1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kommentare

Kommentar: Leipzig leuchtete

Der 100. Deutsche Katholikentag war ein gutes Jubiläum. Ökumenisch, offen in der säkularen Welt. Aber er erinnert auch daran, dass die katholische Kirche sich der Frauenfrage noch stellen muss, findet Christoph Strack.

Wie viele Bedenken gab es vor dem Katholikentag in Leipzig! Im säkularen Osten, dort, wo Katholiken als Minderheit in der ohnehin kleinen christlichen Minderheit leben. Dort, wo die Stimmung zwischen Rechts- und Linksextremen aufgeheizt ist und Gewalt zu oft eskaliert. Wo auch aggressive Salafisten leben. Nichts von diesen Bedenken bleibt.

Die fünf Tage in der sächsischen Messestadt haben den Katholikentag vielleicht verjüngt, auf jeden Fall entstaubt. 22 Jahre nach dem Katholikentag in Dresden 1994 hat sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wieder in den Osten getraut und wurde belohnt. Zwar schrumpften "Großveranstaltungen" mit Berliner Prominenz wie Bundespräsident Joachim Gauck, Sozialministerin Andrea Nahles und Innenminister Thomas de Maizière zu wenig besuchten Veranstaltungen - aber das lag vor allem daran, dass es ein Christentreffen in der Innenstadt war, eben nicht in entfernten Großhallen. Es war ein Katholikentag mitten in der Stadt, in der säkularen, von reicher christlicher Geschichte geprägten Stadt.

Und mit den Engagement für Flüchtlinge wird der Katholikentag politischer. Das tut ihm gut, weil es die geistliche Dimension nicht schwächte. "Seht, da ist der Mensch!" lautete das Leitwort. Und immer, wenn zum Beispiel Kardinal Reinhard Marx in diesem Sinne mit seinem Appell zur Offenheit auf die Menschen an den Grenzen, die Armen des Südens kam, erntete er viel Applaus.

Für Aufsehen hatte gesorgt, die AfD betont nicht eingeladen wurde. Die dumpfe Schärfe, die die Rechtspopulisten während der vergangenen Wochen an den Tag legten bis hin zum rassistischen Ausfall von Alexander Gauland gegen Fußballnationalspieler Jérôme Boateng, bestätigt diesen Kurs. Und doch muss Kirche die Nähe mancher Rechtskatholiken zu der Partei ernster nehmen.

Katholisch-protestantische Harmonie

DW-Korrespondent Christoph Strack (Foto: DW)

DW-Korrespondent Christoph Strack

Leipzig leuchtete ökumenisch. Da war zum Beispiel die Offenheit der traditionsreichen Nikolaikirche für katholische Messfeiern, da beherbergten Protestanten Katholiken in Gästezimmern, vor allem waren da beeindruckende gemeinsame Auftritte des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm mit Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der katholischen Bischöfe. Geeint bei der Flüchtlingsfrage, in der Sozialethik, ringend, getrennt, aber stets freundschaftlich bei noch verbleibenden Streitfragen wie dem Primat des Papstes. "Ein prominenter Vertreter unserer Kirche", sagt der evangelische Bischof respektvoll. Das tut der Stimmung vor dem Gedanken an die Reformation 2017 gut und kann die Kirchen in rauer werdenden Zeiten stärken.

Und es gibt ein innerkirchliches Thema, das mit Macht aufbrach beim Leipziger Treffen. Es wurde deutlich sichtbar, als nach dem Abschlussgottesdienst zu den letzten kurzen Reden hunderte Frauen, darunter auch führende Kräfte des Laienkatholizismus, ihre hoffnungsgrünen Katholikentagstücher emporreckten. Auf denen nun zu lesen war "Diakonat der Frau - jetzt". Das Frauendiakonat war auch schon vor mehr als 20 Jahren Thema bei den katholischen Christentreffen. Nun hat Papst Franziskus mit der kleinen Andeutung, Rom werde darüber nachdenken, vielen Verzagten wieder neuen Mut gemacht. Das ZdK greift das als Hoffnungsanker der Reformer auf. "Ich wollte schon fast austreten. Und dann das", sagte eine Flaneurin am Stand der Frauenverbände auf der Kirchenmeile.

Wenig Weihrauch, viel Fröhlichkeit

Aber bevor das ZfK allzu eilfertig in die Forderung einstimmt: Auch in Leipzig gab es peinliche Momente zur kirchlichen Dominanz von Männern. Bei der Eröffnungsfeier dauerte es 59 Minuten, bis eine (übrigens evangelische) Frau ans Mikrofon kam. Und bei einem Festakt zum Jubiläum des 100. Katholikentages sprachen ausschließlich Männer. "Die Nixen" durften singen, eine Moderatorin kaschierte die männliche Dominanz. Dabei sind die deutschen Katholiken schon fast die Speerspitze in der Weltkirche, wenn es um die Beteiligung von Frauen geht. Es gibt viel zu tun.

Leipzig war - gewiss auch dank dieser Stadt - ein fröhlich-frommer und doch offener Katholikentag ohne jede Weihrauch-Selbstverständlichkeit. Ja, ein wenig mehr Streit hätte nicht geschadet. Und ja, beim Abschlussfest tanzten auch ganz säkulare Leipziger ihren spontanen Walzer auf dem Markt und blieben zum Abendgebet. Ob der Katholikentag in Münster 2018 das so hinbekommt, die katholische Gewohnheit nicht allzu sehr herauszustellen? Der eine oder die andere könnte im Reformations-Jubiläumsjahr 2017 ja einfach mal zum Evangelischen Kirchentag nach Berlin und Wittenberg fahren. Auch in Leipzig waren gut zehn Prozent der Teilnehmer Protestanten. Sie sind in einem säkularer werdenden Land längst gemeinsam unterwegs.

Sie können unterhalb dieses Artikels einen Kommentar abgeben. Wir freuen uns auf Ihre Meinungsäußerung!

Die Redaktion empfiehlt