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Reformationsjubiläum

Kommentar: Die unerwartete Reformation

Deutschland, Land der Reformation? Das war gestern. Die meisten Protestanten leben in Afrika, Asien und Lateinamerika. Der Streit um Luthers Erbe und das nächste Jubiläum müssen dort stattfinden, meint Astrid Prange.

Brasilianische Pfingstkirchler Evangelikalen Messe Ekstase (AFP/Getty Images)

Evangelikale Erneuerung: Gottesdienstbesucher in einer Pfingstkirche in der brasilianischen Stadt Goiania

Im Anfang war das Wort. Der berühmte Satz aus der Bibelübersetzung von Martin Luther hätte das Motto des Reformationsjubiläums sein können. Schließlich wurde die Reformation durch den wortgewaltigem Anschlag von Martin Luthers Thesen vor 500 Jahren ausgelöst.

Doch es kam anders. Das Jubiläum löste große Hoffnungen und Träume aus, denn Martin Luther entpuppte sich als wunderbarer Werbeträger. Wer weiß, vielleicht würde das Jubiläum hierzulande eine neue Reformation auslösen und den Kirchen unverhofften Zulauf bescheren?

Die große Hoffnung entfachte große Begeisterung. Nicht nur ein Jahr lang, nein zehn Jahre lang sollte das 500-jährige Jubiläum der Reformation hierzulande gefeiert werden: 2007 rief die Evangelische Kirche in Deutschland eine "Luther-Dekade" aus.

Protestantische Ernüchterung

Die Hoffnung ist mittlerweile protestantischer Ernüchterung gewichen. Die reformatorische Erneuerung fand nicht statt. Die Zahl der Christen in Luthers Heimat schwindet weiter. Luthers Gottesfurcht, seine Radikalität und sein Aufruf zur lebenslangen Buße wirken auf viele Menschen hierzulande befremdlich .

36. Evangelischer Kirchentag - Wittenberg (picture alliance / Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa)

Besucher des Evangelischen Kirchentags fotografieren sich im Mai 2017 in Wittenberg vor einer Weltkugel

Auch wenn 2016 erstmals seit längerer Zeit wieder mehr Menschen in die evangelische Kirche ein- als ausgetreten sind: Seit der Wiedervereinigung 1990 ist der Anteil der Protestanten in Deutschland von 36 Prozent auf 26 Prozent in der Bevölkerung gesunken.

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: Auch Feiern für ein solch epochales Gedenken wie 500 Jahre Reformation lassen sich nicht eine Dekade lang durchhalten. Die Ausrichter, allen voran die Evangelische Kirche in Deutschland, haben den Bogen überspannt.

Charismatisch und radikal

Damit nicht genug. Sie haben auch einen wichtigen Trend der "Weltbürgerin Reformation", eine treffende Beschreibung des Lutherischen Weltbundes, zu wenig berücksichtigt. Denn die protestantische Erneuerung findet heute nicht mehr in Deutschland statt, sondern ganz woanders. Und anders als gedacht.

Kommentarbild Astrid Prange (DW/P. Böll)

DW-Autorin Astrid Prange de Oliveira

Nach Angaben des Center for the Study of Global Christianity leben schon jetzt 228 Millionen der weltweit 560 Millionen evangelischen Christen in Afrika. Rund 130 Millionen sind es auf dem amerikanischen Kontinent, knapp 100 Millionen in Asien und rund 90 Millionen in Europa.

Insgesamt bekennen sich weltweit 2,3 Milliarden Menschen zum christlichen Glauben, zwei Drittel von ihnen leben in Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Mehrheit sind Katholiken. Doch in diesen Regionen wachsen evangelikale und pfingstkirchliche Strömungen, die das Wort Gottes ganz im Gegenteil zum deutschen Protestantismus theologisch rigoros und politisch konservativ interpretieren.

Gegenreformation in Lagos?

Diese neue konservative Reformation wird auch in Europa ankommen. Wie sollen die Kirchen hierzulande auf diese Entwicklung reagieren? Was würde Luther zu dieser Art "Reformation" sagen? Würde er die wörtliche Auslegung der Bibel gar begrüßen? 

Anstatt sich nach 500 Jahren immer noch an der katholischen Kirche und dem Papst abzuarbeiten, sollten Protestanten heute ihr Veto gegen die neuzeitlichen Ablassprediger einlegen: die Verkünder des sogenannten Wohlstandsevangeliums oder des Weltuntergangs.

Theologisch ist Deutschland für diese Debatte bestens gerüstet, denn es gehört international zu den führenden Ländern in den theologischen Wissenschaften. Und die gesellschaftliche Verankerung des Protestantismus prägt weiterhin die politische Kultur hierzulande - auch wenn Glauben und Gottvertrauen schwinden.

Es ist deshalb an der Zeit, zu den Ursprüngen Luthers zurückzukehren: "Im Anfang war das Wort." Der theologische Streit über die "alte" und "neue" Reformation muss nicht nur in Deutschland, sondern in Lagos, Seoul und São Paulo geführt werden. In einer dieser Metropolen sollte dann auch das nächste Reformationsjubiläum stattfinden.

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