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Musik

Komponieren im Traum: Philip Glass ist 80

Zum 80. Geburtstag wird er überall gefeiert: in der Carnegie Hall in New York oder im Londoner Barbican Centre. Einer der Gründerväter der Minimal Music hat es geschafft, dem Gefühl der Zeit Ausdruck zu verleihen.

Einstein on the Beach: Szene mit drei Tänzern (Pomegranate Arts)

Mit "Einstein on the Beach" feierte Philip Glass 1976 seinen Durchbruch. Hier eine Inszenierung von 2014

Sein Vater besaß einen Schallplattenladen, seine Mutter war Bibliothekarin. Abends hörte der Vater unverkaufte Platten aus seinem Geschäft, der Sohn lauschte mit: Mozart, Schönberg, Schubert, Charles Ives.

In einer Familie jüdischer Einwanderer aus Litauen wurde Philip Morris Glass am 31. Januar 1937 in Baltimore geboren. Er spielte früh Geige, dann Flöte, später Klavier. Mit acht Jahren wurde er Schüler am Peabody Conservatory in Baltimore, als Zehnjähriger spielte er in lokalen Orchestern mit. An der University of Chicago studierte er Mathematik und Philosophie, später Klavier an der Juilliard School in New York.

Durch ein Fulbright-Stipendium ging er 1964 nach Paris, um bei Nadia Boulanger zu studieren. Eine knochenharte Schule, sagte Glass später, denn Boulanger lehrte Mozart und Bach mit der Brechstange. 1965 begegnete er einem weiteren prägenden Einfluss, dem Sitar-Spieler und Komponisten Ravi Shankar. Durch ihn lernte Glass das Zeit- und Rhythmusverständnis von asiatischer Musik kennen. Er bereiste Indien, nahm Tabla-Unterricht, wurde Buddhist und setzte sich später für die tibetanische Unabhängigkeitsbewegung ein.

Klempner und Taxifahrer

1967 kehrte Glass in die USA zurück und hörte ein Konzert mit einer Aufführung von "Piano Phase", einer Pionierarbeit im Genre Minimal Music des Komponisten Steve Reich, die ihn äußerst beeindruckte. Mit Reich und anderen Ex-Studenten gründete Glass bald ein Ensemble, das ihre Musik in Kunstgalerien im New Yorker Künstlerviertel Soho aufführte.

Komponist Philip Glass wird 80 Jahre (picture alliance/dpa/EPA/E. K. Brown)

Philip Glass nach der Verleihung des Praemium Imperiale 2012

Nach einem Streit mit Reich gründete er 1970 das Philip Glass Ensemble, mit dem der Komponist heute noch am Keyboard auftritt. Um sich finanziell über Wasser zu halten, gründete Glass zudem eine Umzugsfirma, jobbte als Klempner und fuhr Taxi. Er war sein eigener Konzertveranstalter und Verleger. Erst mit 42 gab er den Taxischein ab und konnte fortan von seiner Kompositionsarbeit leben.

Der internationale Durchbruch kam 1976 mit "Einstein on the Beach", die in Zusammenarbeit mit dem Bühnenautor Robert Wilson und der Choreographin Lucinda Childs entstand. Ohne Handlung, fünf Stunden und ohne Pause: Diese Oper war eine revolutionäre Neuentwicklung. 25 Opern folgten, dazu "Satyagraha", "Akhnaten" und "The Voyage" - Werke, die inzwischen zum Repertoire der Opernhäuser weltweit gehören.

Himmlische Länge, ewige Wiederholungen

Mit ihren konventionellen Harmonien war die Minimal Music - deren Hauptprotagonisten Philip Glass, Steve Reich, John Adams und Terry Riley waren - die denkbar radikalste Abkehr von der damals vorherrschenden atonalen oder Zwölfton-Musik. Diese haben Glass und seine Mitstreiter aber keinesfalls abgelehnt: "Wie könnte man bloß Berio ablehnen?", sagte Glass. "Auch die Frühwerke von Stockhausen sind unglaublich schön. Aber wir dachten: Das, was sie können, können wir nicht besser machen. Also setzten wir woanders an."

Heute nennt Glass seinen Ansatz "Musik mit wiederholenden Strukturen". Gerade diese Eigenschaft brachte ihm aber auch Spott ein: Glass sei der "Meister der kaputten Schallplattenspieler-Nadel", hieß es. Seine Musik lähme mit ihren unablässigen Wiederholungen den Geist. 

"Einige Musiker missachten die Musik von Philip Glass. Sie nennen sie zu schlicht und einfältig", sagte David Harrington, Geiger im Kronos Quartet. "Ich kann denen nur sagen: Sie sollen es mal versuchen, sie zu spielen. Erforderlich für Philips Musik ist die größte vorstellbare Klarheit in der Interpretation, im Klang, in der Intonation und im Rhythmus."

Glass: "Die Gegner sind einfach ausgestorben und wir spielen weiter."

Haben sich die einst stark verfeindeten Lager der atonalen Komponisten und der Minimalisten inzwischen versöhnt? "Nein", sagte Glass neulich in einem Interview mit dem  Londoner "Guardian": "Die Gegner sind einfach ausgestorben und wir spielen weiter."

Was die Musik von Philip Glass aufweist, ist jedoch nicht bloß die Verarbeitung des musikalischen Materials, sondern vor allem die melodische Substanz selbst mit ihren bezirzenden, tief melancholischen oder ekstatischen Tonverläufen. Es überrascht nicht, dass Glass Franz Schubert als seinen Lieblingskomponisten und die Musik Anton Bruckners als weiteren großen Einfluss nennt.

Glass hat auch mit Künstlern unterschiedlichster Disziplinen zusammengearbeitet: mit den Musikern Paul Simon und Leonard Cohen, mit der Singer-Songwriterin Patti Smith, der Choreografin Twyla Tharp oder der britischen Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing - aber auch mit dem Filmemacher Godfrey Reggio, mit dem er 1982 einen der erfolgreichsten Kunstfilme aller Zeiten schuf: "Koyaanisqatsi". Auch zu Filmen von Woody Allen und Martin Scorsese schrieb er die Musik und wurde für drei Oscars nominiert. 

Komponist Philip Glass mit US-Präsident Barack Obama (Getty Images/A. Wong)

"Philips Arbeit überbrückt Genres und Kulturen", sagte Barack Obama 2015

Befreiende Sinfonien

Glass schrieb auch Kammermusik, Klavierwerke - und erst mit 50 sein erstes Orchesterwerk, ein Violinkonzert. Darauf folgten 13 Solokonzerte und Orchesterwerke in jedem Genre - und zehn Sinfonien. "Gezwungen dazu", sagt Glass, hätte ihn der langjähriger Freund, Förderer und Dirigent Dennis Russel Davies, der ihm einmal sagte: "Ich werde nicht zulassen, dass du zu einem jener Komponisten wirst, die nie eine Sinfonie schreiben." Als Einflüsse seiner sinfonischen Werke nennt Glass Mahler, Beethoven und Schostakowitsch. Im Gespräch mit seinem Plattenproduzenten Richard Guérin meinte er jüngst: "Die Leute behaupten, ich schreibe Musik, die wie keine andere klingt. Ich sage dazu: Nein, ich schreibe Musik, die wie jede andere klingt."

Philip Glass' 11. Sinfonie wird am 31. Januar, am Abend seines 80. Geburtstags, in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt. Zu seinen vielen Ehren und Auszeichnungen gehört die "National Medal of Arts". Bei der Verleihung im September 2016 sagte US-Präsident Barack Obama: "Veränderung ist nicht leicht. Im Verlauf seiner Karriere als Komponist von Sinfonien, Opern und Filmmusik hat Philip Glass jedoch bewiesen, dass Veränderung wunderschön sein kann."

2002 gründete er Orange Mountain Music. Auf dem Label sind inzwischen 60 LPs mit Musik von Philip Glass erschienen. Er ist Rechteinhaber und Eigentümer seiner Musik geblieben - bis auf einige Filmkompositionen - und war lange ein Skeptiker der Musik-Streamingdienste. Seit kurzem ist sein Werkkatalog nun auf Apple Music abrufbar.

Traumkompositionen

Seine Einfälle kämen im Traum, sagte Philip Glass 2006 der Wochenzeitung "Die Zeit". Da müsse er morgens direkt versuchen, sie festzuhalten. Danach arbeite er bis zu zwölf Stunden am Tag. Zu seiner erstaunlichen Produktivität sagt er: "Vielleicht mache ich zu viel", aber da bin ich wie das Kind auf dem Kindergeburtstag, das immer den ganzen Kuchen alleine essen will."

Zurzeit arbeitet Philip Glass an einer weiteren Filmmusik und plant seine 12. Sinfonie. Sein Rat an junge Komponisten? Sie sollen die Rechte an ihrer Musik nicht verkaufen und sie möglichst selber spielen. Denn: "Wenn wir diese Entscheidung, ob unsere Musik gespielt wird, anderen überlassen, dann wird sie niemand hören." Und einen Taxischein zu erwerben, wäre bestimmt auch keine schlechte Idee.

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