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Asien

Kommentar: Karsais halbe Wahrheit

Afghanistans früherer Präsident Hamid Karsai kritisiert ganz zu Recht den Westen: In 13 Jahren NATO-Einsatz sind viele Fehler gemacht worden. Karsai schweigt aber zu seiner eigenen Verantwortung, meint Florian Weigand.

Es gehört zu den großen Vorzügen eines "Elder States Man", die Zeitläufte in großen Zusammenhängen kritisieren zu dürfen - ohne direkte Verantwortung und ohne Furcht vor Konsequenzen. Im schlimmsten Fall wirkt das dann ein bisschen wie Statler und Waldorf, die beiden weißhaarigen Nörgler aus der Muppet-Show, im besten Fall wie Helmut Schmidt und Michail Gorbatschow, die es darin zu großer Meisterschaft gebracht haben. Nun übt sich auch Afghanistans Ex-Präsident Hamid Karsai in dieser Kunst und schlägt sich dabei gar nicht schlecht.

Denn Karsai hat den Zeitpunkt gut gewählt, um seine Ansichten in einem Interview mit deutschen Medien zu verbreiten. Die afghanische Regierung ist derzeit praktisch nicht existent. Noch immer ringt Karsais Nachfolger Ashraf Ghani mit dem Parlament um ein neues Kabinett. Die Abgeordneten haben bislang die meisten seiner Ministervorschläge abgelehnt und sind nun erst einmal in die Winterpause gegangen. Präsident Ghani gibt sich derweil medienscheu und versäumt damit jede Gelegenheit, seine Politik international zu erklären. Karsai hat damit die alleinige Deutungshoheit über das Land, das er über ein Jahrzehnt lang regiert hat.

Nettigkeiten und vor allem scharfe Kritik

Für Deutschland hat er ein paar Nettigkeiten übrig und lobt den sensiblen Umgang mit den zivilen Opfern, nachdem ein Bundeswehroberst einen verheerenden Luftangriff auf Tanklaster in der Nähe von Kunduz befohlen hatte. Das wird in Deutschland sicher positiv aufgenommen, gehört aber auch zum afghanischen Höflichkeitskanon, der direkte Verbalangriffe auf den Gesprächspartner verbietet. Denn mit dem Nato- Einsatz insgesamt geht Karsai scharf ins Gericht - und man muss ihm leider Recht geben.

Deutsche Welle REGIONEN Asien Paschtu Dari Florian Weigand

Florian Weigand leitet die Paschtu- und Dari-Redaktion der DW

Ohne Zweifel hat der Westen viele Fehler begangen in 13 Jahren Einsatz in Afghanistan. Der Terrorismus ist nicht besiegt, die Taliban erstarken wieder, erste Meldungen über IS gehen um und 2014 erreichte die Zahl der Kriegstoten einen nie dagewesenen Höchststand. Laut UN starben 5000 afghanische Soldaten und 3700 Zivilisten - 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Erfolg sieht anders aus. Karsai spricht mit großer Ehrlichkeit über die Versäumnisse vor allem der USA. Das tut wohl in Zeiten, in denen der Afghanistan-Einsatz in den Hauptstädten der NATO-Länder bis zur Unkenntlichkeit schön geredet wird.

Auch Karsais Regierung hat Fehler gemacht

Diese erfrischende Ehrlichkeit lässt der Ex-Präsident aber vermissen, wenn es um seine eigene Verantwortung geht. Nicht nur die US-Drohen am Himmel und die Einkerkerung von Zivilisten im Gefängnis von Bagram - dem Guantanano-Ableger auf afghanische Boden - haben die prekäre Situation von heute geschaffen, sondern auch Korruption, Vetternwirtschaft und Ämterpatronage in der Regierung Karsai. Auch seine eigene Familie profitierte kräftig davon, dass Karsai über ein Jahrzehnt Regierungschef war. Das treibt so manchen Afghanen in die Hände der Taliban, die zwar als brutal und rückwärtsgewandt, aber oft auch als ehrlich wahrgenommen werden.

Und Karsai hat das eigene Militär in dieser Situation noch unnötig geschwächt: Ein Sicherheitsabkommen mit den USA wollte er nicht unterschreiben, obwohl das Parlament, eine Loya Jirga - die große repräsentative Ratsversammlung in Afghanistan - und die große Mehrheit der Bevölkerung es wünschten. Die Unterschrift hat erst Karsais Nachfolger Ghani nachgeholt.

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