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Kommentare

Kommentar: Foulspiel am christlichen Deutschland

Parallel zum wichtigsten Gottesdienst des katholischen Kirchenjahres wird am Samstag in Berlin ein Fußball-Länderspiel angepfiffen. Im christlichen Abendland ist offenbar nichts mehr heilig, meint Felix Steiner.

Nicht erst seit dem Beginn der Flüchtlingskrise im vergangenen Spätsommer haben viele Deutsche Angst vor einer Islamisierung des Landes. Oder, wie es die Meinungsforscher genauer und eleganter formulieren: Sie fürchten eine Zunahme des Einflusses des Islam in Deutschland.

Schon Anfang September hat Bundeskanzlerin Merkel auf solcherlei Sorgen die passende Antwort gegeben. Bei einem Besuch an der Universität Bern, wo ihr die Ehrendoktorwürde verliehen worden war, konterte sie eine entsprechende Frage mit dem Hinweis, man könne den Muslimen ja wohl kaum vorwerfen, dass sie ihren Glauben lebten und praktizierten. Und empfahl den besorgten Christen, sie könnten ja auch mit ihrem Glauben und ihren Traditionen wieder etwas offensiver umgehen.

Anpfiff pünktlich zur Osternachtfeier

Welch geringe Resonanz Merkels Appell im heutigen Deutschland auslöst, wird an diesem Wochenende deutlicher als je zuvor: Am Samstagabend, wenn sich die Katholiken in ihren Kirchen zur Osternachtfeier, dem wichtigsten Gottesdienst des Jahres versammeln und der Auferstehung Christi gedenken, wird im Berliner Olympiastadion das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen England angepfiffen.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Es stimmt wohl: In keinem muslimischen Land wäre eine solche Terminüberschneidung denkbar, der Sport hätte eindeutig hinter der Religion zurückzustehen. Aber richtig ist auch: Der Vorsitzende des Deutschen Fußballbundes ist kein Muslim. Es handelt sich also mitnichten um die Provokation eines nach Vorherrschaft drängenden Islam. Im völlig kommerzialisierten europäischen Fußball war vermutlich einfach kein anderer Termin für das sportlich eigentlich irrelevante Freundschaftsspiel zu finden. Im Big Business von TV-Übertragungsrechten und Sponsoring haben religiöse Befindlichkeiten eben hintan zu stehen. Außerdem: Wer geht heute überhaupt noch zum Gottesdienst?

Rund fünf Prozent der Protestanten und nur wenig mehr als zehn Prozent der Katholiken - das ist die traurige Wirklichkeit. An den finanziellen Mitteln kann es nicht liegen: In Deutschland seien "die Kassen voll und die Kirchen immer leerer" klagte der Papst-Sekretär Erzbischof Gänswein vergangene Woche erst im DW-Interview. Eintreten für den Glauben oder die Interessen der Kirche ist völlig aus der Mode gekommen in Deutschland - bis in höchste Kirchenkreise hinein. Was zum Beispiel daran zu erkennen ist, dass sich auch seitens der Kirche niemand - weder die Bischöfe noch die sonst zu allem eine Pressemitteilung verbreitende Laienorganisation "Zentralkomitee der deutschen Katholiken" - über das Fußballspiel am Abend der heiligen Osternacht erregen mag.

Entchristlichung aus eigenem Antrieb

Der Befund ist eindeutig: Deutschland entfernt sich ganz allein und aus eigenem Antrieb immer stärker von seinen christlichen Wurzeln. Religiöse Tradition darf nur noch dort auf uneingeschränkte Akzeptanz hoffen, wo sich auch kommerzielle Interessen verfolgen lassen - vom Nikolaus-Stiefel über die große weihnachtliche Bescherung an Heiligabend bis zum Osternest. Wo der christliche Jahreskreis hingegen zum Konsumverzicht auffordert - in der Fastenzeit etwa oder mit dem Tanz- und Vergnügungsverbot an den Totengedenktagen im November - werden die Gläubigen schnell zur Randgruppe erklärt. Eine Minderheit, die der längst säkularen Mehrheit keinesfalls Verhaltensvorschriften machen dürfe.

So sei an dieser Stelle die Prognose gewagt: Irgendwann in den kommenden 25 Jahren werden auch am Karfreitag in Deutschland die Geschäfte geöffnet sein. Die Ursache wird aber gewiss nicht der wachsende Einfluss der derzeit fünf Prozent Muslime in Deutschland sein. Sondern der mangelnde Respekt eines wachsenden, völlig areligiösen Bevölkerungsteils vor christlicher Kultur und gesellschaftlichen Traditionen in Europa. Vermutlich wird irgendein Einzelhändler vor Gericht ziehen und die Frage aufwerfen, warum Vergnügungsparks am Todestag Jesu - einem traditionell "stillen" Tag - öffnen dürfen, der Verkauf von Hosen und Handys aber nicht statthaft sein soll. Und die Richter werden ihm recht geben, weil es zum einen um Geld geht und alles andere ja auch eine Benachteiligung der Hosenverkäufer wäre. Und stören wird das alles kaum noch jemand. Weil im christlichen Abendland kaum noch jemandem irgendetwas heilig ist.

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