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Deutschland

Kompromissloser Macher - Zum Tod von Helmut Schmidt

Altkanzler Helmut Schmidt starb in seiner Heimatstadt Hamburg, wie sein behandelnder Arzt Heiner Greten mitteilte. Schmidt wurde 96 Jahre alt. Ein Sozialdemokrat mit hohem Ansehen - in Deutschland und der Welt.

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Helmut Schmidt - Krisenmanager und Welterklärer

Er blieb bis zuletzt ein Mann der deutlichen Worte und wurde dennoch - oder gerade deswegen - geschätzt wie kaum ein anderer: Immer wieder wurde Helmut Schmidt in Umfragen zum beliebtesten Politiker der jüngeren deutschen Geschichte gewählt - trotz seines oft sperrigen und rechthaberischen Auftretens.

Buchcover Außer Dienst- Foto: Siedler Verlag

Autor Schmidt (2008): Auch nach der Kanzlerschaft meldete er sich zu Wort

Mitten in der europäischen Schulden- und Finanzkrise in einem Fernsehinterview nach dem Krisenmanagement von Kanzlerin Angela Merkel gefragt, antwortete er mit den Worten: "Da muss ich lange zögern, ehe mir eine diplomatische Antwort einfällt." Selten nahm Schmidt ein Blatt vor den Mund: Politiker würden halt "erst das Eine und dann das Andere" sagen. Er selbst kommentierte besonders nach seiner Zeit als aktiver Politiker gerne etwas harscher: Die Stellung der Bundesrepublik? "Deutschland, in der Mitte dieses kleinen Kontinents, ist in einer beschissenen Lage." Die Ukraine-Politik der EU? "Geopolitische Kinderei". Barack Obama ein großer Präsident? "Das würde ich so nicht unterschreiben."

Immer wieder äußerte sich Schmidt kritisch zur Entwicklung der Europäischen Union, zu einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland und dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Der Sozialdemokrat erhielt sich dabei aber immer ein ungebrochen hohes Ansehen in der Bevölkerung.

Kompromisslos im "Deutschen Herbst"

Viele Deutsche verbinden mit Helmut Schmidt vor allem die Erinnerung an den Mann, der im Herbst 1977 dem RAF-Terrorismus entschlossen die Stirn bot. Dieser hatte mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine "Landshut" in die somalische Hauptstadt Mogadischu seinen Höhepunkt erreicht. Ziel beider Terrorakte war die Freipressung von RAF-Terroristen aus deutschen Gefängnissen - aber Helmut Schmidt blieb hart.

RAF Fahndungsbild - Foto: BKA

Fahndungsbilder der RAF-Terroristen: "Bürger gegen Gefahren schützen"

Es sei ihm darum gegangen, "die Fähigkeit des Staates zu beweisen, seine Bürger gegen Gefahren zu schützen", so begründete er später seine konsequente Haltung. Es sei ihm wichtiger als alles andere gewesen, das Vertrauen der Bürger in die Schutzfunktionen des Staates zu wahren: "Und das bedeutete, die Terroristen nicht freizulassen." Schmidt ließ in einer äußerst riskanten Aktion die Lufthansa-Maschine von einem Spezialkommando des Bundesgrenzschutzes befreien. Wären dabei Geiseln ums Leben gekommen, so verkündete Schmidt später, wäre er vom Amt des Bundeskanzlers sofort zurückgetreten. Es war der Höhepunkt seiner politischen Karriere, die ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinem Eintritt in die SPD begann.

Steile Politikerkarriere

Bereits als Innensenator in seiner Heimatstadt Hamburg erwarb er sich den Ruf als fähiger Krisenmanager: Als es 1962 galt, mit einer verheerenden Sturmflut fertig zu werden, setzte er kurz entschlossen - und gegen alle Regeln - die Bundeswehr ein.

Helmut Schmidt bei Lagebesprechung Flutkatastrophe 1962 - Foto Keystone

Krisenmanger Schmidt (1962): Einsatz gegen alle Regeln

Es folgte ein steiler Aufstieg in der Bundespolitik: 1964 wurde Schmidt zunächst Vorsitzender der SPD-Fraktion. Nach Bildung der ersten Regierungskoalition zwischen SPD und FDP machte ihn der damalige Bundeskanzler Willy Brandt 1969 zum Verteidigungsminister. Seine Autorität als Sicherheitsexperte wuchs weiter.

Als Willy Brandt 1974 im Zusammenhang mit der Guillaume-Affäre zurücktrat, war Helmut Schmidt sein geradezu natürlicher Nachfolger. Wie er später in einem Fernsehinterview zugab, war er sich von Anfang an bewusst, kein einfaches Amt anzutreten: "Willy Brandt hatte beim deutschen Volk unglaublich hohe Erwartungen geweckt." Mit der Ölkrise 1973 und der folgenden Rezession seien diese aber nicht mehr zu erfüllen gewesen.

Der "Macher" Schmidt

Dennoch ging Schmidt die Probleme mit Tatkraft und Entschlossenheit an und galt schon bald als kompromissloser "Macher". Das spiegelte sich in spektakulären Erfolgen gegen den RAF-Terrorismus wie bei der Geiselbefreiung in Mogadischu wider, aber auch in seiner zähen Beharrlichkeit in Wirtschaftsfragen. Und auch wenn Schmidt die wirtschaftliche Lage nicht grundlegend bessern konnte, im In- und Ausland wuchs ihm bald - nur halb scherzhaft - der Ruf eines "Weltökonomen" zu. Die deutschen Wähler jedenfalls schenkten ihm bei zwei Bundestagswahlen - 1976 und 1980 - ihr Vertrauen.

Gespaltenes Verhältnis

Das Verhältnis zur eigenen Partei, der SPD, war während all dieser Jahre allerdings nie ganz spannungsfrei. Schmidt galt als eher rechter Sozialdemokrat, der sich auch mal über Parteitagsbeschlüsse hinwegsetzte. Besonders deutlich wurde die Konfrontation, als es Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre um die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses ging.

Helmut Schmidt im Kanzleramchland - Foto: dpa

Bundeskanzler Schmidt in seinem Büro im Kanzleramt: "Kein einfaches Amt"

Der überzeugte "Atlantiker" Schmidt befürwortete mit Nachdruck die Stationierung weiterer amerikanischer Atomraketen in der Bundesrepublik. Den Widerstand, der sich in seiner Partei, aber auch auf Großdemonstrationen formierte, bezeichnete Schmidt als naiv: Wer an die Stelle vertraglich gesicherter Abrüstung eine einseitige Abrüstung setzen wolle, so schrieb er seinen politischen Gegnern ins Stammbuch, "dem muss ich sagen, die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass einseitige Ohnmacht Aggression durch die Übermacht keineswegs verhindert."

Die SPD trug diesen Kurs nur unter größtem Zögern mit und änderte ihre Position ganz offiziell wieder, nachdem Schmidt 1982 aus dem Kanzleramt geschieden war. Die Ursache dafür war die "Wende" der FDP - des SPD-Koalitionspartners -, die in das Regierungsbündnis mit der CDU/CSU wechselte. Die FDP hatte mit der "Wende" auch eine grundlegende Umorientierung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik gemeint. Für Schmidt war das inakzeptabel: Was die FDP damit meine, sei "eine Abwendung vom demokratischen Sozialstaat und eine Hinwendung zur Ellbogengesellschaft."

Fremdeln mit der eigenen Partei

In den folgenden Jahren zog sich Schmidt aus der politischen Szene zurück, wurde Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" und hielt rund um den Globus Vorträge zu politischen und wirtschaftlichen Fragen.

Die neue Riege an der Spitze der SPD blieb ihm weitgehend fremd. Nur in Ausnahmefällen - etwa 1998 für Gerhard Schröder - fand er sich bereit, Wahlkampfauftritte für die SPD zu machen. Nachdem Schmidt sich lange zur Entwicklung und dem Führungspersonal seiner SPD zurückgehalten hatte, überraschte er 2011 die Öffentlichkeit, als er seinem langjährigen Schachpartner Peer Steinbrück mit dem Satz: "Der kann es" die Fähigkeit zur Kanzlerschaft attestierte. Diesen Satz habe er kurz nach dem Tod seiner langjährigen Ehefrau Loki gesagt, erklärte er später: "Ich stand unter dem Eindruck: Möglicherweise kann ich das in einem Jahr nicht mehr sagen, weil ich dann nicht mehr lebe. Und da habe ich meine Wahrheit gesagt. Und die gilt heute noch.“

Kurze Zeit später auf dem SPD-Parteitag in Berlin hielt er - nach zwölf Jahren Abwesenheit - eine viel beachtete Rede. Allen Fremdheitsgefühlen zum Trotz blieb Helmut Schmidt bis zu seinem Tod ein engagierter Sozialdemokrat.

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