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Politik

Kommentar: Mit Populismus kommt Morales nicht weit

Evo Morales ist der erste vom Volk gewählte Staatschef von Bolivien indianischer Abstammung. Was wird er seinem Land bringen, was bedeutet seine Präsidentschaft für Lateinamerika? Ein Kommentar von Steffen Leidel.

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Morales (links) hält künftig das Zepter in der Hand

Kleider machen Leute: Dieser Spruch scheint auf den neuen Präsidenten Boliviens Evo Morales zugeschnitten. Kein Artikel, ohne Beschreibung des "Evo-Look", kein Bericht ohne Erwähnung seiner Alpaka-Pullover, seiner abgenutzten Lederjacke, seiner Kochtopf-Frisur. Evo Morales vom Stamm der Aymara-Indianer hat kategorisch ausgeschlossen, sich irgendwann in seinem Leben eine Krawatte umzubinden. Daran hat er sich auch auf seiner ersten Auslandsreise eisern gehalten und die Journalisten haben tapfer darüber berichtet - es ging auch nicht anders.

Denn: Die Kleider sind politisches Programm, sie sind die Solidaritätsbekundung mit den Armen Boliviens, sie sollen sagen: Es ist vorbei mit der Herrschaft der krawattentragenden "Criollos" (der weißen Oberschicht), nach 500 Jahren Unterdrückung bestimmen jetzt die Nachkommen der Ureinwohner Boliviens die Geschicke des Landes. Das Volk, und das ist für Morales vor allem seine Bewegung zum Sozialismus (MAS), solle nun entscheiden.

Linksruck in Südamerika?

Im Zusammenhang mit den fulminanten Siegen von Morales in Bolivien und der Sozialistin Michel Bachelet in Chile war jüngst wieder häufiger von einem Linksruck in Südamerika die Rede. Die Liste von linksgerichteten Regierungen in Südamerika wird länger: In einem Atemzug genannt werden Bolivien, Chile, Argentinien, Venezuela, Brasilien, Uruguay. Doch Vorsicht: Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Linke in Lateinamerika ist extrem heterogen. Zwei Richtungen lasen sich ausmachen: Zur gemäßigten lassen sich Lula in Brasilien, Bachelet in Chile oder Taberé Vazquez in Uruguay zählen. Wenn auch sozialistisch geprägt, setzt man auf Marktwirtschaft und vermeidet zu heftige Konfrontationen mit den USA. Zum anderen gibt es die populistische Stoßrichtung, zu der das Venezuela von Chávez und das Bolivien von Morales, aber auch das Argentinien Kirchners zu zählen sind.

Innenpolitisch ist bei der populistischen Variante meist wenig Programm zu erkennen. Stattdessen profilieren sich die Staatschefs mit Buhrufen und verbalen Drohungen Richtung Washington. Das kommt an, denn Washington steht bei der veramten Bevölkerung Lateinamerikas in einem miserablen Ruf. Diese Aversion nutzte Morales für sich im Wahlkampf: Er bezeichnete sich selbst als "Albtraum der USA", sprach von einer "antiimperialistischen und antineoliberalen" Allianz mit Castro und Chavez gegen Bush. Morales, selbst Kokabauer, kündigte an, den Kokaanbau zu legalisieren und die reichen Erdgasvorkommen zu verstaatlichen. Mehr kann man nun wirklich nicht tun, um der US-Regierung zu missfallen.

Gemäßigte Töne nach Wahlkampf

Morales ist also ein linker Populist, könnte man folgern. Das greift jedoch zu kurz. Zum einen muss man sich fragen, ob Links oder Rechts noch geeignete Kategorien sind für die politischen Entwicklungen in Lateinamerika. Morales ist der erste demokratisch gewählte indianische Präsident des Landes. Mit 54 Prozent war die Mehrheit überwältigend. Die meisten Stimmen kommen von den Bolivianern, die sich als Indios definieren. Bei den Wahlen ging es also nicht so sehr um links oder rechts, sondern eher um arme Ureinwohner gegen reiche Weiße.

Morales muss Ergebnisse vorweisen

Morales Sieg ist von großem symbolischen Wert: Auch in anderen Ländern Lateinamerikas, ob in Peru, Ecuador oder Guatemala, erheben die Nachkommen der Ureinwohner ihre Stimmen. Sie sehen sich in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Der peruanische Schriftsteller Vargas Llosa kann dagegen dem Sieg des Indios Morales nichts abgewinnen. Er sieht darin einen Rückfall in die "Ideologie der Abstammung" und warnt vor einem Rassismus der "Indios gegenüber der Weißen".

Solche Schreckensszenarien sind jedoch verfrüht. Eine Vorverurteilung bringt nichts. Positiv ist, dass Morales nach seinem Wahlsieg eher gemäßigte Töne angeschlagen hat. Er signalisierte sogar Dialogbereitschaft mit Washington. Er weiß, protestieren allein reicht nun nicht mehr. Er hat den Armen viel versprochen und steht jetzt bei der Bekämpfung der Misere unter enormem Druck. "Albtraum der USA" zu sein, hilft ihm bei dieser schweren Aufgabe nicht weiter.

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  • Datum 23.01.2006
  • Autorin/Autor Steffen Leidel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7p5C
  • Datum 23.01.2006
  • Autorin/Autor Steffen Leidel
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