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Musik

Steve Reich: "Komponisten spiegeln ihre Umgebung wider"

Der amerikanische Komponist Steve Reich hat die Neue Musik entscheidend geprägt, er gilt als Miterfinder der "Minimal Music". Im DW-Interview erzählt er von seiner Kompositionsarbeit.

Deutsche Welle: Sie haben beim Beethovenfest eigene Werke aufgeführt. Daher liegt die Frage nah: Welchen Stellenwert hat Beethoven für Sie?

Steve Reich: Beethoven war ein großer, wichtiger Komponist, und ich bewundere ihn sehr. Aber die Musikgeschichte, die für mich persönlich wichtig ist, reicht vom Gregorianischen Gesang und bis zu Johann Sebastian Bach. Die Komponisten, die danach kamen, finde ich vernachlässigbar. Interessant wird es dann wieder mit Debussy, Ravel, Strawinsky, Bartók und so weiter.

Das klassische und romantische Zeitalter, das dazwischen fällt, ist zwar voller Genies, aber weder höre ich deren Musik noch habe ich etwas von ihnen gelernt. Das meiste ziehe ich aus der Musik des Mittelalters sowie von Bartók und Strawinsky oder vom Jazzer John Coltrane oder von Perotin, einem Pariser Komponisten des 12. Jahrhunderts.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Komponisten vom Fortschrittsgedanken und von ihrer Position in der Musikgeschichte besessen. Gibt es eine historische Entwicklung von einem Werk oder einem Komponisten zum nächsten?

Es gibt sicherlich einen kontinuierlichen Verlauf in der Musikgeschichte, beispielsweise vom Gregorianischen Gesang bis zu Bach. Danach gibt es einen Bruch. Sogar Bachs Söhne glaubten, man könne so nicht mehr weiter machen und schrieben viel einfachere Musik. Und so geht die Sache weiter: von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert bis hin zu Schumann, Brahms und Wagner. Schließlich wird es immer schwieriger, festzustellen, in welcher Tonart man sich gerade befindet. Auch wird die Musik weniger rhythmisch. Jedes Orchester kann Mozart oder Haydn ohne Dirigenten spielen. Aber kein Orchester dieser Welt kann Wagner ohne Dirigenten spielen, weil in seiner Musik der Rhythmus überhaupt keine Rolle mehr spielt. Und Schönberg war dann der Tod der deutschen Romantik.

Pulitzer-Preis für Musik für Steve Reich (picture-alliance/dpa)

'Von Beethoven habe ich nichts gelernt', sagt Reich

In seiner Musik gibt es ein anderes Ordnungsprinzip, Harmonik ist nicht mehr relevant. Diese Musik sprach jedoch nur ein marginales Publikum an. Schönberg soll einmal gesagt haben: "In 50 Jahren wird der Briefträger meine Melodien pfeifen." Inzwischen sind über hundert Jahre vergangen, und kein einziger Briefträger pfeift Schönbergs Melodien. Und keiner wird das jemals tun.

Das heißt nicht, dass Schönberg kein großer Komponist gewesen wäre. Das war er tatsächlich. Aber seine Musik hat ein Randdasein, und das wird sich niemals ändern. Was ich und andere Tonschöpfer angestellt haben, war keine Revolution. Es war schlicht und einfach die Wiederherstellung der Harmonik und der Rhythmik - aber auf eine neue Art und Weise. Eigentlich hatte es in der abendländischen Musik immer eine Verbindung zwischen Unterhaltungs- und ernster Musik gegeben.

In einem Brief an seinen Vater schrieb Mozart, er komponiere seine Klavierkonzerte so, dass sie die Kenner befriedigen ohne die Anfänger zu überfordern. Denken Sie beim Komponieren auch an den Hörer?

Wenn ich komponiere, bin ich der einzige im Raum (lacht). Ich bin eher ein selbstkritischer Mensch. Und benutze meine Wahrnehmung, um festzustellen, ob ich etwas noch einmal hören möchte. Im Grunde muss ich nur mir selbst gefallen. Der Grundgedanke dabei ist: Wenn ich das Ergebnis mag, dann gefällt es hoffentlich auch jemand anderem. Manchmal fragt man mich: "Was sollen die Hörer dabei empfinden?" Eine absurde Frage. Es ist mir sehr wichtig, dass die Menschen meine Musik hören wollen. Aber wie sie sie aufnehmen, und was sie bei ihnen im Inneren bewirkt - wer weiß das schon?

Komponisten sind oft von ihrer Zeit oder ihrer Umgebung beeinflusst. Spielen diese Umstände auch Ihnen eine Rolle?

Jede Musik, die wir kennen und lieben, stammt aus einer bestimmten Zeit und von einem bestimmten Ort. Nehmen wir zum Beispiel Kurt Weill. In der Dreigroschenoper empfand er den Klang und Vokalstil der Kabaretts seiner Zeit nach. Dabei ist ein Meisterwerk entstanden, das Menschen auch in Russland oder den USA verstehen, ohne etwas von der Weimarer Republik zu wissen. Dennoch hätte das Werk nirgendwo anders entstehen können. 

Ich wurde in New York City geboren. Das kann man an meinem Akzent und Sprachtempo hören, aber auch in der rhythmischen Energie, die in meiner Musik steckt. Mittlerweile mag ich keine Städte mehr - und das gilt vor allem für New York. Wir sind 2006 nach Vermont gezogen. Seit 30 Jahren ist dieser Wohnsitz nun für mich lebensnotwendig.

Bei "Tehillim", einem meiner besten Stücke, schrieb ich zum Schluss neben dem Datum die Orte: New York, Stuttgart, Paris, Vermont. Ich glaube, dass ich den Schluss in Vermont komponiert habe, aber wer weiß, wo die anderen Teile entstanden sind und wen kümmert's? Eine weitere Komposition, "Vermont Counterpoint", schrieb ich teilweise in Vermont aber größtenteils in New York. 

Ob es mir gefällt oder nicht - und egal wo ich mich gerade befinde - New York City steckt immer in mir drin. Je mehr die Komponisten ihre zeitlichen und örtlichen Umstände in ihren Werken ehrlich offenbaren, desto mehr lieben wir sie.

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