1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Kommentar: Viel Heuchelei im Spiel

Die neuen Enthüllungen zeigen, dass bei der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in Ost und West mit zweierlei Maß gemessen wurde, meint DW-Sportredakteur Stefan Nestler. Im Westen habe man zu lange weggeschaut.

Sportredakteur Stefan Nestler. Foto: DW/Per Henriksen

Stefan Nestler, DW Sport

Es ist immer leichter, mit dem Zeigefinger auf andere Bösewichter zu deuten, als vor der eigenen Haustür zu kehren. Das gilt auch für den Sport. Nach der Wiedervereinigung 1990 dauerte es nicht allzu lange, bis das systematische, staatlich verordnete Doping in der früheren DDR öffentlich gemacht wurde. Die Empörung war damals groß. Zu Recht, schließlich wurde unter anderem dokumentiert, dass es einen so genannten "Staatsplan" von 1974 für systematisches Doping gab. Tausenden von Sportlern wurden Dopingsubstanzen verabreicht, auch Minderjährigen.

Dopingforschung mit Steuergeldern finanziert

Alle jene, die während des Kalten Krieges gegen die Bösen im Osten gewettert hatten, fühlten sich bestätigt: Seht her, kein Wunder, dass die so viele Medaillen gesammelt haben und die sauberen Sportler im Westen chancenlos waren! Dass Teil zwei der Schlussfolgerung voreilig war, belegt die neue Studie der Berliner Humboldt-Universität, die erst 23 Jahre nach der Wiedervereinigung veröffentlicht wird. Danach gab es auch in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren offenkundig eine staatlich mitfinanzierte Dopingforschung in großem Stil. Systematisch wurde bei Sportlern getestet, wie Anabolika, Testosteron, EPO und andere Substanzen wirken. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal wurde laut Studie deutschen Sportlern 1200 Mal ein Medikamenten-Cocktail gespritzt, dessen Zutaten zwar nicht verboten waren - sauberer Sport aber sieht anders aus.

Lieber wegschauen

Hochrangige Sportfunktionäre und Politiker haben laut der Studie von den Doping-Experimenten gewusst. Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass es sich hier nicht nur um Grundlagen-Forschung handelte. Wieder einmal offenbart sich, wie oft im Umfeld des Sports geheuchelt wird. Auf der einen Seite sind selbstverständlich alle gegen Doping, auf der anderen Seite sonnt sich jeder gerne in den Erfolgen einheimischer Sportler. Viele schauen dann gerne weg, wenn hinterfragt wird, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Und hinterher will keiner etwas geahnt, geschweige denn gewusst und schon gar nicht vertuscht haben - weder Sport und Politik noch die Medien. Der Verdacht liegt nahe, dass es nicht ohne Grund mehr als 20 Jahre gedauert hat, bis die unappetitlichen Doping-Fakten aus Westdeutschland nun endlich gesammelt auf dem Tisch liegen.

Die Redaktion empfiehlt