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Europa

Koschyk: "Aussiedler helfen Flüchtlingen"

Nach Berichten über eine angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin sind Aussiedler auf die Straße gegangen. Doch der Aussiedlerbeauftragte Hartmut Koschyk warnt vor Pauschalisierungen.

Deutsche Welle: Herr Koschyk, im Fall um die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen hat Russlands Außenminister den deutschen Behörden Vertuschung vorgeworfen. Ist das Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands?

Hartmut Koschyk: Uns allen sollte es um ein 13-jähriges Mädchen gehen. Ich jedenfalls habe vollstes Vertrauen in die zuständigen Berliner Behörden, dass sie alles tun, um den Sachverhalt aufzuklären. Daran hat die deutsche Öffentlichkeit ein großes Interesse. Wenn darüber hinaus Interesse besteht, nehmen wir das zur Kenntnis. Aber zunächst geht es darum, dass wir die zuständigen Behörden in Deutschland in Ruhe ihre Arbeit tun lassen.

Nach Berichten des russischen Fernsehens, dass es sich bei den Tätern um Migranten handeln soll, sind Russlanddeutsche auf die Straßen gegangen. Überrascht Sie das?

Ich verstehe, dass Menschen, die aus einem Kulturkreis als Aussiedler zu uns gekommen sind, besonders betroffen reagieren, wenn jemand aus dem eigenen persönlichen Umfeld von einer solchen schlimmen Situation betroffen ist. Aber wir alle haben Sorge um Menschen in Deutschland, vor allem um Kinder und Jugendliche, dass sie nicht Opfer von sexuellem Missbrauch, von Gewalt werden.

Unter den Demonstranten vor dem Kanzleramt waren offensichtlich auch Rechtsradikale. Sind Russlanddeutsche anfällig für rechtsextreme Propaganda?

Das glaube ich nicht. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Wir erleben ja, dass zurzeit - neben allen berechtigten Sorgen, die viele Menschen in unserem Land haben - gerade Extremisten versuchen, auf diesen Sorgen ihr Süppchen zu kochen. Aber ich glaube, die Struktur der Russlanddeutschen in Deutschland ganz gut zu kennen. Es sind vor allem Menschen, die tief in ihrem christlichen Glauben verwurzelt sind. Deshalb glaube ich nicht, dass sie besonders anfällig für rechtsextremes Gedankengut sind.

Offensichtlich sind diese Menschen aber anfällig für das, was im russischen Fernsehen gezeigt wird. Wahrscheinlich schauen die meisten überwiegend russische TV-Sender. Halten Sie dies für problematisch?

Hartmut Koschyk ist Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen (Foto: Marc Müller, dpa)

Hartmut Koschyk ist Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen

Ich weiß nicht, wie viele Russlanddeutsche russisches Fernsehen schauen. Mein Vorgänger hat 2013 eine umfassende Studie des Bundesamtes für Migration veröffentlicht, die deutlich macht, dass die Integration der fast vier Millionen Russlanddeutschen hervorragend gelungen ist. Ich erlebe gerade im Parlament, aber auch im politischen Diskurs, bei all denen, die Integration in Deutschland leisten, viele engagierte und gut integrierte Russlanddeutsche, die Teil unseres kulturellen Lebens, unseres Sports sowie von Wissenschaft und Wirtschaft sind. Deshalb glaube ich nicht, dass sie russisches Fernsehen brauchen, um sich über die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit in Deutschland und der Welt zu informieren. Wir haben es hier nicht mit einer Bevölkerungsgruppe zu tun, die ihr Wissen und ihren Informationsbedarf nur über russischsprachige Medien stillt.

Aber das russische Fernsehen versucht, ein gewisses Deutschlandbild zu vermitteln, auch für diese Menschen. Könnten sie vom Kreml politisch instrumentalisiert werden?

In einem freien Land muss man hinnehmen, dass es Medien gibt, die uns selber nicht gefallen. Aber ich setze da auf die Kraft der Medien, die wir in Deutschland haben. Meine Kontakte mit Russlanddeutschen zeigen mir, dass sie wissen, wie die Dinge in unserem Land funktionieren, dass sie sich wie alle Bürger Sorgen machen, wie wir die jetzt vor uns liegenden Herausforderungen bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen bewältigen. Aber ich kenne auch viele Russlanddeutsche, die mithelfen und heute hervorragende Integrationslotsen für die Flüchtlinge und Vertriebenen sind, die zu uns kommen. Gerade weil sie wissen, wie schwierig der Weg der Integration ist.

In manchen deutschen Medien ist zu lesen, dass Fremdenfeindlichkeit unter Russlanddeutschen stark verbreitet ist. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein, ich teile diese Ansicht nicht, weil ich viele Russlanddeutsche kenne, weil wir in vielen Gremien mit den Vertretern der Russlanddeutschen zusammenarbeiten. Gerade das große Engagement vieler Russlanddeutscher in unseren Kirchengemeinden zeigt ja, dass sie ein Herz haben für die humanitären Anliegen der Menschen, die jetzt zu uns kommen, und sich selber aktiv in den Bereich der Hilfe für die Flüchtlinge und Vertriebenen stellen.

Bedeutet dies, dass nur eine kleine Minderheit vor dem Kanzleramt und anderswo demonstriert hat?

Ich habe die Zahlen in den Medien gelesen. Es sind an einigen Orten in Deutschland einige Hundert gewesen. Bei rund vier Millionen Russlanddeutschen in der Bundesrepublik würde ich diejenigen, die jetzt vor allem mit sehr extremistischen, fundamentalistischen Parolen aufgetreten sind, nicht als repräsentativ für die Russlanddeutschen ansehen.

Der Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk ist seit Januar 2014 Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.

Das Gespräch führte Nikita Jolkver.

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