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Kultur

Kommentar: Seelsorger und Kritiker

Mit der Reise von Papst Franziskus nach Südkorea wird die Linie seines Pontifikats stärker deutlich. Er prangert ein Denken an, das den Menschen der Wirtschaft völlig unterordnet, meint Christoph Strack.

Papst Franziskus hat bei seinem fünftägigen Besuch in Südkorea erneut eine doppelte Rolle bewältigt: Als warmherziger Seelsorger ist er - ohne jede Attitüde - den Verzweifelten, den Menschen ohne Trost und Hoffnung nahe. Als sozialkritischer Mahner stellt er sich gegen politische Systeme, die den Menschen der Ökonomie und dem materiellen Gewinn unterordnen. Für beide Akzente bot der Besuch im freien Teil des getrennten Korea Anlass genug.

Und Franziskus forderte die rund 5,5 Millionen katholischen Christen Südkoreas nachdrücklich auf, sich stärker in ihre Gesellschaft einzubringen. Dabei ist der seit Jahrzehnten anhaltende Zuwachs der dortigen Kirche ungewöhnlich. Der ein oder andere mag diese Zahlen nutzen, um der katholischen Kirche in Deutschland und in Europa Glaubensmüdigkeit zu attestieren oder auch ein Absterben zu prognostizieren. Rom ist da nüchterner: So findet sich auch auf vatikanischen Internetseiten der Hinweis darauf, dass in Südkorea zwar die Zahl der Gläubigen deutlich steige, dass dort aber der sonntägliche Gottesdienstbesuch an Bedeutung verliere.

Botschaften für ganz Asien

Franziskus war in diesen Tagen nicht nur in Südkorea zu Gast, er besuchte Asien. So warb er gegenüber China, Vietnam und Nordkorea - allesamt Länder, in denen Christen mehr oder weniger stark verfolgt werden und die keine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl unterhalten - für Religionsfreiheit und eine Annäherung. Schon unter Benedikt XVI. bemühte sich die vatikanische Diplomatie so geduldig wie unauffällig um einen intensiveren Dialog mit der Volksrepublik China. Franziskus knüpfte daran erkennbar an.

Für die katholische Kirche ist der wirtschaftlich aufsteigende ferne Osten, den die päpstliche Reisediplomatie zu lange hatte links liegen lassen, ein Wachstumsmarkt. Und es mag sein, dass der Papst aus Argentinien die ein oder andere Parallele zu seinem Heimatkontinent sieht. Jorge Mario Bergoglio erlebte über Jahrzehnte ein Lateinamerika der Diktaturen und Militärdiktaturen, auch der schreienden sozialen Ungerechtigkeit. Manches in Asien mag ihn daran erinnern.

Christoph Strack Redakteur im DW Hauptstadtstudio (Foto: DW)

Christoph Strack, Redakteur im DW Hauptstadtstudio

So richtete er auch im "Tigerstaat" Südkorea den Blick auf die Perspektive der Verlierer - im politischen wie im wirtschaftlichen System. Von "unmenschlichen Wirtschaftsmodellen" sprach er, die arm machten und ausgrenzten. Nein, Franziskus ist - auch diesmal - gewiss kein Kommunist. Aber er erinnert die führenden Industriestaaten erneut daran, dass die Wirtschaft für den Menschen da sein soll, nicht der Mensch für die Wirtschaft. In einem Land, das den Erfolg der Wirtschaft über sozialen Zusammenhalt der Familie stellt, zählen dazu auch die Absage an Materialismus und die Zurückweisung eines Geistes des uneingeschränkten Wettbewerbs.

Die weiteren Reisepläne

Der Blick auf die weiter bekannten Reisepläne des südamerikanischen Papstes lässt eine Linie deutlicher aufscheinen: Bereits in fünf Monaten will Franziskus wieder nach Asien aufbrechen. Seine bis dahin längste Auslandsreise soll ihn auf die Philippinen und nach Sri Lanka führen. Auch in Regionen, die Ende 2004 so hart vom Tsunami getroffen wurden. Vor allem aber in Länder mit massiver struktureller Armut. Fast demonstrative seelsorgerliche Nähe zu Menschen am Rande sowie prophetisch scharfe Kritik für die Nutznießer des gegenwärtigen, von Franziskus auch als "unmenschlich" bewerteten Wirtschaftssystems - das ist das Gesicht der Franziskus-Kirche.

Europa blendet die römische Reiseplanung dabei nicht ganz aus. Aber auch dieses Vorhaben passt ins Gesamtkonzept: Mitte September geht es für einen Tag nach Albanien. Ins Armenhaus Europas. Der Papst wird auch dort gewiss den Menschen eher wie ein Anteil nehmender Priester denn ein entrücktes Kirchenoberhaupt anmuten und ihnen nahe sein. Aber seine Worte werden sich auch an das reiche Europa richten - und vielleicht auch, ja, verhallen. Wie im übrigen auch jene innerkirchlichen Reformfragen, die jede Debatte über die katholische Kirche in Deutschland bestimmen, bei seinen Auftritten außerhalb Europas aber gar keine große Rolle spielen.

Schon heute darf man gespannt sein auf jene Tage im September 2015, in denen Franziskus die USA bereisen will. Längst weicht dort in Teilen des politischen Systems die Aufmerksamkeit für einen Papst aus dem Süden der Irritation über einen Mann, der eben aus der Ferne kommt. Franziskus wird in Washington und New York gewiss nicht weniger entschieden formulieren als in Seoul oder Daejeon.

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