeit mit den Nachbarländern Mazedonien und Albanien sowie weitere internationale Unterstützung, vor allem von USA und EU, da diese Länder ein hohes Renommee im Kosovo genössen.

Deutschland ist im Kosovo sowohl in der militärischen KFOR-Mission der UN mit 700 Soldanten vertreten, als mit Polizisten und Experten der Eulex-Mission, mit der die EU den Rechtsstaat stärken will. Insbesondere aber ist Deutschland durch eine große Immigration von rund 400.000 Kosovaren eng mit den Entwicklungen verbunden. Der Attentäter, der 2011 am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschoss, war albanisches Migrantenkind. Und auch die heutige Verhaftung von zwei Kosovaren unter Terrorverdacht in Duisburg zeigt, welche Brisanz die Radikalisierung im Kosovo für Deutschland hat.