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Kultur

Konzentration, Chaos, Zadek

Die einen hassten, die anderen bewunderten ihn: Regisseur Peter Zadek hat einige der anregendsten Theaterskandale der sechziger, siebziger und achtziger Jahre ausgelöst. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Peter Zadek (Foto: dffb)

Der Regiemeister 2006

Anfangs war Peter Zadek immer für Skandale gut: In seiner Hamburger "Lulu" entwarf er drastische Bilder, mit denen er in Abgründe der Erotik blickte. Für solche Produktionen verlangte er kompromisslos absolute Energie, von sich selbst und von seinen Schauspielern. Als er am Berliner Ensemble Henrik Ibsens "Peer Gynt" inszenierte, durften ihn - damals eine mittlere Sensation - Kameras beobachten. Zadek legte Wert auf Präzision, knurrte einmal eine Assistentin an, weil sie es zuließ, dass kurzzeitig die Konzentration sank. Das durfte nicht sein: Zadeks "Peer Gynt" war ein Mann, der die Welt auf die Hörner zu nehmen versucht, ein Wirrkopf und Phantast, der vor jede Wand rennt, weil sie vielleicht einstürzen könnte. Diese Ibsen-Inszenierung war eine der letzten, in der Zadeks Theaterpower noch zu spüren war. Diese Energie, die ihn zu einem der prägenden deutschen Regisseure seit den 60er Jahren werden ließ. Erst im Alter schuf er ruhigere, sensible, psychologisch präzise Theateraufführungen.

"Der Krieg hat gestört!"

Probenszene: Zadek erklärt etwas (Foto: dffb)

Probe bei "Peer Gynt"

Die bürgerlich-jüdische Familie Zadek wanderte schon 1933 aus Deutschland nach Großbritannien aus. Da war Peter sieben Jahre alt. Er nahm die neue Umgebung sofort an, integrierte sich, suchte weniger den Kontakt zu anderen Emigranten, fand seine Welt auf der Bühne: "Ich habe mich nur mit Theater beschäftigt", erinnerte er sich später, "da hat der Krieg gestört." In der englischen Provinz lernte Peter Zadek das Regiehandwerk. Eine Inszenierung pro Woche, 50 im Jahr, das war er gewöhnt, als er Anfang der 60er Jahre nach Deutschland kam.

Unverschämt unterhaltend

Er brachte völlig neue Impulse in das gediegene deutsche Stadttheater, inszenierte schnell, grell, unverschämt unterhaltend. In Ulm und Bremen wurde er berühmt und in Bochum erstmals Intendant. 1972 begann er dort mit der Revue "Kleiner Mann, was nun?" nach Hans Fallada, dem Drama eines Arbeitslosen mit Kabarettchansons im Stil der 20er Jahre. Zadek gehörte nicht zu den 68ern, war kein linker Intellektueller. Aber er machte kritisches Theater und hasste jede Verlogenheit. Shakespeares "Kaufmann von Venedig" inszenierte er dreimal. Weil er es nicht ertrug, dass der Jude Shylock in Deutschland nach dem Krieg immer als Opfer dargestellt wurde - schließlich will der Geldverleiher Shylock seinem Schuldner, der sein Geld nicht zurückzahlen kann, das Herz herausschneiden. "Das hat die Leute sehr gestört, weil sie wussten, sie dürfen nichts Schlechtes über Juden sagen. Aber da habe ich gesagt: Ich darf das."

Miserabler Intendant

Zadek mit Händen am Kopf (foto: )

Peter Zadek war ein großer Regisseur, doch zugleich ein miserabler Intendant. Organisation und Ökonomie interessierten ihn nicht, sondern nur die Kunst. Das Bochumer Theater hinterließ er in einem ebenso chaotischen Zustand wie Jahre später das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. "Manchmal muss man Intendant sein, um die Schauspieler zusammenzukriegen", kommentierte er das, "das war der Hauptgrund, dass ich dann immer wieder Intendant wurde!"

Eingeschworene Theaterfamilie

Jahrzehntelang umgab sich Zadek mit einer auf ihn eingeschworenen Theaterfamilie, zu der Stars wie Ulrich Wildgruber, Eva Mattes und Julia Jentsch gehörten. Zadek ging die Freiheit über alles, und das vermittelte er seinen Schauspielern. Sie konnten im Rahmen seiner Vorgaben phantasieren, träumen, spielen, extreme Gefühle ausleben. "Zadeks Devise: "Mich interessiert an den Schauspielern viel mehr, dass sie sich vorstellen, was sie sein könnten oder sein wollten, als das, was sie sind!"

Theater als Lebensinhalt

Peter Zadek war schwer krank, viele Jahre lang. Immer wieder musste er Inszenierungen absagen, aber an Rückzug dachte er nie. Auch wenn seine Inszenierungen zuletzt immer müder wirkten. Nach der Premiere von George Bernard Shaws Satire "Major Barbara" – seiner letzten Regiearbeit - schleppte sich Zadek, gestützt von den Schauspielern, mit fleckiger Hose und schlabberigem Shirt auf die Bühne. Die Zuschauer erschraken bei seinem Anblick. Zadek zeigte seinen Gesundheitszustand, ehrlich, schonungslos. So lange noch ein Funken Leben in ihm war, ließ er nicht ab von seinem Lebensinhalt, dem Theater. "Ich fühle mich zu Hause auf der Bühne. Das klingt sentimental und blöd. Aber wenn ich in ein Theater komme, egal wo, da kenne ich die Spielregeln. Das ist mein Leben!" Nun ist Peter Zadek im Alter von 83 Jahren gestorben.

Autor: Stefan Keim
Redaktion: Oliver Samson

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