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Kommentar: Umarmung mit Kalkül

Barack Obama demonstriert Nähe zu Angela Merkel. Viel Harmonie in Hannover. Das zeigt menschliche Sympathie - und Kalkül des US-Präsidenten. Denn nur Merkel wird Obamas Erbe verwalten können, meint Richard Fuchs.

Auch wenn Barack Obama der deutschen Kanzlerin angeboten hat, ihr das Golfen beizubringen - eigentlich setzt der scheidende US-Präsident darauf, dass Angela Merkel ihn noch viele Jahre nicht beim Wort nehmen kann. Der Grund, er ist so simpel wie einleuchtend: Wenige Monate vor seinem Ausscheiden aus dem Amt sieht Obama sein politisches Vermächtnis in Gefahr: Die Weltordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch das transatlantische Bündnis von USA und Europa geschrieben wurde, erscheint am Ende seiner beiden Amtszeiten fragiler denn je.

Ein neuer kalter Krieg stellt die europäische Friedensordnung in Frage und hat die Ukraine zur Kampfzone um Einfluss zwischen Russland und dem Westen verkommen lassen. Der Nahe- und Mittlere Osten erscheint zwischen Terrormilizen und Despoten in Selbstauflösung begriffen. Und in Europa stellt die Flüchtlingskrise binnen weniger Monate die Grundlagen von über sechs Jahrzehnten europäischer Einigungsgeschichte in Frage.

Obama organisiert die Wachablösung unter den Mächtigen

Der mächtigste Staatsmann der Welt wirkt bei all dem befremdlich verwundbar, ja offensichtlich machtlos. Das scheint dem 44. US-Präsidenten selbst besonders klar geworden zu sein - so dass er nun in Deutschland begann, offensiv seine Nachlassverwaltung zu organisieren. Dass er vor allem Angela Merkel in der Rolle sieht, an seiner Stelle für transatlantischen Freihandel, Kooperation statt Konfrontation und Demokratiefestigkeit einzustehen, das zeigte er in Hannover mit Worten, Bildern und Gesten. Umarmungen hier, lobende Worte dort: Er sei stolz, dass er Angela Merkel seine Freundin nennen könne, so Obama. Er schätze sie für ihre "feste Hand", ihre "Prinzipientreue" und ihren "unbedingten Willen zur Einheit Europas". Merkel kämpfe für die universellen Werte, auch in Situationen, in denen genau das schwierig sei. Und sie stehe in der Flüchtlingskrise auf der richtigen Seite der Geschichte, so der US-Präsident. Obamas Lobeshymnen wollten kaum enden.

Richard Fuchs, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Richard Fuchs, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Das ist zunächst der Ausdruck echter, persönlicher Wertschätzung - in einer nicht immer einfachen menschlichen Beziehung mit Angela Merkel. Obamas Geheimdienste hatten das Handy der Kanzlerin angezapft. Das hatte Vertrauen und Ansehen bei Freundin Angela gekostet - mehr als den amerikanischen Partnern lange bewusst war. Doch der Pragmatismus schweißte beide wieder zusammen. Nicht zuletzt die Einschätzung, dass eine Welt in "Unordnung" nüchterne und rational abwägende Führungspersönlichkeiten dringend braucht. In dieser Form haben sie sich schätzen und vertrauen gelernt.

Doch Obamas Nähe zu Merkel hat auch Kalkül: Übergibt der US-Präsident im Januar das Amt an einen Nachfolger, braucht es jene, die seine Vorstellung von Weltpolitik weitertragen. In seinem eigenen Land haben viele Zweifel, dass ein möglicher Wahlsieger Trump für Verlässlichkeit stehen könnte. Die Perspektive, dass die Fliehkräfte innereuropäischen Streits um Flüchtlingskrise auch den Stabilitätsanker Merkel von der politischen Bildfläche fegen könnten, dürfte dabei für Obama ein geopolitisches Horrorszenario darstellen. Nur so ist es zu erklären, dass Obama sein verbleibendes politisches Gewicht in die Waagschale wirft. Dazu nimmt er die Konfrontation mit Merkels zahlreichen Gegnern ihrer Flüchtlingspolitik in Kauf.

Endet das gemeinsame Europa, endet die freie Welt

Gemeinsame Projekte sollen helfen, den Boden für Neues zu breiten: Diskussionen jenseits der Flüchtlingsdebatte, die Europa wieder einen. Für Obama stellt das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP ein solches einendes Band dar, mit dem er der transatlantischen Debatte wieder neuen Schwung geben will - und er will Merkel als Organisatorin einer neuen transatlantischen Wirtschaftsordnung in Szene setzen. Merkel als Garantin der Einheit Europas ist dabei eine weitere Rolle, die der US-Präsident ihr zumisst.

Obama spürt, dass in Europa ein politisches Vakuum entstanden ist. Eine Erosion im Glauben an das gemeinsame Projekt des vereinten Europas. Dabei ist diese Einheit nicht nur für Europa, sondern auch für den Rest der freien Welt eine Notwendigkeit, glaubt Obama. Seiner Sorge um Institutionen wie die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die Weltbank und den IWF ist berechtigt. Ohne ein starkes, transatlantisches Bündnis wird es diese Einrichtungen aus der Nachkriegsära in der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts nicht mehr lange geben. Weil für Angela Merkel diese freiheitliche Weltordnung so wichtig ist, ist sie als Person für Obama unverzichtbar geworden. Auch das gehört zu seinem Kalkül der Umarmung der deutschen Kanzlerin. Damit wird die Unterstützung für Merkel ein wichtiger Teil von Obamas politischem Vermächtnis.

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