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Kultur

Das Erfolgsrezept der Berliner Philharmoniker

Ob per Schallplatte oder Mediathek, die Berliner Philharmoniker schaffen es stets, ihren unvergleichlichen Sound in die Welt zu bringen. Das "Made in Germany"-Etikett verhalf den Berlinern zu globalem Ruhm.

"Das Beste oder nichts" ist ein Werbespruch von Mercedes-Benz, könnte aber genauso gut die Berliner Philharmoniker ins Licht rücken.

Ebenso wie der Luxusautohersteller ist das weltklassige Orchester nicht nur von Sibirien bis zu den Anden bekannt, sondern auch untrennbar von den durchaus positiven stereotypischen deutschen Eigenschaften: "Präzision, technische Perfektion, absolute - mit Bezug auf Musik - Werktreue, oder Zeichnungstreue, wenn es um eine Maschine geht," erklärt die in Deutschland lebende russische Musikkritikerin und Journalistin Anastassia Boutsko.

Was klassische Musik angeht, hat Deutschland einen eindeutigen Heimvorteil, von dem auch sein berühmtestes Orchester profitiert. Leipzig hat Bach, Bonn gibt mit Beethoven an und Bayreuth vergöttert Wagner: das Standardorchesterrepertoire ist fast wie ein Unterricht in Deutschlandkunde für den Musikfan in Tokio, Dubai oder Los Angeles. Doch die Faszination, die von den Berlinern ausgeht, und die heiße Spekulation über den möglichen Nachfolger von Simon Rattle sind auf das Orchester selber zurückzuführen. Sein Image, hauptsächlich von den Dirigenten Simon Rattle und Herbert von Karajan vorangetrieben und gleichermaßen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fundamentiert, ist kein Zufall.

Konzert auf der Couch

"Mit der Digital Concert Hall ist es quasi ein globales Orchester", sagt James Jolly, Chefredakteur der renommierten Zeitschrift "Gramophone." Das Orchester, das in den 1880er Jahren in einer bescheidenen Berliner Rollschuhbahn spielte, setzte 2009 ein Zeichen im World Wide Web. Die Digital Concert Hall ist eine Plattform, auf der Abonnenten gegen eine Flatrate-Gebühr live Konzerte, vergangene Auftritte und Filme über das Orchester wie Thomas Grubes "Rhythm Is It" und "Trip to Asia" schauen können. Die Digital Concert Hall gibt es auch als App: Damit können klassische Musikfans wie Maria Karakusheva aus Bulgarien sich von überall einschalten.

Die Mediathek ist nicht die einzige Online-Initiative unter Eliteorchestern: Die New York Philharmonic zum Beispiel verlässt sich auf Partnerschaften mit etablierten Marken wie Spotify, iTunes und Roku. Aber die Professionalität des Auftritts, das Abo-Konzept und der Ansatz, alle Angebote zu bündeln, beweisen, dass die Berliner in der digitalen Welt mit anderen konkurrieren können.

Laut Anastassia Boutsko sei die Digital Concert Hall besonders wichtig für Fans in Russland, wo "klassische Konzerte speziell für junge Leute, Streber und Anti-Putin-Gesinnte eine Art Revolte" seien. Dort könne sich die Mehrheit der Musikliebhaber keine Konzertkarten leisten oder wohne zu weit weg vom nächsten Konzertsaal.

Als die Berliner Philharmoniker 2008 zum letzten Mal in Moskau auftraten, kosteten Karten im Durchschnitt $100, erinnert sich Boutsko. Das führte dazu, dass Studenten, die sich den Eintritt nicht leisten konnten, sich tagsüber auf der Toilette im Konzertgebäude versteckten, um sich abends unbemerkt in den Saal hineinschleichen zu können.

Die Digital Concert Hall ist als Erweiterung der Berliner Philharmonie gedacht und kann keineswegs das Erlebnis eines Livekonzerts ersetzen, was die Bindung zu internationalen Fans wie Greek Gentleman angeht. Er lobte auf Twitter das Europakonzert am 1. Mai in Athen mit dem Stargeiger Leonidas Kavakos als "ausgezeichnet".

Schallplatten und die Karajan-Ära

Die Berliner Philharmoniker stehen mit ihrer Social Media Präsenz mindestens genauso gut da wie andere Weltorchester wie das London Symphony Orchestra und die New Yorker Philharmoniker. Orchestermitglieder mit eigenen Internetauftritten - wie die Hornistin Sarah Willis, die die Deutsche Welle-Sendung "Sarah's Music" moderiert - stärken weiterhin das digitale Following der Berliner. Aber ihr internationaler Ruf wurde auf einem Fundament gebaut, das wenig mit moderner Technologie zu tun hat: die Schallplatte.

"Die Berliner Philharmoniker sind überall in Lateinamerika ein Begriff, weil die Deutsche Grammophon Gesellschaft sich immer darum gekümmert hat, die Schallplatten überall hin zu exportieren", meint Ramón Gorigoitia, ein in Köln lebender chilenischer Komponist und Autor.

Gorigoitia, der in den späten 70ern und frühen 80ern Klavier und Komposition in Valparaiso studierte, erinnert sich daran, damals die Aufnahmen der Berliner in seiner Heimat gekauft zu haben. Zu dem Zeitpunkt war der Österreicher Herbert von Karajan mitten in seiner 33-jährigen Amtszeit als Chefdirigent.

"Er hat im Prinzip die modernen Berliner Philharmoniker geschaffen", sagt James Jolly über Karajan, dem die Entwicklung des einzigartigen Klangs des Ensembles überwiegend zugesprochen wird. "Es war vermutlich die stärkste Marke in der Musikwelt."

Herbert von Karajan bei einer Probe

Herbert von Karajan bei einer Probe 1966

Karajan legte auf die Großen der Klassik und Romantik Wert: Beethoven, Bruckner, Wagner und Strauss. Aber 1969 dirigierte er die Werke von Dimitri Schostakowitsch in Moskau - in Anwesenheit des Komponisten, der für sein turbulentes Verhältnis zum kommunistischen Regime bekannt war.

Das Konzert mitten im Kalten Krieg war ein Meilenstein für das russische Publikum, meint Boutsko: "Diese Geste, 'Ihr gehört zu uns', war unglaublich. Diese Geste der Internationalität und Solidarität ist bis heute kaum zu überschätzen."

Buntere Konzertprogramme

Boutsko und Gorigoitia sind sich einig, dass Simon Rattles Nachfolger Werke von nicht-europäischen und vorzugsweise zeitgenössischen Komponisten ins Programm bringen muss, um Zuhörer aus allen Kontinenten dauerhaft zu halten.

"Wenn man gezielt auf einen lateinamerikanischen Markt setzt, dann muss man gucken, was man von Heitor Villa-Lobos oder Alberto Ginastera oder Silvestre Revueltas ins Programm bringen kann, damit diese Globalisierung und dieser kulturelle Austausch auf höchster Ebene funktioniert und tatsächlich auch stattfindet", sagt Gorigoitia.

Wer auch immer zum neuen Chefdirigenten ernannt wird, muss das fünfstündige Konzert einführen, um Beethoven, Brahms und Co. mit längst vergessenen Juwelen und internationalen Meisterwerken zu kombinieren, damit jeder sich mit der Musik identifizieren kann. Aber wenn der Fan über die App von seinem Wohnzimmer in New Delhi oder Dublin zuschaut, kann er jederzeit ein- und ausschalten - und ein Abo ist deutlich erschwinglicher als ein deutsches Luxusauto.

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