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Deutschland

Kommentar: Warhol soll Casino retten

Zwei Bilder Andy Warhols sollen unter den Hammer kommen. Das sorgt in Deutschland gerade für Empörung. Denn der Verkaufserlös soll den Haushalt Nordrhein-Westfalens sanieren. Ein Unding, findet Volker Wagener.

Es war 2006 in Krefeld. Die historische Textilstadt am Niederrhein hatte ein Problem mit ihrem Kaiser-Wilhelm-Museum. Deren Kunstsammlung gehörte und gehört nicht zu den Top-Adressen der Republik. Ein Bild stach jedoch schon immer aus dem Umfeld der mehr oder weniger Namenlosen heraus: ein Monet. "Parlamentsgebäude in London", ein Gemälde des französischen Impressionisten von 1904.

Das Museum war pleite, es regnete rein, der Monet sollte versilbert werden. Die Stadtväter wollten es so. Mit 20 Millionen Euro wurde gerechnet. Davon sollte die Sanierung des Museums beglichen werden. Das Thema mobilisierte - vor allem die Gegner des Verkaufs. Und auch in Hamburg, Berlin und München bekamen Kulturdezernenten spitze Ohren für das "Modell Krefeld". Denn eine Konventionsverletzung wurde gedanklich durchgespielt.

Vom Casino über den Keller zu Christie's

Nun sollen "Triple Elvis" und "Four Marlons" bei Christie's in New York unter den Hammer kommen. Geschätzte Zuschlagssumme: 100 Millionen Euro. Beide Werke Warhols kosteten Ende der 70er Jahre das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) überschaubare 389.000 Euro - zusammen! Hingen die Bilder der Pop-Art-Ikone noch bis vor fünf Jahren im Aachener Casino und waren somit zumindest einem besonders speziellen Publikum zugänglich, hat man sie 2009 in Sicherheitsverwahrung genommen. Ihres Wertes wegen.

Volker Wagener, DW-Redakteur (Foto: DW/Per Henriksen)

Volker Wagener, DW-Redakteur

Halten wir fest: Zwei Warhols werden aus dem Verkehr gezogen, weil den kulturpolitisch Verantwortlichen des 18-Millionen-Einwohner-Land NRW mit seinen Museen von Weltrang in Köln, Düsseldorf und Essen nur die Idee des Wegschließens im Keller kam. Eine Sinnentfremdung von Kunst.

Absurder Verkauf oder cleveres öffentliches Finanzmanagement?

Die Sache wird noch widersinniger dadurch, dass die Warhols sich in öffentlicher Hand befinden, nämlich in der des Landes NRW. Das heißt, das was ins Museum gehört, da mit öffentlichen Mitteln erworben, wird dem Publikum seit Jahren schon vorenthalten und nun als Kunstdividende in den maroden Landeshaushalt eingespeist. Eine Zweckentfremdung, wenn nicht sogar eine Konventionsverletzung ist das. Warum noch sammeln, wenn man doch gleich Händler sein will.

Freilich, die Sache ist etwas vertrackter, da die Bilder nicht von Museumswänden abgehängt werden, sondern jahrelang in der Aachener Spielbank hingen. Einem Casino, welches zwar eine eigenständige Tochter der NRW-Bank ist, jedoch dem nordrhein-westfälischen Finanzminister untersteht. Die Warhols waren also niemals museal. Dennoch ist der Gedanke absurd, die öffentliche Hand könne mit Steuergeldern erworbene Kunst umgehen wie mit Spekulationsobjekten.

Vorsicht: Tabubruch!

Die Warhol-Aktion hat unbestritten Signalcharakter. Deshalb haben sich - mit etwas Verspätung - nun auch reihenweise Museumsdirektoren aus NRW an die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in Düsseldorf gewandt, um den Tabubruch zu verhindern. Doch das Aufbäumen kommt wohl zu spät, die Werke sollen bei Christie's am 12. November unter den Hammer kommen.

Zu denken gibt die Kunst-Aktion wegen ihrer Anschlussverwertung. Wenn die erwarteten 100 Millionen Euro von New York in die Aachner Casinokasse fließen, haben die Verantwortlichen das gemacht, was Banker mit den Worten "gutes Geld, schlechtem hinterwerfen" umschreiben. Nämlich Geld in eine perspektivlose Geschäftsidee stecken. Das goldene Zeitalter des Casino-Spielbetriebs ist längst vorbei, das Internet ist die neue Spielhölle. Die Verwendung des Auktionserlöses ist der Landesregierung vorzuwerfen.

Die Krefelder Stadtväter wollten die fiktive Monet-Einnahme wenigstens in die Substanz des Kaiser-Wilhelm-Museums stecken. Wollten. Sie haben es dann doch nicht getan, denn Monets Werk hängt immer noch - und zieht Besucher an.

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