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Sport

Doping mit System in Westdeutschland?

Die Autoren der Studie sprechen von "systematischem Doping": Nach einer Untersuchung der Berliner Humboldt-Universität soll es auch in der alten Bundesrepublik ein Dopingsystem gegeben haben. Die Studie sorgt für Furore.

Das Symbolfoto zeigt am Freitag (25.05.2007) eine Spitze mit einem Tropfen. In den letzten Tagen haben mehrere deutsche Radsportprofis ihre Dopingvergehen eingestanden. Foto: Patrick Seeger dpa/lsw +++(c) dpa - Report+++

Symbolbild - Doping

Bei der Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit im Westen Deutschlands sind weitere Details bekanntgeworden. Die bislang unveröffentlichte Studie der Berliner Humboldt-Universität "Doping in Deutschland von 1950 bis heute", die gut 800 Seiten umfasst, deckt weitere Einzelheiten und Anzeichen für systematisches Doping während des Kalten Krieges in Westdeutschland auf: "In der Bundesrepublik Deutschland wurden Sportler spätestens seit Beginn der Siebzigerjahre systematisch und organisiert gedopt", schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ) unter Berufung auf den Bericht.

Darin steht beschrieben, in welchem Umfang und mit welcher Systematik Doping und Dopingforschung betrieben wurden und auch wie die Politik mitmischte. Demnach soll der Staat Doping-Forschung mit Steuermitteln finanziert haben – nicht etwa als Reaktion auf das Staatsdoping der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), sondern parallel dazu. Allerdings liegen keine Nachweise für gezielte Leistungsmanipulationen bei westdeutschen Aktiven durch verbotene Substanzen vor.

Umfangreiche Tests mit Dopingmitteln

Studienleiter Professor Giselher Spitzer sprach in Fernsehinterviews am Samstag von "systemischem Doping". Mitglieder der Bundesregierung sollen - den Zeitungsberichten zufolge - vor den Olympischen Spielen 1972 in München zur Verbesserung der Medaillenbilanz Druck auf Sportmediziner ausgeübt haben. Die SZ berichtet über zahlreiche Tests mit unterschiedlichen Wirkstoffen wie Anabolika, Testosteron, Östrogen und auch dem Blutdopingmittel Epo. Wären leistungsfördernde Wirkungen bei den Forschungen festgestellt worden, hätten die Experten den Wirkstoff ungeachtet möglicher Gesundheitsrisiken auch schnell zum Einsatz gebracht.

DOSB-Präsident Thomas Bach. (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Thomas Bach will die Studie analysieren und "gegebenenfalls Konsequenzen ziehen"

Konkrete Kosten und der genaue Umfang seien unklar. Dennoch habe der Dopingmissbrauch in zahlreichen Sportarten stattgefunden, von der Leichtathletik bis hin zum Fußball. Auch Spieler der Mannschaften, die an den Weltmeisterschaften 1954, 1966 und 1974 teilgenommen haben, sollen betroffen sein. Sogar Minderjährige sollen gedopt worden sein.

Studie noch nicht veröffentlicht

Der Abschlussbericht der vom Deutschen Olympischen Sportbund DOSB 2008 initiierten Arbeit ist bislang noch nicht veröffentlicht worden. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft BISp und der DOSB hatten Datenschutzbedenken als Grund genannt. DOSB-Präsident Thomas Bach, der im Herbst Chef des Internationalen Olympischen Komitees werden will und für den eine breite Debatte über dieses Thema zur Unzeit kommen dürfte, äußerte sich zurückhaltend: "Ich habe die Studie 2008 initiiert, damit die Doping-Vergangenheit auch im westdeutschen Sport aufgearbeitet wird. Wir werden die Ergebnisse der Studie 'Doping in Deutschland' intensiv analysieren und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen." Bachs wichtigster Mitarbeiter, DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, mahnte zur Zurückhaltung bei vorschnellen Urteilen. "Wir würden gerne den Bericht selber bewerten und unsere Schlüsse daraus ziehen", so Vesper.

Die Forscher nennen in dem Bericht Namen von teilweise noch aktiven Ärzten, Funktionären, Sportlern und Politikern. Bei einer Veröffentlichung könne es zu Klagen kommen. Die Wissenschaftler fordern deswegen von ihrem Auftraggeber Rechtsschutz, der aber bisher abgelehnt wurde. Erste Ergebnisse der historischen Studie waren schon vor knapp zwei Jahren bekanntgeworden. Damals waren "staatlich subventionierte Anabolika-Forschungen" festgestellt worden.

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