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Nahost

Kommentar: Faszination Dschihad

Auch wenn der so genannte "Islamische Staat" (IS) militärisch unter Druck zu geraten scheint: Die Verführungskraft seiner mörderischen Ideologie auf junge Muslime bleibt hochgefährlich, meint Rainer Sollich.

Kobane ist zurückerobert, die irakische Stadt Tikrit steht nach Eroberung des nahegelegenen Ortes Al-Alam möglicherweise vor der Einnahme: Solche Nachrichten nähren die Hoffnung, dass der "Islamische Staat" (IS) an Macht verlieren und militärisch in naher Zukunft besiegt werden könnte. Dafür könnten auch weitere Indizien sprechen. Erstens: Der IS macht Jagd auf Deserteure. Er soll rund 30 eigene Leute umgebracht haben, weil sie vor dem "Feind" geflohen waren - ein typisches Phänomen für Kampfverbände, die sich in Bedrängnis sehen, sagen Experten. Zweitens: Mit den Angriffen kurdischer Verbände auf vom IS erbeutete Ölanlagen nahe der irakischen Stadt Kirkuk droht dem IS eine wichtige Einnahmequelle wegzubrechen. Und drittens: Die scheinbar blindwütige Zerstörung antiker Kulturstätten durch die Dschihadisten könnte als Verzweiflungstat interpretiert werden. Gerade weil die Schlacht verloren scheint, soll möglichst viel verbrannte Erde hinterlassen werden.

Allerdings lassen sich all diese Signale und Indizien auch anders interpretieren: Der IS mag in Teilen Syriens und Iraks militärisch auf dem Rückzug sein - was aber ist mit seinem gestiegenen Einfluss in Libyen, wo der IS erst von wenigen Wochen öffentlichkeitswirksam dutzende ägyptische Christen massakriert hat? Was ist mit der Lage auf dem Sinai, wo das ägyptische Regime einen IS-Ableger nicht in den Griff bekommt? Was ist mit der neuen ideologischen Allianz, die sich zwischen dem IS und der afrikanischen Terror-Organisation Boko Haram abzeichnet und die beide Seiten für sich als Propaganda-Erfolg verbuchen? Und vor allem: Kann der IS wirklich besiegt werden, solange Syriens Diktator Baschar al-Assad weiter Wohnviertel bombardieren lässt und gegenseitiger Hass und Verteilungskonflikte zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak ungelöst bleiben?

Fortbestehende Probleme in der arabischen Welt

Für einen Abgesang auf den IS ist es leider noch zu früh. Sämtliche politischen Probleme, die zu seinem Erstarken geführt haben, bestehen bis auf weiteres fort. Dies gilt nicht nur für den Syrien-Krieg und die unzureichende Einbindung der Sunniten im Irak - sondern auch für die wirtschaftlich und politisch völlig hoffnungslose und frustrierende Lage in beinahe allen arabischen Staaten, insbesondere für die jüngeren Generationen.

Deutsche Welle Rainer Sollich Arabische Redaktion

Rainer Sollich, Redakteur bei DW-Arabisch

Ungebrochen und vermutlich noch viel schwerer zu besiegen ist vor diesem Hintergrund die ideologische Verführungskraft des IS, die abstoßende Faszination, die aus Sicht seiner Anhänger gerade von den brutalen Inszenierungen und der unerbittlichen Kriegsführung des "Islamischen Staates" ausgeht. Denn deutlich ist: Der Dschihadismus gibt jungen, desorientierten Muslimen weltweit das Gefühl, in einer historischen Entscheidungsschlacht zwischen dem "wahren" Islam und dem "ungläubigen" Rest der Welt auf der richtigen Seite zu stehen. Enthemmtes Töten von Gegnern und Geiseln und dessen mediale Inszenierung in sozialen Netzwerken befriedigt Allmachtsphantasien und lässt das Adrenalin steigen. So schwer das für erwachsene, gebildete Menschen zu begreifen ist: Blutiger Dschihadismus und der damit verbundene Zivilisationsbruch gilt unter diesen jungen Leuten als "cool" - sie verschaffen sich dadurch einen "Kick", den sie anderswo nicht bekommen.

Reformen müssen aus dem Islam selbst kommen

Weder in der islamischen Welt, noch in Europa ist dagegen bisher ein geeignetes Mittel gefunden worden. Die arabischen Gesellschaften sind kulturell und zivilisatorisch so erstarrt und stehen wirtschaftlich derart unter Druck, dass sie praktisch handlungsunfähig sind. Politische oder gesellschaftliche Reformen sind hier nach dem Scheitern des "Arabischen Frühlings" absehbar kaum zu erwarten. In Europa wiederum blickt man ratlos auf die steigenden Zahlen von Dschihad-Touristen und nimmt die sozialen Problemviertel am Rande der Städte ins Visier: Mehr Integration von Muslimen wird gefordert, ebenso staatlicher Islamunterricht.

Dieser Ansatz ist nicht falsch - aber er ist unzureichend. Der Impuls zu dringend notwendigen Reformen muss aus dem Islam selbst kommen, von religiösen Würdenträgern im Nahen und Mittleren Osten ebenso wie von den Muslimen in Europa. Notwendig ist nicht nur ein neues Islamverständnis, das endlich Anschluss an die Moderne findet - sondern auch ein Islam, der junge Muslime begeistern und ihrem Leben Sinn stiften kann: ein "Kick" jenseits von Terror und Gewalt.

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