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Deutschland

Kommentar: Wir und das Leid der anderen

Wir sind fassungslos, kollektiv sprachlos. Warum geht uns das Leid der Hinterbliebenen von 150 Absturzopfern so nahe? Zum Beispiel, weil der Tod so unverhofft kam und weil Kinder starben, meint Volker Wagener.

Trauer. Was für ein dürres Wort für ein Gefühl, das alles verschwinden lässt. Alles, was uns gerade eben noch beschäftigt, noch vor Minuten schlechte Laune beschert hat. Plötzlich ist alles weg. Die ärgerlich hohen Reparaturkosten für den Zweitwagen, der kleinliche Zwist zu Hause wegen eines unbedacht daher gesagten Satzes, der Frust im Büro, weil das Selbstbild wieder nicht zur Wertschätzung der lieben Kollegen passt. Plötzlich ist alles anders, Scham kommt auf. Wir erschrecken vor den Winzigkeiten unserer Alltagsbanalitäten. Ein abruptes, seltenes Gefühl. Die Flüchtigkeit des Lebens wird uns gewahr. Für Trauer ist noch kein Platz. Die kommt später, wenn die Fassungslosigkeit, das Entsetzen übergeht in eine ruhige Nachdenklichkeit über die Macht des Schicksals. Vor der Trauer ereilt uns der Schock.

Ferne und nahe Katastrophen

Was macht uns so fertig am Tod von 150 Menschen, die wir alle nicht kannten? Die alte Weisheit des Lokalredakteurs aus der Provinz, der der Grundsteinlegung für das neue Vereinsheim des örtlichen Schützenvereins gleich eine halbe Seite widmet, während die 88 Erdbebenopfer irgendwo in Asien nur dürre 20 Zeilen wert sind, bewahrheitet sich wieder: Nähe schafft Betroffenheit. Was um mich herum passiert, interessiert mich mehr als alles, was das Schicksal, die Natur oder Menschenhand sonst so rund um den Globus anrichten. Das ist menschlich, entspricht den selbstbezogenen Möglichkeiten unserer Psyche. Unter den Opfern sind Deutsche, sind Kinder. Das ist es, was unsere Tagesroutine aus dem Gleichgewicht bringt.

DW-Redakteur Volker Wagener (Foto: DW)

DW-Redakteur Volker Wagener

Zwei Babys sind unter den 150 Toten. Das Kindchen-Schema in uns weckt unsere angeborenen Schutzinstinkte. Doch das Ende der erst kurzen Biografie der Kleinen trifft uns nicht so hart wie der Tod einer kompletten Oberstufen-Schulklasse. Mütter und Väter haben ihren Töchtern und Söhnen über die Jahre so viel Schutz, Liebe und Förderung mitgegeben, dass sie sie bald getrost in die Welt der Erwachsenen hätten verabschieden können. Ein Kind gezeugt, geboren und dann groß gezogen zu haben, um es dann wegen eines technischen Fehlers, menschlichen Versagens oder einer Laune der Natur zu verlieren, ist die größte Lebenskatastrophe, die einem Menschen widerfahren kann. Es ist ein Anschlag auf die Beschützerrolle der Eltern.

Die Stunde der Tröster

Es ist gut, am Abgrund des Lebens jemanden zur Seite zu haben, der versucht zu helfen. Das sind nicht nur Nachbarn und Kollegen, es sind auch die professionellen Tröster. Psychologen, Geistliche, Therapeuten. Für Nähe und Anteilnahme stehen auch die Symbole der Gesellschaft. Die Nation flaggt Halbmast, die Fußball-Nationalmannschaft trägt Trauerflor, der Bundestag gedenkt der Opfer. Man muss den Katastrophentourismus der Politiker an die Absturzstelle der Unglücksmaschine in den französischen Alpen nicht gutheißen. Es ist richtig: Ob Verkehrs- oder Außenminister und Bundeskanzlerin, das Leid wird nicht weniger durch den kurzen Augenschein unserer politischen Repräsentanten. Und trotzdem: Gesellschaftliche Solidarität ist wichtig.

Richtig ist aber auch das: Dass die Zeit Wunden heilt, ist eine Volksweisheit, die sich nicht immer erfüllt. Und der Standardsatz in Momenten der persönlichen Katastrophe, dass das Leben weitergehen muss, sagt mehr über unsere rationale Leistungsgesellschaft aus, in der immer alles weitergehen soll, egal was passiert, als was den Hinterbliebenen wirklichen Halt und Hilfe gibt. Kurz: Es gibt Schicksalsschläge, die bleiben auch in Zukunft das, was sie am Tag des Unglücks sind: Grausamkeiten des Lebens, an denen wir nichts ändern können.

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