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Kommentare

Kommentar: Die Marke "Berliner Philharmoniker" hat Schaden genommen

Bei der Wahl zum neuen Chefdirigenten konnten sich die Berliner Philharmoniker nicht einigen. Was heißt das für das Orchester? Welche Richtungen prallten bei der Wahl aufeinander? Rick Fulker kommentiert das Ereignis.

Der Sunny-Boy aus Venezuela oder der israelische Allround-Musiker? Welcher Klangzauberer: der lettische Mittsiebziger oder der 40-jährige Frankokanadier? Das vorläufige Ergebnis: Weder Dudamel noch Barenboim, noch Jansons noch Nézet-Séguin. Auch nicht der andere, vom Publikum sehr geliebte Lette mit dem Namen Nelsons. Weder der Italiener Chailly noch der Deutsche Thielemann - auf den es für Viele fast schicksalshaft hinauszulaufen schien.

Fast zwölf Stunden Beratung und immer noch kein Ergebnis. Das ist einmalig in der Geschichte eines einzigartigen Orchesters. Demokratie, wie man weiß, ist nicht immer eine reibungslose Angelegenheit. Erst recht nicht die reine Basisdemokratie, die die Berliner Philharmoniker pflegen: 124 festangestellte Musiker, jeder stimmberechtigt; bisheriger Chefdirigent und Geschäftsführer vom Wahlprozess ausgeschlossen.

Wie geht das nun weiter? Später im Jahr wird man wieder zusammenkommen, um einen Nachfolger für Simon Rattle zu wählen, sagte der Orchestervorstand Peter Riegelbauer nach der Orchesterversammlung.

Zwischen Groll und Sternstunde

Simon Rattle hat es oft gesagt: Diese sei die schwierigste Dirigentenstelle der Welt. Die Berliner Philharmoniker zu dirigieren sei, wie Sex mit jemandem zu haben, den man gar nicht mag, soll er auch mal geäußert haben. Dies liegt nicht nur an der Berliner Schnauze oder am sprichwörtlichen Selbstbewusstsein - man sagt auch: Arroganz - dieser Musiker. Sondern der neue Chefdirigent hat die Doppelfunktion als Musikdirektor und trägt damit die Verantwortung für sämtliche künstlerische Belange der Organisation.

Fulker Rick Kommentarbild App

DW-Musikredakteur Rick Fulker

Schon im Vorfeld hat sich der Groll breit gemacht, Erwartungen wurden gedämpft. Andris Nelsons, 36 Jahre alt und beim Boston Symphony Orchestra tätig, sagte, er halte sich für noch zu jung für den Posten. An der anderen amerikanischen Küste hat der noch jüngere Gustav Dudamel seinen Vertrag mit dem Los Angeles Philharmonic neulich bis 2022 verlängert und sich quasi aus dem Rennen gezogen. Ebenso Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und Daniel Barenboim - der in seiner langen Laufbahn bereits zweimal übergangen wurde (das Orchester wählte stattdessen Claudio Abbado, danach Simon Rattle) - erklärte klipp und klar, er stünde nicht zur Verfügung. Nur noch wenige ließen sich auf die Blamage ein, nicht gewählt zu werden. Christian Thielemann zum Beispiel, der zwar betont hat, er sitze sehr zufrieden und fest im Sattel der Staatskapelle Dresden - der jedoch auch bestimmt mit Berlin geliebäugelt hat. Nur dieser Maestro ist für viele ein wenig zu eng im Repertoire - und dafür etwas zu kantig mit seinen nichtmusikalischen Äußerungen: Er gilt beispielsweise als "Pegida-Versteher".

Der Richtungsstreit

Bald nach Beginn der Ära Simon Rattle vor 13 Jahren wurde ein Richtungsstreit in den Orchesterreihen deutlich. Traditionalisten befürchteten, Rattle erschließe zu viel neues Repertoire und vernachlässige die deutsche klassisch-romantische Tradition, er verändere damit den Traditions-Klangkörper zu sehr. Unterstützer waren dagegen von den neuen Bahnen, die Rattle einschlug, begeistert: Mit multimedialer Verbreitung und Bildungsprojekten löste er sein Versprechen ein, die Berliner Philharmoniker für das 21. Jahrhundert fit zu machen.

Was bleibt vom spannendsten Tag des Jahres in der Musikwelt, oder vom "Festtag der Orchesterdemokratie", wie Peter Riegelbauer ihn nannte? Nur ein Scherbenhaufen.

Die Marke Berliner Philharmoniker

Music Made in Germany gilt als Mercedes Benz der Branche weltweit, und darin sind die Berliner die S-Klasse. Die Berliner Philharmoniker sind längst eine Marke: Im vergangenen Jahr gründeten sie ein eigenes Label. Ihr "Digital Concert Hall" für die Konzertübertragung im Internet setzte Maßstäbe. "Wir können es besser," so lautet es aus Berlin, und zwar, nicht nur besser spielen, sondern auch besser verbreiten, vermarkten und vernetzen.

Wie präsentiert sich das Orchester in Zukunft? Ist es längst Zeit, sich wieder auf traditionelle Werte zu konzentrieren? Oder die Öffnung des Klangkörpers weiter in die digitale Welt, in die Gesellschaft und in die musikalische Moderne hinein voranzutreiben?

Und was bedeutet der nun "Nicht-Schicksalstag" 11. Mai? Die besten Dirigenten der Welt wurden in Erwägung gezogen. Bei der Neuwahl müssten die Musiker nun den Mut aufbringen, keine der bisherigen Kandidaten - über die auch in der Fachpresse uneinig spekuliert wurde - zu küren, sondern einen Dirigenten oder eine Dirigentin aus der zweiten Liga. Denn keiner der bislang hochgehandelten Kandidaten kann den Wahlmarathon am 11. Mai unbeschadet überstanden haben. Jeder davon müsste danach wissen, er habe einen großen Teil der Instrumentalisten gegen sich. Der begehrteste Job der Klassikwelt wäre dann die reine Hölle.

Nur eines ist gewiss: Die Marke Berliner Philharmoniker hat Schaden genommen.

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