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Politik

Vom Kokabauern zum Staatschef

"Du wirst Erfolg haben", habe ihm sein Vater immer gesagt. Er hat Recht behalten. Evo Morales ist zum ersten Indio-Präsident Boliviens gewählt worden. Dank der Stimmen der armen Stadtbevölkerung und der Koka-Bauern.

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Evo Morales erinnert an die Werte der Ureinwohner

Bunt gestreift und aus Alpaka-Wolle. Im immergleichen Pullover begrüßte der zukünftige Präsident Boliviens Evo Morales die Gastgeber seiner offiziellen Auslandsbesuche: von Spanien über China bis Südafrika. Doch der 46-jährige Morales steht zu seiner schlichten Kleidung. Auch sonst trägt Boliviens zukünftiger Staatspräsident am liebsten Jeans, ein kurzärmeliges Hemd und Turnschuhe.

Von Altiplano nach La Paz

Bescheidenheit musste der aus einer Bauernfamilie von Aymara- und Quechua-Indianern stammende Evo Morales schon früh lernen. Er wurde 1959 im südlichen Andenhochland geboren und wuchs in bitterarmen Verhältnissen auf. Von seinen sechs Geschwistern überlebten nur zwei das Säuglingsalter. Als Kind rannte Morales Bussen hinterher und sammelte die Schalen von Orangen und Bananen auf, die die Fahrgäste aus dem Fenster geworfen hatten.

Der bolivianische Präsident trifft den spanischen Außenminister Morales

Morales im Gespräch mit dem spanischen Außenminister Moratinos (rechts)

Schon mit 16 Jahren verließ er die Schule und schlug sich als Bäcker, Eisverkäufer oder Trompeter durch. Anfang der 1980er Jahre floh seine Familie aus der Heimatregion. "Auf der Suche nach Brot", wie Morales selbst sagt. Die Familie ließ sich in der weiter nördlich gelegenen Provinz Chaparé nieder, dem Zentrum des Koka-Anbaus. 1981 begann Morales seine Arbeit für die Gewerkschaft der Koka-Bauern.

Damit begann Morales' steiler politischer Aufstieg. 1994 wurde er Führer der Vereinigung der Koka-Bauern. Ein Jahr später gründete er die Partei MAS (Bewegung zum Sozialismus) und wurde 1997 ins Parlament von La Paz gewählt. 2002 ließ er sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen, unterlag aber nur knapp seinem konservativen Gegner de Lozada.

"Null-Kokain, aber nicht Null-Koka"

Drei Jahre später trat er erneut an. In seinem Wahlkampf präsentierte sich Morales als Kämpfer für die unterdrückte Indio-Mehrheit in Bolivien. Ihre Frustration angesichts der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen arm und reich fing er geschickt auf: mit einem nationalistischen und antiamerikanischen Diskurs. Er werde "ein Albtraum für die Regierung der USA" sein, kündigte er im Wahlkampf an. "Ich scheue mich nicht, zu sagen, laut zu sagen, dass wir nicht nur anti-neoliberal sind. Wir sind anti-imperialistisch".

Seine revolutionäre Rhetorik ist dennoch mit einem kräftigen Schuss Pragmatismus durchsetzt. Die Rohstoffe des Landes, wie etwa die reichen Erdgasreserven, müssten zwar wieder verstaatlicht werden. Aber man müsse auch mit den multinationalen Erdgaskonzernen zusammenarbeiten. Die von US-Präsident Bush betriebene amerikanische Freihandelszone lehnt Morales kategorisch ab, bot Washington aber einen konstruktiven Dialog an. Und weil Evo Morales nicht nur Sozialist und Freund Fidel Castros ist, sondern auch selbst Koka anbaut, lautet seine Devise beim Koka: "Null-Kokain, aber nicht Null-Koka".

Kampf dem "Cocalero"

Karte Bolivien

Bolivien ist das ärmste Land in Südamerika

Washington sieht in dem "Cocalero" ein Problem, seit dieser in den 1990er Jahren den Widerstand gegen die von den USA unterstützten Bemühungen zur Vernichtung der Koka-Plantagen anführte. Die US-Regierung befürchtet, die Kokablätter würden zu Kokain verarbeitet. Dagegen wehren sich die bolivianischen Bauern: Die Kokablätter würden in den Supermärkten verkauft, um gekaut oder als Teeaufguss verwendet zu werden.

Morales weiß, dass er wenig Zeit hat, um die Forderungen, Wünsche und Sehnsüchte seiner Landsleute zu verwirklichen. Die Geduld im ärmsten Land Südamerikas ist erschöpft.

Am 22. Januar 2006 wird Morales vereidigt werden. Zum ersten Indio-Präsidenten in der Geschichte Boliviens. Bleibt abzuwarten, welche Kleidung er während der Zeremonie tragen wird. Anzug oder Wollpullover. (gh)

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