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Standpunkt

Kommentar: Taiwan - Asiens Ausnahmeland

Demnächst werden auf Taiwan Schwule und Lesben heiraten können. Die Insel hat sich wieder einmal als Labor für modernes Leben erwiesen. Leider entwickelt sich das Umfeld in umgekehrter Richtung, warnt Matthias von Hein.

Taiwan hat es allen gezeigt: Auch asiatische Gesellschaften haben das Potenzial für einen modernen, zeitgemäßen Umgang mit Sexualität. Ein Urteil des obersten Gerichts in Taipeh macht den Weg frei für Ehen unter Schwulen und Lesben. Das bisher geltende gesetzliche Nein zur Homo-Ehe sei nämlich diskriminierend. Und deswegen muss nun binnen zwei Jahren ein neues, liberaleres Gesetz her.

Taiwan würde damit das erste Land Asiens mit gleichgeschlechtlichen Ehen - weltweit sind es übrigens erst 20. Die kleine Inselrepublik mit ihren gut 20 Millionen Einwohnern hat in der Vergangenheit bereits mehrfach hartnäckige Klischees widerlegt. Sehr zum Ärger Pekings beweisen die Taiwanesen zum Beispiel seit Jahren, dass Demokratie und lebendige Zivilgesellschaft auch unter Chinesen funktionieren.

Vorbild für ganz Asien?

Die Frage ist nur: Ist die offene taiwanesische Gesellschaft Vorbild für Asien, dem andere Nationen nacheifern? Oder ist sie eher die Ausnahme in einem Umfeld, das ganz anderen Trends folgt - nämlich eher besorgniserregenden?

von Hein Matthias Kommentarbild App

DW-Redakteur Matthias von Hein

Zur Erinnerung: Erst am Dienstag waren in der Hauptstadt der indonesischen Provinz Aceh zwei junge Männer wegen ihrer homosexuellen Beziehung öffentlich ausgepeitscht worden: 85 Schläge mit dem Rohrstock musste jeder der Beiden erdulden. Nun ist Aceh zwar die einzige Provinz Indonesiens, in der das islamische Recht, die Scharia, angewandt wird. Aber auch im Rest der größten muslimischen Nation der Erde machen sich extremistische Auslegungen des Islam breit. Der ehemals "lächelnde Islam" Indonesiens hat längst ein bitteres Gesicht bekommen - er wurde verdrängt von einer rückständigen Lesart. Das hat viel zu tun mit einer durch saudische Öldollars finanzierten Verbreitung des wahhabitischen Islam. Großzügig vergebene Stipendien ziehen junge Muslime zum Studium an saudische theologische Fakultäten. Toleranz lernen sie dort nicht. In der Folge steigen in Indonesien die Spannungen mit anderen Glaubensrichtungen, Gewalt macht sich breit.

Die Zeichen stehen auf Radikalisierung

Auch in anderen Teilen Asiens stehen die Zeichen auf Radikalisierung: in Bangladesch, in Pakistan, zum Teil auch in Indien. Die reiche muslimische Kultur dieser Länder mit ihren Sufi-Heiligen und vielen bunten, lokalen Traditionen droht begraben zu werden von gewaltbereiter Engstirnigkeit. In Bangladesch werden Menschen von Islamisten mit Macheten zu Tode gehackt. In Pakistan explodieren Bomben in den Schreinen von Sufi-Heiligen; wer der Gotteslästerung auch nur beschuldigt wird, muss um sein Leben fürchten. Und ausgerechnet in Indien mit seinen über 170 Millionen Muslimen ist die Deobandi-Schule zu Hause, die in ihrer Rückständigkeit sogar die Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001 verteidigt hat.

Natürlich kann man die Länder Asiens in ihrer immensen Unterschiedlichkeit nicht über einen Kamm scheren. Aber so viel kann man sagen: Die Freude über die von den Taiwanesen erkämpften Rechte darf nicht den Blick trüben für die dumpfe religiöse Radikalität, die anderswo in Asien massiv an Fahrt gewinnt.

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