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Wirtschaft

Konjunkturbarometer Hannover Messe

Ungünstiger könnte das Umfeld für die Hannover Messe 2003 nicht sein: Die Weltkonjunktur lahmt, der Irak-Krieg drückt auf die Stimmung. Zur größten Industriemesse der Welt ein Kommentar von Karl Zawadzky.

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Für Industrie-Präsident Michael Rogowski ist das Jahr 2003 bereits "weitgehend gelaufen" - und zwar im negativen Sinn. Dennoch wurde Bundeskanzler Gerhard Schröder beim traditionellen Messerundgang am Sonntag (6.4.2003) von den Ausstellern freundlich empfangen. Das war nicht nur der Höflichkeit geschuldet und auch nicht nur dem Zufall. Sondern Tatsache ist, dass es Teilen der deutschen Wirtschaft außerordentlich gut geht - und dies nicht nur der auf den Weltmarkt orientierten Autoindustrie, sondern auch vielen mittelständischen Unternehmen. Schröder lernte Firmen kennen, die ihm von zweistelligen Zuwachsraten beim Auftragseingang berichteten und die an der Obergrenze ihrer Kapazitätsauslastung arbeiten.

Die Lage ist von Branche zu Branche, teilweise von Unternehmen zu Unternehmen, höchst unterschiedlich. Doch wird alles in allem gewichtet, dann ist die Entwicklung höchst erfreulich. Die Bundesregierung wird Ende dieses Monats ihre Konjunkturprognose revidieren müssen - und zwar nach unten. Wird bislang in Berlin noch von einem Wirtschaftswachstum von einem Prozent ausgegangen, wird sich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement der Erkenntnis nicht verschließen können, dass dies zu optimistisch ist. Die Mehrheit der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute hält nicht viel mehr als ein halbes Prozent Wirtschaftswachstum für realistisch. Wenn Clement sich dieser Annahme anschließt, hat das Konsequenzen für die im kommenden Monat fällige Steuerschätzung. Die Haushalte des Bundes, der Länder und Gemeinden sowie die Sozialkassen werden noch stärker in die Klemme geraten. Auf der einen Seite brechen die Einnahmen weg, auf der anderen Seite werden höhere Ausgaben fällig - etwa als Zuschuss für die Arbeitslosenversicherung.

Hinzu kommt, dass der Staat nicht untätig zuschauen kann, wenn die Konjunktur in die Knie geht. Sehr wohl ist eine Situation denkbar, in der die Regierungen zur Ausnahmeregelung des europäischen Stabilitätspaktes greifen und mehr Schulden aufnehmen müssen. Denn es macht keinen Sinn, in der Krise die Konjunktur endgültig kaputt zu sparen. Erkennbar - und verständlicherweise - warten die Entscheidungsträger auf den Chefetagen der Wirtschaft erst einmal ab. Diese Zögerlichkeit ist fatal, sie kann sich nämlich zu einer zusätzlichen Belastung der Konjunktur auswachsen. Denn natürlich wird weiter rationalisiert, werden die Belegschaften "verschlankt" und die Kosten gedrückt. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das vernünftig, doch das Ergebnis für die Volkswirtschaft ist an den stetig sinkenden Prognosen für das Wirtschaftswachstum, an zunehmenden Engpässen in den öffentlichen Haushalten und an Pleiterekorden abzulesen.

Traditionell gilt die Hannover Messe, die größte Industrieschau der Welt, als ein wichtiges Konjunkturbarometer. Denn die dort erzielten Abschlüsse sichern im weiteren Jahresverlauf Umsatz und Beschäftigung. Insofern ist es angebracht, sich am kommenden Wochenende die Bilanz des Messeverlaufs genau anzuschauen. Denn obwohl im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Aussteller gesunken ist, sind positive Überraschungen durchaus möglich. Einiges spricht nämlich dafür, dass die Stimmung auf den Chefetagen der Wirtschaft deutlich negativer ist als die tatsächliche Lage der Unternehmen. Das zeigen Umfragen, bei denen die Lage des eigenen Unternehmens häufig deutlich besser bewertet wird als die Entwicklung der Gesamtwirtschaft.

Der Irak-Krieg neigt sich erkennbar seinem Ende zu. Der Ölpreis gibt bereits nach, was bedeutet, dass aus den großen westlichen Industrieländern - auch aus Deutschland - weniger Geld zur Begleichung der Ölrechnung abfließt. Das kann hierzulande die Nachfrage stärken und der Konjunktur Auftrieb geben. Hinzu kommt, dass die deutsche Wirtschaft die Krise zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit genutzt hat. Die Unternehmen stehen heute auf dem Weltmarkt sehr viel besser da als noch vor ein paar Jahren. Schließlich hat auch die Bundesregierung begriffen, dass sich die Krise am Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssystemen nicht aussitzen lässt. Wenn der Bundeskanzler seinen sozialpolitischen Reformkatalog verwirklichen kann, und dann noch die Weltkonjunktur anspringt, wird Deutschland zu den Gewinnern des nächsten Aufschwungs zählen. Bedingung dafür ist allerdings, dass - wie Schröder ganz richtig sagt - hierzulande die Nörgelei aufhört und bei Verbrauchern wie Unternehmern Optimismus einkehrt.

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