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Deutschland

Konvertiten erleben heftige Angriffe

Eine zum Christentum übergetretene Afghanin wurde ermordet. Immer wieder werden in Deutschland Flüchtlinge angegriffen, weil sie sich vom Islam abwendeten. Nur Einzelfälle?

Die vierfache Mutter war erst 38 und lebte seit 2011 in Deutschland. Die ehemalige Muslimin hatte vor Jahren den christlichen Glauben angenommen und engagierte sich in der Flüchtlingshilfe ihrer evangelischen Kirchengemeinde in Prien am Chiemsee (Bayern). Niemand ihrer Freunde hätte für möglich gehalten, was dann geschah: Mit einem Messer tötete ein 29-jähriger Flüchtling - ebenfalls aus Afghanistan - die Frau auf offener Straße vor den Augen ihrer Kinder. Die Polizei äußert sich zum Tathintergrund zunächst vorsichtig. Der Täter gilt als "psychisch labil" und ist in entsprechender Behandlung. Aber die Ermittler halten ein religiöses Motiv - den Religionswechsel der Frau - durchaus für möglich. Immerhin wird der mutmaßliche Täter als "sehr religiös" beschrieben.

Muslime distanzieren sich von Gewalt

Während die Ermittlungen in diesem Fall noch andauern, fand am Donnerstag die Beerdigung der Frau statt (Artikelbild). Noch auf der Trauerfeier erlebte der evangelische Pfarrer der Gemeinde, was diese Tat bereits ausgelöst hat. Karl-Friedrich Wackerbarth schildert der DW, dass spontan erschienene Muslime sich bei ihm entschuldigt hätten. Sie äußerten die Hoffnung, dass jetzt nicht wieder die Hetze gegen Muslime allgemein losgehen möge. Auch wenn Kleriker ihrer Herkunftsländer andere Überzeugungen teilten, würden Muslime in Deutschland niemanden mit dem Tod bedrohen, der vom Islam zum Christentum konvertiere. Seelsorger Wackerbarth bestätigt, dass er solche Fälle in seiner Umgebung auch nicht kenne. "Die Gefahr ist jetzt aber, dass ein Keil zwischen unsere Kulturen und Religionen getrieben wird."

Gewalt in Flüchtlingsheimen Mahmoud (DW/N. Yakine)

Betroffene fühlen sich oft ohnmächtig, weil sie nicht ernst genommen werden

Fälle von Diskriminierung

Der Alltag in Unterkünften von Flüchtlingen und Asylbewerbern scheint anders auszusehen. Seit 2015 gab es immer wieder Berichte über Christen unter den Flüchtlingen, die verbal attackiert oder auch körperlich angegriffen wurden. Auch wenn sich die Lage inzwischen mit weniger Flüchtlingen etwas entspannt, soll es für Konvertiten unter den Asylsuchenden immer noch beschämende Situationen geben. An einer Hauswand von Betroffenen steht zum Beispiel: "Es ist Zeit, die Ungläubigen zu töten." Der Zutritt zu Bad, Dusche oder Küche wird verwehrt, mit dem Hinweis "Unreine haben hier keinen Zutritt". Mit Mobiltelefonen werden Konvertiten ständig islamische Gebete und Koranverse in hoher Lautstärke abgespielt. Fehlende Kopftücher oder offen getragene Kreuze ernten harsche Vorwürfe. Neben Beschimpfungen und Beleidigungen gibt es Messerattacken und immer wieder Morddrohungen.

Vor allem Vertreter kirchlicher Organisationen in der Flüchtlingshilfe schildern gegenüber der DW, dass sich solche Fälle immer wieder ereignen. In der Iranseelsorge Hannover ist ein Fall bekannt, in dem ein junger Konvertit so lange in der Schule gemobbt wurde, dass er diese Schule verlassen musste. In der Evangelisch-lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz beklagt Pfarrer Gottfried Martens, dass Betroffene, wenn sie gegen solche Angriffe Anzeige erstatten würden, meist nicht ernstgenommen würden. Bereits im vergangenen Jahr räumten sowohl der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, als auch der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ein, dass es Einschüchterungen und Gewalt gegen Christen unter Flüchtlingen gibt. Man nehme das sehr ernst, habe aber noch kein klares Bild über das wahre Ausmaß der religiösen Konflikte. Grundtenor bei den beiden Großkirchen ist: Es handelt sich um besorgniserregende Einzelfälle.

schwarze Perlenkette mit Kruzifix auf Ölschieferplatte (Picture-alliance/Chromorange/R. W. Hapk)

Viele Flüchtlinge trauen sich nicht, christliche Symbole offen zu tragen

Nur die Spitze des Eisbergs ?

"Die Einzelfalltheorie ist widerlegt", sagt Ado Greve im Gespräch mit der DW. Greve ist Sprecher des überkonfessionellen christlichen Hilfswerks "Open Doors" in Kelkheim bei Frankfurt. Dort versucht man, christlichen Minderheiten in vielen Ländern der Welt eine Stimme zu geben. Dass Deutschland dabei einmal eine Rolle spielen würde, habe man nicht erwartet. Als die Klagen über Diskriminierungen von christlichen Flüchtlingen nicht aufhörten, versuchte "Open Doors" im vergangenen Jahr mit eigenen Erhebungen Zahlenmaterial zu erhalten. Ein erster Versuch wurde wegen vermeintlich nicht belastbarer Fälle und angeblich nicht seriöser Ermittlungsmethoden öffentlich kritisiert. Aber im Oktober 2016 legte "Open Doors" mit einer zweiten Veröffentlichung nach. Bundesweit wurden betroffene Konvertiten unter den Flüchtlingen befragt. "56 Prozent schilderten körperliche Angriffe und 83 Prozent der Befragten haben angegeben, mehrfach attackiert worden zu sein", führt Ado Greve aus.

Auf den Einwand, dass diese Angaben nur auf 750 geführten Gesprächen beruhten, entgegnet Greve mit einer Gegenfrage: "Ab wie vielen betroffenen Flüchtlingen handelt es sich nicht mehr um Einzelfälle ? Ab 500? Ab 1000?" Dies sei eine müßige und dazu demütigende Diskussion. Jeder Fall sei ein Fall zuviel. Man habe auch zu keinem Zeitpunkt den Anspruch auf eine repräsentative Umfrage gehabt. Entscheidend sei auch nicht, wie weit die Angriffe gehen würden. Schon eine Morddrohung richte enormen Schaden bei den Menschen an. Denn in den Ländern, aus denen die Aggressoren und ihre Opfer stammen, folgten den Drohungen meist auch Taten. 

Deutschland Berlin Taufe Flüchtlinge aus Iran (Imago/epd)

Pfarrer Gottfried Martens hilft Konvertiten aus dem Iran und Afghanistan in Berlin

Initiativen der Gegenwehr

Die von "Open Doors" befragten Christen stammten vorwiegend aus dem Iran (304), aus Syrien (263) und Afghanistan (63). Angreifer waren sowohl eigene Landsleute wie auch Angehörige anderer Ethnien. Das ernüchternde sei die Tatsache, dass es in keinem Fall einer Anzeige zu einer Verurteilung gekommen sei.

Man habe daher versucht, auf politischer Ebene anzusetzen. Es habe aber bisher einzig das Bundesland Hessen geeignete Maßnahmen ergriffen, um die Fälle zu reduzieren. Zum Beispiel seien christliches Wachpersonal und christliche Dolmetscher aus den Ursprungsländern der Flüchtlinge in den Unterkünften verstärkt worden. Migrationsbeauftragte von Polizei und anderen Behörden seien speziell für die Konflikte sensibilisiert worden. Alleine diese Maßnahmen hätten schon viel Vertrauen und besseres Verständnis schaffen können, schildert Greve. "Wir werden den Weg weiter gehen".

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