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Kommentare

Kommentar: Helmut Schmidt - In der Welt zu Hause

Er hatte diesen Blick ins Ungefähre, umwölkt vom Rauch seiner Menthol-Zigaretten. So kannten wir den alten Helmut Schmidt. Als Bundeskanzler war er eine Autorität. Nicht geliebt, aber geachtet, meint Volker Wagener.

Helmut Schmidt und Ehefrau Loki in China

Helmut Schmidt und seine Ehefrau Loki beim Besuch der "Verbotenen Stadt" in Peking 1975

Helmut Schmidt war eine Stil-Ikone. Er setzte Maßstäbe. Seine Reden im Deutschen Bundestag gehören zu jenen, an die man sich erinnert. Allein schon wegen seiner unverwechselbaren stimmlichen Modulation. Er war ein Meister der gesprochenen Sprache. Einer, der Satzzeichen zum Klingen brachte. Das alles verbunden mit seiner Aura des strengen, stets überlegenen und nur mäßig milden Hausvaters. Für gleich mehrere Generationen war er der Erklärer der komplexen Welt oder, wie es sein Biograf einmal ausdrückte: der jüngste alte Mann.

Vom Parteifreund und Amtsvorgänger Willy Brandt trennten ihn Welten. Beide standen für höchst unterschiedliche soziologische und ideologische Spektren der Sozialdemokratie: Brandt bewegte die Herzen und fungierte als Erweckungspolitiker. Der Mann für politische Träume. Schmidt verkörperte das Bürgerliche. Pragmatisch bis zur Langeweile wollte er Köpfe erreichen. Es ging ihm um Krisenbewältigung. Und Krisen gab es reichlich in seiner Amtszeit. Politische Visionen waren ihm ein Graus. Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, meinte er nur lakonisch.

Ein elitärer Durchschnittsbürger

Helmut Schmidt war ein Phänomen. Die, die sich nicht nur an den Schmidt der Nach-Politik-Ära erinnern, sondern auch an den Kanzler der 70er- und frühen 80er-Jahre, sind inzwischen fast im Rentenalter. Danach war er der belehrende, manchmal grantelnde Staats-Oberlehrer mit Rechthaber-Attitüde. Dass er sich dabei stets selbst Maßstab und ihm der Zeitgeist egal war, belegen seine konstanten Verstöße als Raucher immer und überall. Da konnte er fürchterlich politisch unkorrekt sein. Schmidt qualmte selbst in der strengsten Verbotszone und niemand dachte auch nur daran, ihn daran zu hindern. Es hatte schon etwas Elitäres und doch sah er sich stets als Durchschnittsbürger. Die sozialdemokratische Anrede "Genosse" kam ihm selten über die Lippen. Aber das Siezen, selbst engsten Freunden gegenüber, blieb sein Leben lang altmodisches Markenzeichen.

Polyglott in Langenhorn

Helmut Schmidt war in vielerlei Hinsicht ein Typ jenseits von Normen und Images. Für einen Sozialdemokraten war er auffällig hellhörig für die Belange des Marktes, von dessen Funktionieren er viel verstand. Und als Bildungsbürger wäre er auch in den Reihen der Konservativen und Liberalen kein Fremdkörper gewesen. Es müssen diese für einen Linken atypischen Eigenschaften gewesen sein, die Schmidt zu einem Freund des französischen Liberal-Konservativen Giscard d'Estaing werden ließen.

Wagener Volker Kommentarbild App

DW-Redakteur Volker Wagener

Der adlige französische Staatspräsident, ganz und gar Repräsentant der Grande Nation, muss wohl nicht nur einmal gestutzt haben, als er dienstlich im Bonner Kanzleramt und privat bei Schmidt in Hamburg-Langenhorn zu Besuch war. Sowohl der vergleichsweise kleine und funktionale Kanzlerbungalow am Rhein, als auch das bescheidene Privathaus in Langenhorn waren wenig geeignet, den Grandseigneur aus Paris zu beeindrucken. Schmidts Selbstbewusstsein benötigte solche Statussymbole nicht. Sein "Draht" zu Giscard funktionierte auf der intellektuellen Ebene. Schmidt war ein Mann, der Kunst von Kunsthandwerk unterscheiden konnte, er spielte mehr als nur passabel Klavier, schrieb Bücher und verfasste Hunderte Zeitungsartikel. Er war im besten Sinne in der Welt zu Hause und - nicht frei von Eitelkeiten - er zeigte es auch. Helmut Kohl drückte es mal so aus: "vor urbaner Arroganz nur so strotzend".

Kanzler des Machbaren, nicht des Wünschenswerten

Seine Qualitäten kamen in der Krise zutage. Jede Zeit hat ihre Protagonisten. Und in der Nach-Brandt-Zeit ab 1974 war Helmut Schmidts Stunde gekommen. In seine Amtszeit fielen zwei große Ölkrisen. Gleichzeitig ging er gegen teure soziale Begehrlichkeiten vor, die unter seinem Vorgänger Brandt geweckt worden waren. Nicht ökonomische Erfolge, sondern allein sein Krisenmanagement ließen ihn zu einem Regierungschef der starken Hand werden.

Seine größte Herausforderung war der Bomben-Terror der Rote-Armee-Fraktion, der den Staat auf die Probe stellte. Seine harte Linie im Anti-Terrorkampf war erfolgreich, Schmidt brachte den wehrhaften Staat in Stellung. Getreu seinem Motto: "Auch Demokratien brauchen Führung."

Regieren gegen den Zeitgeist

Weniger dramatisch, dafür aber gesellschaftlich eine Zerreißprobe, war Schmidts Rolle in der Aufrüstungsdebatte der frühen 80er-Jahre. Die Hochrüstung der Sowjetunion erforderte eine Antwort. Schmidt war es, der die Amerikaner erst auf die nuklearen Mittelstreckenraketen aufmerksam machte, die Moskau gegen Westeuropa in Stellung gebracht hatte. In der friedensbewegten Zeit, mitten in der Gründungsphase der alternativen Grünen, vertrat Helmut Schmidt eine Politik, die diametral gegen den Zeitgeist gerichtet war. Damit stand er nicht nur gegen weite Teile der Bevölkerung, sondern auch gegen die Mehrheit seiner Partei. Das Konzept des NATO-Doppelbeschlusses - aufrüsten und verhandeln - sein Konzept, hat letztlich die Sowjetunion ökonomisch in die Knie gezwungen.

Erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde ihm Gerechtigkeit zuteil, als Bundeskanzler war er damals isoliert. Schmidt fühlte sich dem Prinzip der Machtbalance als Voraussetzung für Friedensicherung, ähnlich der Gleichgewichtspolitik Bismarcks, verpflichtet. Mit Erfolg. Helmut Schmidt hat nicht nur als fünfter Bundeskanzler ein großes Kapitel deutscher Geschichte geschrieben, er blieb auch nach seiner Abwahl 1982 über Jahrzehnte ein viel beachteter Deutscher und Welterklärer.

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