Kommentar: Kunst im Fadenkreuz der Moralwächter | Kommentare | DW | 04.02.2018
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Standpunkt

Kommentar: Kunst im Fadenkreuz der Moralwächter

Die englische Manchester Gallery hängt das Bild "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse ab - ein Skandal! Die Debatte um moralische Verfehlungen von Künstlern läuft aus dem Ruder, warnt Stefan Dege.

Maler Balthus Therese Dreaming Gemälde Balthasar Klossowski (picture-alliance/dpa/O.Berg)

"Thérèse, träumend" des Malers Balthus aus dem Jahr 1938 hängt noch im Metropolitan Museum of Art in New York

Sieben Mädchen ziehen den spärlich bekleideten Hylas zu sich in einen Teich. Waterhouse hat seine Nymphen 1896 als nackte pubertierende Mädchen gemalt: Verherrlicht sein Gemälde deshalb Sex mit Minderjährigen? Ist es notwendig, sein Bild ins Museumsdepot zu verbannen, weil es gegen Anstand und Sitte verstößt? Müssen wir Kunst - alte wie neue - grundsätzlich auf den moralischen Prüfstand stellen? Nein, denn das wäre gefährlich!

Seit Monaten tobt weltweit die Debatte um sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch im Kunst- und Kulturbetrieb. Von Woody Allen bis Dieter Wedel und Kevin Spacey, von Caravaggio bis Pablo Picasso reicht inzwischen die Liste der Verdächtigen. Das Abhängen von Waterhouses Gemälde zeigt, wie die Debatte nun auch der Kunst selbst zu Leibe rückt.

Blanke Hysterie im Kunstbetrieb

Freilich ist der von Waterhouse gemalte Teich aus heutiger Sicht ein Sündenpfuhl, das Gemälde ähnlich verdächtig wie "Thérèse, träumend" des polnisch-französischen Malers Balthus (Artikelbild). Dessen Entfernung aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art forderten zuletzt Tausende angebliche Kunstfreunde per Petition, weil es ein junges Mädchen in lasziver Pose und mit gespreizten Beinen auf einem Stuhl sitzend zeigt. Sein Schlüpfer wird sichtbar. Ins Fadenkreuz von Moralwächtern geriet auch der amerikanische Maler Chuck Close: Ihn hatten Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt, weshalb Close-Werke aus Ausstellungen entfernt und sogar eine Close-Retrospektive in Washington verschoben wurde.

Dege Stefan Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Stefan Dege

Blanke Hysterie macht sich breit im Kunstbetrieb, und sie wird getrieben von einer heuchlerischen Hasenfüßigkeit. Was anderes als vorauseilende Selbstzensur ist das Wegschließen eines anrüchigen Bildes, das keiner mehr sehen darf und kann? Wer Bilder unsichtbar macht, weicht der Debatte über sie aus.

Aber lässt sich über die Nymphen von Waterhouse nicht trefflich streiten? Der englische Künstler malte sein Bild immerhin auf dem Höhepunkt des als extrem leibfeindlich geltenden viktorianischen Zeitalters. Moral und Laster standen im ständigen Widerstreit. Klar ist: Gemälde spiegeln Geist und gesellschaftliche Debatten ihrer Zeit wider - sie sind Produkte ihrer Zeit. Wer das übersieht, ist geschichtsvergessen.

"Artige Kunst" braucht niemand

Sittenwächter gab es zu allen Zeiten. Doch wollen sie über Moral nicht streiten. Sie wollen verbannen oder durchsetzen. Deshalb bekämpften Nazis "entartete Kunst". Deshalb forderten Stalinisten "sozialistischen Realismus". Was jeweils bleibt, ist "artige" Kunst, die keiner braucht. Und auf der Strecke bleibt: die Freiheit der Kunst.

Schließlich sind das Verhalten von Künstlern und ihr Werk unterschiedliche Dinge. Richard Wagners "Ring" von den Spielplänen zu verbannen, weil der Komponist ein Judenfeind war, wäre ebenso falsch wie die Filmerfolge Woody Allens zu verschweigen, der seine Adoptivtochter missbraucht haben soll. Geraten Künstler ins Zwielicht, schmälert das nicht ihre Kunst.

So bleibt den nackten Nymphen von Waterhouse zu wünschen, dass sie ihre Schönheit weiter zeigen können. Über das Begehren, das in ihren Blicken liegt, und über den Ausgang der Szene lässt sich ja debattieren.

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