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Asien

Was vom Einsatz bleibt

13 Jahre war die Bundeswehr in Afghanistan engagiert. Am 31. Dezember endet die ISAF-Mission und damit wird auch das deutsche Truppenkontingent stark verkleinert. Was bleibt vom deutschen Einsatz am Hindukusch?

"Als es passierte, ging ich gerade zu Fuß die Straße entlang", erzählt Ahmad Jawed, ein Afghane aus Kundus im Norden Afghanistans. "Ein Auto geriet ins Schleudern und hatte einen Unfall. Glücklicherweise war ein deutscher ISAF-Konvoi in der Nähe. Schnell stiegen einige Soldaten aus, um dem Fahrer zu helfen." Diese Menschlichkeit, so Ahmad Jawed, habe er bis heute nicht vergessen. Es ist seine prägendste Erinnerung an die Deutschen.

Seitdem die Bundeswehr im Oktober 2013 das Lager in Kundus verlassen hat, hat sich vieles verändert, sagt Ahmad Jawed. Die Sicherheitslage habe sich verschlechtert, viele Arbeitsplätze seien weggefallen. Er wünscht sich, dass die deutschen Soldaten das Land nicht verlassen, sondern weiter blieben, um zu helfen.

Sicherheit für den Aufbau

Bundeswehrsoldaten liegen am 23.12.2013 im Camp Marmal in Masar-i-Scharif während einer Übung mit ihren Waffen in Stellung. (Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

13 Jahre lang war die Bundeswehr in Afghanistan - jetzt sollen nur noch wenige hundert Soldaten bleiben

Die Entscheidung ist seit Anfang 2014 bekannt. Die Bundeswehr verlässt Afghanistan. Zuerst hat sie sich aus Teilen im Norden Afghanistans zurückgezogen, jetzt werden im letzten Lager Mazar-e Sharif die Zelte abgebrochen. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan endet nach über einem Jahrzehnt. 4.200 Soldaten waren bis vor kurzem noch im Land stationiert. Davon bleiben 850 für den auf zwei Jahre angelegten Folgeeinsatz "Operation Resolute Support". Sie sollen afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und betreuen.

Anfang 2002 kamen die ersten deutschen Soldaten im Rahmen der ISAF-Mission ins Land, um für Sicherheit zu sorgen und den Wiederaufbau Afghanistans zu unterstützen. Nach dreißig Jahren Krieg und Herrschaft der Taliban lag alles in Schutt und Asche. Schnelle Ergebnisse waren gefordert und dafür sollte die Bundeswehr die notwendige Sicherheitsarchitektur bereitstellen.

Unklares Einsatzziel

"Das Hauptproblem für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan bestand darin, dass die politische Führung in erster Linie an Einfluss auf dem internationalen Parkett gewinnen wollte", sagt Philipp Münch von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Daraus folgte, so der Experte, dass es keine ausgearbeitete Afghanistan-Strategie gab. "Die Regierung orientierte sich daher an hergebrachten Verhaltensweisen und reagierte vor allem auf Entwicklungen vor Ort", so Münch. Fehlende Landeskenntnisse verschärften das Problem.

Ein Dingo des Konvois der Bundeswehr aus Kundus fährt am 19.10.2013 in das Camp Marmal bei Masar-i-Sharif ein. (Foto: Bundeswehr/PAO RC N)

Im Oktober 2013 verließen die letzten deutschen Soldaten Masar-i-Sharif

Die reaktive Strategie war erfolgreich, solange die Aufständischen sich nach dem Einmarsch der ISAF reorganisieren mussten. Aber seit 2006 veränderte sich die Lage. Die Bundewehr musste mehr und mehr Kräfte aufwenden, um die immer stärker werdenden Angriffe der Taliban abzuwehren. Das eigentliche Ziel des Einsatzes war die Sicherung des zivilen Wiederaufbaus und nicht die Aufstandsbekämpfung.

Die Diskrepanz von Auftrag und tatsächlichem Einsatz zeigt auch die finanzielle Ausstattung. "Es war auf nationaler wie auf internationaler Ebene so, dass der Militäranteil bei den Finanzen bei über 90 Prozent lag", erklärt Afghanistanexperte Conrad Schetter vom Internationales Konversionszentrum Bonn(BICC). "Es kann nicht sein, dass der Rahmen so teuer ist und das eigentliche Geschäft auf gerade mal zehn Prozent heruntergefahren wird."

Einsatz zeitweise erfolgreich

Verteidigungsministerin von der Leyen im Juli 2014 zu Besuch im ISAF-Hauptquartier in Kabul gemeinsam mit Bundeswehrsoldaten (Foto: REUTERS/Thomas Peter)

Hoher Besuch: Verteidigungsministerin von der Leyen im Juli 2014 zu Besuch im ISAF-Hauptquartier in Kabul

Dennoch würde der wissenschaftliche Direktor beim BICC nicht so weit gehen und sagen, dass der Einsatz gescheitert sei. "Es gab einige Bereiche, wo der Einsatz etwas Positives bewirkt hat. Zumindest zeitweise hat sich eine gewisse Sicherheit auf lokaler Ebene im Norden Afghanistans eingestellt", so Schetter. Allerdings ist er skeptisch, ob der Einsatz langfristig etwas bewirken werde.

Ähnlich sieht das Münch von der SWP. Immerhin sei ein neuer Bürgerkrieg wie in den 1990er Jahren verhindert worden. "Die Präsenz der Bundeswehr und anderer ISAF-Kräfte sorgte dafür, dass sich die Kommandeure lokaler bewaffneter Gruppen, die nicht zu den Aufständischen zählten, vergleichsweise stark zurückhielten und meist nicht offen gegeneinander oder den Staat kämpften."

Umdenken bei der Bundeswehr

Bis zuletzt blieb unklar, welches Ziel die deutsche Bundeswehr am Hindukusch verfolgte. Auch für die deutsche Bevölkerung. Die Folge so Münch. "Mit den zunehmenden Kosten und insbesondere Verlusten an Menschenleben vor allem in den Jahren 2009 bis 2011 lehnten immer mehr Menschen den Einsatz ab."

German soldiers as they prepare to withdraw from Afghanistan’s North (Foto: Masood Saifullah /DW)

Sommer 2013: Das große Packen in Masar-i-Sharif

Auch die Bundeswehr selbst veränderte sich durch den Einsatz zusehends. "Die gesamte Logik wurde auf den Kopf gestellt", sagt Conrad Schetter. Im Kalten Krieg war die Bundeswehr als Verteidigungsarmee aufgebaut worden. Das hat sich mit dem Afghanistaneinsatz geändert. "Es ist deutlich geworden, dass Soldaten Auslandseinsätze brauchen, um als Armee überhaupt ernst genommen zu werden." Die Bundeswehr habe sich zu einer Einsatzarmee entwickelt, die eine andere Ausbildung und Ausrüstung benötigt. Das werde weitreichende Folgen für die Zukunft haben.

Inwiefern dieser Trend angesichts der neuen Herausforderungen durch die Ukraine-Krise anhält, bleibt offen. Unstrittig ist, dass der Afghanistaneinsatz die Bundeswehr wieder stärker ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gerückt hat.

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