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Kommentare

Kommentar: Deutsche Russen und ihr Heimat-TV

Es leben rund vier Millionen Menschen in Deutschland, deren Muttersprache Russisch ist: Russlanddeutsche, Russen, Juden. Die meisten pflegen ihre Gärten, einige aber auch ihre Flausen im Kopf, meint Alexander Warkentin.

Am Samstag haben etwa 700 Menschen vor dem Kanzleramt gegen "kriminelle Flüchtlinge" demonstriert. Viele von ihnen sprachen russisch. Am Sonntag ging es in anderen Städten weiter: Allein in Baden-Württemberg zählte die Polizei etwa 3000 Teilnehmer. Soweit die Agenturmeldungen.

Sie wollten "unsere Frauen und Mädchen schützen", die "deutschen und christlichen Eigenschaften" oder gar die "deutsche Kultur", stand auf den Plakaten. Anlass war die vermeintliche Vergewaltigung durch vermeintliche "Flüchtlinge" eines 13-jährigen russischstämmigen Mädchens in Berlin. Russische Medien haben haarsträubende Horrormeldungen über die "Schandtat" verbreitet und sogar ein Video mit einem mutmaßlichen Vergewaltiger gezeigt. Dummerweise ist das Video bereits sechs Jahre alt.

Inzwischen steht längst fest, dass es weder eine Verschleppung noch eine Vergewaltigung des Mädchens gegeben hat. Allerdings war das Mädchen offenbar freiwillig mit einem oder mehreren Männern zusammen. Doch sexuelle Kontakte jeglicher Art mit einer unter 16-Jährigen, mögen sie auch noch so "einvernehmlich" sein, gelten in Deutschland als sexueller Missbrauch, sind also ein schweres Verbrechen. Der Anwalt des Opfers spricht deswegen von einem Fall von Pädophilie. Und der Pressesprecher der Berliner Staatsanwaltschaft versicherte im DW-Interview, ein mutmaßlicher Täter in diesem Fall sei bereits identifiziert. Das Schlusswort spricht das Gericht. Soweit die Vorgeschichte.

Der Sowjetmensch lebt. Auch in Deutschland.

Zu Sowjetzeiten hatte sich die Partei das Ziel gesetzt, eine neue Gattung Mensch zu erschaffen: den Sowjetmenschen. Nun gibt es längst keine Sowjetunion mehr, die Kommunisten in Russland sind ein korrupter Anachronismus, der Sowjetmensch aber hat überlebt. Auch hier, in Deutschland.

Alexander Warkentin Kommentarbild PROVISORISCH

Alexander Warkentin, Russische Redaktion

Eine davon sitzt an der Kasse in einem Lebensmittelmarkt in Bonn. Sie spricht ein halbwegs vernünftiges Deutsch, bevorzugt aber Russisch. "Ihr glaubt ja nicht, was ich erlebt habe! Ich bin so glücklich, so überwältigt!" Sie hat Urlaub in Sankt Petersburg gemacht. Nein, sie war weder in der Eremitage noch im weltberühmten Mariinski-Theater. Sie hat das Geburtshaus von Wladimir Putin besucht. Ob sie Gestank von Katzenpisse dort, über den halb Russland lästert, nicht gestört habe? Diese Frage grenzt an eine Majestätsbeleidigung. Sie grüßt mich nicht mehr.

Übrigens, ihr Mann war zu Hause geblieben. Sie haben zwei Fernseher in der Wohnung: Er, ethnischer Russe, bevorzugt amerikanische Krimis. Sie, eine Deutsche aus Sibirien, schaut nur russisches Fernsehen. "Die Deutschen lügen doch nur."

Ein hochintelligenter, im Alltag taktvoller und toleranter Bekannter in Berlin verliert die Contenance, sobald es um den Ukraine-Konflikt geht. Er ist überzeugt, dass die ukrainischen "Faschisten" Kinder kreuzigen und Frauen lebendigen Leibes verbrennen. Die "unwiderlegbaren" Beweise habe man doch im Fernsehen vorgeführt. In welchem Fernsehen? Natürlich im russischen. Deutsches guckt er nicht. "Die blöden Deutschen sollen sich nicht einmischen, wir Slawen werden den Konflikt schon unter uns ausmachen", meint er. Und vergisst dabei, dass er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen ist.

Jeder hat seine eigenen Küchenschaben im Kopf

Zu Sowjetzeiten hat es unzählige Witze über das Fernsehen gegeben. Wenn es in den Geschäften mal wieder keine Milch gab, lautete der gute Rat: "Häng die Milchkanne an den Fernseher, in drei Minuten läuft sie über!" Nun ist es verständlich, dass manche dieses traditionelle Misstrauen auf die deutschen Medien übertragen haben. Unverständlich ist aber, dass sie heute der zügellosen Moskauer Propaganda glauben. Oder gibt es doch einen nachvollziehbaren Grund?

Die meisten russischsprachigen Mitbürger haben bei der Ausreise nach Deutschland ihr Hab und Gut, ihren ganzen Besitz zurücklassen müssen. Mitgenommen haben sie ihre Köpfe, ihre Erziehung. Gesellschaftswissenschaftler nennen das Sozialisation, ein russisches Sprichwort "Küchenschaben im Kopf".

Vielfach immer noch fremd in Deutschland

Die meisten fühlen sich wohl in Deutschland. Manche, siehe Helene Fischer, haben es sogar zu Ruhm gebracht. Kaum einer will nach Russland oder Kasachstan zurück, es sei denn als reicher Besucher aus dem Westen. Aber manche sind auch nach 20 Jahren in Deutschland nicht angekommen. Je länger es für sie ein fremdes Land bleibt, desto mehr verklärt sich die Erinnerung an das Land ihrer Jugend.

Und so sind sie anfällig für allerlei Verschwörungstheorien. Da kommen russische Propaganda und die Hetze von Pegida, Legida, AfD, NPD und wie sie alle heißen gerade recht. Dann kommt noch Geltungssucht ins Spiel: Mal versuchen irgendwelche verkrachten Existenzen eine ethnische Partei der Russlanddeutschen zu gründen, mal sich an die Spitze einer Demo gegen eine nie stattgefundene Vergewaltigung stellen. Verschwörungstheoretiker vermuten natürlich Geld aus dem Moskauer Propaganda-Fonds dahinter. Aber viele machen aus freier Überzeugung, ehrlicher Empörung mit. Und wollen von Fakten nichts wissen. Jeder hat eben ein Anrecht auf seine eigenen Küchenschaben - Verzeihung: Flausen - im Kopf.

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